Schulen braucht das Land

November 8, 2017 | Author: Dominik Koch | Category: N/A
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Schulen braucht das Land

Märkische Akademie Ländlicher Raum e. V.

Arbeitsgemeinschaft der Akademien Ländlicher Raum

Arge Ländlicher Raum

Dokumentation der Begleitveranstaltung

Schulen braucht das Land!

im Rahmen des Zukunftsforums Ländliche Entwicklung des BMELV

am 21. Januar 2010 auf der IGW in Berlin

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Impressum Redaktionelle Bearbeitung: Josef Attenberger, München Axel Lorig, Mainz

Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft der Akademien Ländlicher Raum in den deutschen Ländern (Arge Ländlicher Raum)

München, Juli 2010 ISBN 3-931863-.....

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Inhaltsverzeichnis Seite Begrüßung und Einführung Staatssekretär a.D. Rüdiger v. Plüskow, Vorsitzender der Akademie für die Ländlichen Räume Schleswig-Holsteins e.V.

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Schulen braucht das Land - aus Sicht der ländlichen Gemeinden Uwe Lübking, Beigeordneter des Dezernats Sozialpolitik des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Berlin

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- aus Sicht der staatlichen Schulbehörden Dr. Marc Jäger, Bayer. Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München

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- aus Sicht der Lehrer Klaus-Peter Hammer, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft RheinlandPfalz

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Erfahrungsberichte national und international Landkreis Traunstein (Bayern) Hermann Steinmaßl, Landrat des Landkreises Traunstein

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Oberbergischer Kreis (Nordrhein-Westfalen) Schulamtsdirektorin Angelika Freund, Schulamt für den Oberbergischen Kreis

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PISA-Vorbild Finnland: Was ist das Geheimnis? Prof. Dr. Matti Meri, Universität Helsinki

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Plenumsdiskussion Leitung: Prof. Axel Lorig, Geschäftsführer der Akademie Ländlicher Raum Rheinland-Pfalz

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Zusammenfassung der Tagungsergebnisse Prof. Axel Lorig

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Veröffentlichungen der Arge Ländlicher Raum

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Begrüßung und Einführung

Rüdiger v. Plüskow

Ich begrüße Sie alle im Namen der Arge Ländlicher Raum. In unserer Arbeitsgemeinschaft haben sich die Akademien ländlicher Räume der Länder zusammengeschlossen, um unsere Kräfte zu bündeln und ein Sprachrohr gegenüber Bund und EU zu haben. Wir haben am Zukunftsforum von Anfang an teilgenommen, mit Erfolg. Dabei konzentrieren wir uns auf Themen, die die Menschen nachhaltig bewegen und auch beunruhigen. So stand voriges Jahr die Gesundheit im Mittelpunkt. Heute ist das brisante Problem Bildung. Wegen der Komplexität der Riesenmaterie haben wir uns auf die Schule beschränkt, um an diesem kurzen Vormittag eine vertiefte Diskussion zu ermöglichen. Ich freue mich sehr, dass es gelungen ist, dazu alle wichtigen Akteure an einen Tisch zu bekommen. Ich heiße Sie herzlich willkommen. Es ist uns eine besondere Freude, heute Prof. Matti Meri von der Universität Helsinki bei uns zu haben. Er ist ein in allen Sätteln gerechter Schulexperte und soll uns die Geheimnisse der beispiellosen finnischen Bildungserfolge erläutern. Er wird uns dafür sicher sehr praktische Erklärungen geben. Es wird aber wohl auch am SISU liegen, dieser nur den Finnen eigenen mentalen Kraft, die alle Hindernisse überwindet. Wir sind gespannt.

Bevor Prof. Lorig als Moderator das Kommando übernimmt, will ich einige allgemeine Anmerkungen machen: Bildung ist für den Einzelnen und für die Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Für jeden ist Bildung die Voraussetzung für persönliche und berufliche Entfaltung, für wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe und damit persönliches Glück. Sie ist nicht zuletzt wichtiger Schutz vor Arbeitslosigkeit.

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Das Bildungsniveau bestimmt Wohlfahrt und Wachstum unseres rohstoffarmen Landes. In der heutigen Wissensgesellschaft ist ein hohes Humankapital ein bedeutsamer Wettbewerbs- und Standortvorteil. Nur eine Zahl dazu: eine neue Untersuchung der Bertelsmannstiftung stellt fest: hätten alle deutschen Schüler den finnischen Standard, könnte unser Land bis 2090 fast 10 Billionen EURO zusätzlich erwirtschaften – unser Schuldenproblem wäre gelöst. Das deutsche Bildungssystem – früher das beste der Welt – hat heute besorgniserregende Defizite:



ein zu starres, unübersichtliches Schulsystem, das übermäßig Risikoschüler, Wiederholer und Abbrecher produziert und so Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit beeinträchtigt,



unattraktive Hochschulen, die zu wenig Studenten anlocken und gleichfalls hohe Abbrecherraten haben,



eine teilweise marode Infrastruktur.

Wir sind also in den auf Grund demografischen Wandels, Finanzmisere und Globalisierung notwendigen Umbau unseres Bildungssystems nicht aus der Poleposition gestartet. Was für die Republik generell gilt, gilt für den ländlichen Raum im Besonderen. Das Bildungsangebot ist hier wegen der geringeren Einwohnerdichte zwangsläufig begrenzter als in der Stadt. Drohende Überalterung und Abwanderung vor allem gut ausgebildeter Frauen werden zur weiteren Verringerung von Bildungseinrichtungen führen und können damit die Zukunftsfähigkeit der ländlichen Regionen gefährden, wenn nichts geschieht. Was also ist zu tun? Erfreulich ist immerhin, dass die Erkenntnis der entscheidenden Bedeutung der Bildung für die Zukunft unseres Landes sich – wenn auch spät – zumindest verbal durchgesetzt hat. Die Bundeskanzlerin selbst hat die Bildungsrepublik ausgerufen.

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Allerdings verläuft die Umsetzung des guten Willens zäh:



die Reformansätze sind unzureichend,



die Finanzmittel sind viel zu knapp bemessen, um den gewaltigen Reformstau schnell aufzuholen. Außerdem wird selbst bei den vom Bildungsgipfel beschlossenen Budgets getrickst, um die Vorgaben wenigstens rechnerisch zu erreichen



und schließlich behindern die überflüssigen Eifersüchteleien zwischen Bund und Ländern den Reformprozess. Der Föderalismus erweist sich hier als Störfaktor zum Nachteil des ganzen Landes.

Wie können die Lösungsansätze aussehen? Dazu wollen wir heute einiges hören. Doch generell kann man feststellen: Neben den allgemeingültigen – allerdings umstrittenen – Vorstellungen für den Umbau des Bildungssystems bedarf es für die ländlichen Räume besonderer Lösungen. Die wichtigsten Stichworte sind dabei Flexibilität und Kooperation. Wir brauchen mehr Gestaltungsspielräume und Eigen-Verantwortung für alle Bildungseinrichtungen, vor allem für die Schulen, die sich am viel zu kurzen Zügel der Schulbürokraten nicht selbst entfalten können. Für die Erhaltung von Schulstandorten auf dem Land müssen flexiblere Kriterien gelten als in der Stadt. Bei der Entscheidung über den Erhalt einer Schule auf dem Land können nicht allein schulische Überlegungen eine Rolle spielen. Zu berücksichtigen sind auch die soziale und kulturelle Funktion der Schule für den Ort und seine Umgebung. Dabei müssen die betroffenen Gemeinden ebenso wie die Eltern eng eingebunden werden in die Entscheidungen. Nur so kann Akzeptanz entstehen. Vom grünen Tisch nach Aktenlage geht das nicht. Wir brauchen eine intensive Kooperation aller Bildungseinrichtungen auch über die Ostgrenzen hinaus. Wir brauchen eine enge Zusammenarbeit der Schulen mit dem vorschulischen Bereich, den Institutionen der Aus- und Weiterbildung und mit den außerschulischen Partnern wie Vereinen und Verbänden.

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Unverzichtbar für eine lebendige ländliche Bildungslandschaft ist aber auch die sozial gerechte Regelung der Kosten der Kinderbeförderung. Und schließlich brauchen wir endlich eine flächendeckende Breitbandversorgung, um auch entlegenen Regionen ein ausreichendes Bildungsangebot machen zu können.

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Schulen braucht das Land

Aus Sicht der ländlichen Gemeinden

Uwe Lübking

Herr Lorig, meine sehr geehrten Damen und Herren,

vielen Dank für die Möglichkeit eines Eingangsstatements. Mit Blick auf die Zeitvorgabe kann ich viele Punkte nur relativ kurz ansprechen. Soweit ich Einiges nur anreißen kann, können wir das sicherlich in der Diskussion hinterher noch vertiefen. Insbesondere Herr von Plüskow hat schon auf die wesentlichen Punkte hingewiesen, daran kann ich dann auch nahtlos anschließen.

Ich bin beim Deutschen Städte- und Gemeindebund für die Aufgabengebiete Sozialpolitik, Jugendpolitik, Bildung und Kultur zuständig, zusätzlich aber auch für die Bereiche Personal, Organisation, Recht und Sport und diese Themenvielfalt ist immer wieder gefordert, wenn es um die Frage der Zukunft ländlicher Entwicklungen geht.

Schule und Bildung sind für viele Städte und Gemeinden nur eine ganz bestimmte Facette in der Frage der Standorte. Insofern hatten wir gestern ein Forum zum Thema der ärztlichen Versorgung. Es gibt ein Forum für den Breitbandausbau. Alles dies hängt miteinander zusammen. Das heißt, wenn ich die Dienstleistungen vor Ort nicht umfänglich anbieten kann, dann wird eine Kommune unattraktiv. Unattraktiv für Unternehmen, unattraktiv aber insbesondere für junge Familien. Und wir erleben etwas, was auf Grund der demografischen Entwicklung viele Städte und Gemeinden vor 25 Jahren so noch nicht gesehen und in der Deutlichkeit nicht gespürt haben, es gibt Standortwettbewerbe. Früher lebte man in seinem Ort häufig von der Geburt bis an sein Lebensende. Das ist aber anders geworden. Gerade junge Menschen sind viel mobiler und diese Mobilität heißt, man zieht dorthin, wo man die entsprechenden ...

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Rahmenbedingungen vorfindet. Und Rahmenbedingungen sind neben den Arbeitsplätzen auch die Schulangebote.

Ich rede jetzt nicht von denjenigen, die auf Grund ihrer Bildungsbiografie weniger mobil sind, auch weil sie generell Schwierigkeiten haben, Arbeitsplätze zu finden. Diese Menschen bleiben vielfach an ihren angestammten Wohnorten oder in ihren Regionen. Die aber, die qualifiziert sind, die mobil sind, die ziehen dorthin, wo sich attraktive Arbeitsplätze finden lassen und diese insbesondere jungen Familien suchen sich ihren Wohnstandort im Umfeld des Arbeitsplatzes nach ganz bestimmten Kriterien aus. Und dazu gehört nicht nur der Schulbereich, sondern insbesondere auch der Elementarbereich, also die Kindertageseinrichtungen. Wir erleben, dass Eltern in Städten und Gemeinden anrufen und bei den Kommunen nachfragen, was habt ihr für Angebote. Es geht nicht nur um das Angebot als solches oder um die Öffnungszeiten, sondern die Frage nach ganz bestimmten pädagogischen Konzepten in diesen Einrichtungen gewinnt an Bedeutung. Und wenn ich diese qualitativen Einrichtungen nicht habe, dann hat diese Kommune einen Standortnachteil. Und das ist sicherlich auch ein Grund, warum Städte und Gemeinden und natürlich auch Landkreise sich viel stärker im Bereich der Bildung engagieren als dies früher der Fall war.

Wir haben im Schulbereich noch immer die strenge Dualität, also die Kommunen sind zuständig als Schulaufwandsträger und die Länder für die sogenannten inneren Schulangelegenheiten. Ich sage ganz offen, diese Dualität hat sich überlebt. Auch das können wir nicht so aufrechterhalten, wo wir mittlerweile wissen, dass Bildungsprozesse nicht nur in Schulen stattfinden. Es gibt unterschiedlichste Partner der Bildungsprozesse, dazu gehören die Musikschulen, dazu gehören die Volkshochschulen, dazu gehören natürlich alle kulturellen Einrichtungen, die es vor Ort gibt, und dazu gehören insbesondere auch die Vereine. Und diese unterschiedlichen Akteure zusammen zu bringen, ist eine wichtige kommunale Aufgabe. Die Vernetzung dieser Bildungsorte kann ich so vor Ort gestalten und deshalb muss man auch die Kommunen stärker in das Bildungssystem mit einbeziehen. Dass die Kommunen dies wollen, zeigt sich ganz deutlich und eben auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung.

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Ich könnte Ihnen jetzt anhand von Grafiken deutlicher zeigen, wie unterschiedlich die Entwicklung der Schülerzahlen in unserem Land ist. Wir haben nach wie vor natürlich Regionen, wo wir wissen, die Einwohnerzahlen bleiben konstant, die demografische Entwicklung ist beherrschbar; aber wir haben in allen Bundesländern regionale Entwicklungen, wo die Schülerzahlen um 20, 25, ja um 30 % zurückgehen werden. Und deshalb müssen wir auch bei dem Thema relativ sachlich diskutieren. Wir werden sicherlich nicht die Forderung erfüllen können, jedes Dorf behält eine Schule. Das wird nicht funktionieren. Auch wenn wir daran festhalten müssen: Wir dürfen Schulen und auch die Größe von Schulen nicht immer unter fiskalischen Gesichtspunkten sehen. Wenn ein Landesrechnungshof kürzlich in einem Bericht geschrieben hat, irgendwann rechnet sich eine Schule nicht mehr und diese muss geschlossen werden, dann werden allzu sehr wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund gestellt. Und wenn dann noch festgestellt wird, es sei nicht erwiesen, dass kleinere Lerngruppen zu besseren Erfolgen führen, dann kann man nur sagen, Gott sei dank machen Rechnungshöfe keine Bildungspolitik in Deutschland.

Ich glaube, dass wir aus Finnland etwas lernen können. Das ist, dass die Größe von Lerngruppen Einflüsse darauf hat, wie ich individuelles Lernen fördern kann. Und das ist genau unser Problem, woran es hakt. Nächstes Problem ist natürlich, wenn wir über ländliche Räume sprechen, diese sind in Deutschland sehr unterschiedlich verteilt. Was ist ein ländlicher Raum? Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es diese ländlichen Strukturen, die aber von der Größe immer und überhaupt noch nicht zu vergleichen sind mit den Strukturen anderer Flächenländer. Natürlich habe ich Gebiete in einigen ostdeutschen Ländern, z. B. der Uckermark, wo ich plötzlich feststelle, dort leben noch 50 Einwohner im Dorf und unter den 50 Einwohnern ist kein Kind. Und deshalb gibt es bei der Frage der Entwicklung von Schulstandorten in ländlichen Regionen auch nicht die Einheitslösung, sondern wir müssen hier sehr unterschiedliche, sehr flexible Lösungen finden und das erwarte ich auch von den zukünftigen landesgesetzlichen Regelungen, dass sie eben diese unterschiedlichen Gegebenheiten in den Regionen berücksichtigen und passende Schulformen zulassen. Wir werden si-

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cherlich unter dem Stichwort „Verbundschule“, in anderen Ländern heißt das dann Schulverbund oder Schulverband, noch einiges dazu hören.

Anfangen will ich mit den Bereichen Elementarbereich (Kindertageseinrichtungen) und Grundschule. Hier muss nach wie vor gelten: Kurze Beine, kurze Wege. Und deshalb sollte man überlegen, wenn ich sowieso den vorschulischen Bereich als Bildungsort natürlich immer unter den Aspekten des Alters, also kindheitsbezogen, ausbauen will, ob man nicht Elementarbereich und Grundschule anders miteinander verzahnen kann. Vor allem, weil wir sowieso über die Übergänge diskutieren, die z.T. immer noch schwierig sind. Es stellt sich also die Frage unter dem Stichwort „Bildungshäuser“. Gehören nicht Elementarbereich und Grundschule viel stärker unter ein Dach? Und dann können wir auch das Thema der Ausbildung von Erzieherinnen mit in den Blick nehmen, ob hier nicht eine gemeinsame Ausbildung mit Grundschullehrerinnen und -lehrern zumindest für Teile sinnvoll wäre, damit man auf Augenhöhe miteinander auch Übergänge gestalten kann.

Der zweite Punkt sind dann die Hauptschulen. Im Augenblick ein Negativbegriff in Deutschland. Durch die Übergänge und weil sie ein schlechtes Image haben. Vielfach haben sie das nicht verdient. Gerade in ländlichen Räumen stellen wir fest, dass die Übergänge, also von der Grundschule zur Hauptschule, noch höher sind, als es in städtischen Quartieren der Fall ist. Aber auch hier meine ich, dass, wenn wir die Hauptschule vernünftig ausbauen, was jetzt zum Teil passiert, wenn wir sie mit den Realschulen zusammenfassen, Stichworte sind bei den Ländern ganz unterschiedlich, zum Teil laufen sie unter dem Begriff der Werkrealschulen, wenn man hier die Verbundsysteme zulässt, Flexibilität zulässt, dann hat man auch die Möglichkeit, so Standorte vor Ort zu erhalten. Wenn man Flexibilität zulässt, dann kann es auch Schuldependancen vor Ort geben.

Strittig ist in diesem ganzen Konstrukt, wie binde ich denn das Gymnasium, die gymnasiale Oberstufe mit ein? Dies ist – soweit ich das überschaue – bis jetzt nicht zugelassen in den Systemen der Verbundschulen oder Schulverbünde. Das sollte man noch einmal diskutieren. Im Übrigen wüsste ich für Gymnasien in wirklich ganz be-

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völkerungs- und kinderarmen Regionen, auch vor dem Hintergrund der Fahrzeiten, auch keine andere Alternative, als dass wir als ultima ratio über Internatsformen nachdenken müssten. Dies nicht zuletzt deshalb, wenn wir dazu übergehen, auch stärker im Ganztagsschulbereich zu arbeiten, d. h. in die Diskussion gehört auch, dass wir die Ganztagsschulen flächendeckend und gebunden ausbauen sollten.

In diesem Zusammenhang will ich deutlich machen, dass ich von freiwilligen Ganztagsschulen unter dem Motto „vormittags Unterricht, nachmittags ein bisschen Betreuung“ nichts halte. Ganztagsschulen sollten rhythmisiert nach einem festen Konzept und ordentlich organisiert arbeiten.

Ich konnte die Punkte nur kurz ansprechen. Wir wissen, dass die Fragen in den Ländern sehr unterschiedlich diskutiert werden. Dies ist nun einmal Auswuchs unseres Bildungsföderalismus. Daran werden wir auch so schnell nichts ändern. Ein letztes Stichwort: Bildungsföderalismus. Denken Sie bitte auch immer an Mobilität der Arbeitnehmer. Also auch hier sollte die Kultusministerkonferenz vielleicht noch einmal stärker dazu kommen, dass mobile Arbeitnehmer mit ihren Familien nicht ein Hobbing zwischen unterschiedlichen Schulsystemen erleben.

Ich freue mich auf die weitere Diskussion. Vielen Dank!

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Schulen braucht das Land

Aus Sicht der staatlichen Schulbehörden

Marc Jäger

Der demographische Wandel stellt die Schullandschaft vor große Herausforderungen. Viele Regionen in Deutschland sehen sich einem stetigen Rückgang der Schülerzahlen gegenüber; dies gilt in besonderer Weise für den ländlichen Raum. Legt man die Bevölkerungsvorausberechnung für die Altersgruppe der 6 bis unter 10 Jährigen in Bayern zugrunde, so stellt man für den Zeitraum von 2008 bis 2028 einen deutlichen Rückgang der Bevölkerungszahlen dieser Altersgruppe gerade im ländlichen Raum - in manchen Regionen von bis zu 30 % - fest.

Trotz oder gerade wegen der demographischen Herausforderungen gilt es, nachhaltige und zukunftssichere Bildungsstrukturen zu schaffen. Denn auch unabhängig von den in zehn Jahren prognostizierten geringeren Schülerzahlen muss Bayern auch weiterhin über ein differenziertes und qualitativ hochwertiges Bildungsangebot verfügen. Dabei gilt es, im Spannungsfeld zwischen vertretbaren Schulgrößen und Wohnortnähe vor allem für den ländlichen Raum Lösungen zu finden, die den unterschiedlichen Begabungen und Neigungen unserer Schülerinnen und Schüler gerecht werden.

Hier darf es nicht nur um die reine Schul-„versorgung“ und den dafür notwendigen Erhalt von Schulstandorten gehen. Vielmehr bilden Qualität, Begabungsgerechtigkeit und Standortsicherung gemeinsam die zwingenden Voraussetzungen für den Erhalt einer adäquaten Schulversorgung. Nur wenn diese Prämisse erfüllt ist, die sich aus Sicht der Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern als Planungssicherheit und greifbare Zukunftschancen darstellt, wird es gelingen, die Bildungslandschaft im ländlichen Raum für junge Menschen weiter attraktiv zu gestalten und diese dort zu hal...

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ten. Wenn eine möglichst wohnortnahe Schulversorgung und eine zukunftsweisende Qualität des Bildungsangebots auch im ländlichen Raum gewährleistet werden kann, dann wird das Bildungswesen über seinen eigentlichen Bildungsauftrag hinaus seinen Beitrag zum Erhalt des ländlichen Raumes leisten.

Die Schulversorgung des ländlichen Raums ist in Bayern in den Bereichen Realschule, Gymnasium und Berufliche Schulen weitestgehend flächendeckend gesichert. Grundsätzlicher Handlungsbedarf wird hier - auch angesichts der demographischen Entwicklung - vorerst nicht gesehen, da diese Schularten durch bereits erfolgte strukturelle Reformen (z. B. an den Berufsschulen) bzw. aufgrund der hohen Auslastung der einzelnen Standorte den in den nächsten Jahren zu erwartenden demographischen Rückgang der Schülerzahlen auffangen können.

Schwieriger gestaltet sich die Situation bei den Grund- und Hauptschulen. Die eigentliche Ursache dafür, dass viele Hauptschulen als im Bestand gefährdet angesehen werden müssen, liegt darin, dass es – bei in etwa vergleichbaren Schülerzahlen – aktuell gut 1.000 (staatliche und private) Hauptschulen gibt, während die Zahl der Realschulen bei nur gut 350 liegt. Hauptschulen haben daher eine Durchschnittsgröße von nur 230 Schülern, mehr als 300 Hauptschulen sind nur überwiegend einzügig ausgebildet. Gerade diese kleineren Hauptschulen – vielfach auch noch in Regionen mit einer stark negativen demografischen Entwicklung gelegen – sind bei einem prognostizierten Schülerrückgang schnell existenziell betroffen. Zugleich erkennen die bayerische Wirtschaft und gerade das bayerische Handwerk die Leistungsstärke der Hauptschule an und fordern im Hinblick auf den drohenden Fachkräftemangel nachdrücklich ein gezieltes berufsorientiertes Bildungsangebot. Dieses Interesse der Wirtschaft am Erhalt der Schulart Hauptschule erfordert im Hinblick auf die in zehn Jahren prognostizierten Schülerzahlen von ca. 180.000 Schülern ein passgenaues und wohnortnahes berufsorientiertes Bildungsangebot. Aufgrund der hohen Zahl der Schulen und der immer geringer werdenden Auslastung der einzelnen Standorte ist Handlungsbedarf gegeben, um gerade auch im ländlichen Raum nachhaltig Qualitätsund Standortsicherheit zu gewährleisten.

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Die Verwirklichung dieser Ziele setzt jedoch die Bereitschaft aller Verantwortlichen und der Betroffenen vor Ort voraus, kreative und innovative Antworten zu suchen und nachhaltig umzusetzen. Dabei gibt es verschiedene Lösungsansätze, die bereits in der Umsetzung begriffen sind: Die Grundschule soll auch zukünftig die Gemeindeschule bleiben. Um bei ständig sinkenden Schülerzahlen die Unterrichtsorganisation sicherstellen zu können, wurde zum 1. August 2007 als reguläres Instrument die Bildung jahrgangskombinierter Klassen eingeführt, die sich auch aus pädagogischer Sicht bewährt haben und nicht mehr nur in Ausnahmefällen eingerichtet werden können. Gerade durch dieses pädagogisch wertvolle Instrument der jahrgangskombinierten Klassen können nunmehr auch kleinere Grundschulen und damit auch das weitgespannte Grundschulnetz weitestgehend erhalten bleiben und ihren Beitrag zur Sicherstellung eines qualitätvollen wohnortnahen Bildungsangebotes im ländlichen Raum leisten. Für Grundschulkinder gilt damit auch weiterhin der Grundsatz: Kurze Beine, kurze Wege.

Die bayerischen Hauptschulen sollen sich künftig zu Mittelschulen weiterentwickeln – mit einem differenzierten, begabungsgerechten Bildungsangebot. Kennzeichnend für eine Mittelschule sollen folgende Bildungsangebote sein:

1. eine verstärkte berufliche Orientierung durch die drei berufsorientierenden Zweige Technik, Wirtschaft und Soziales, ferner die systematische Kooperation mit der Berufsschule, der regionalen Wirtschaft und der Arbeitsverwaltung, 2. ein offenes oder gebundenes Ganztagsangebot, das schulische Fördermaßnahmen, aber auch Maßnahmen zur Stärkung der Sozialkompetenz umfassen soll, 3. ein Angebot, das zum mittleren Schulabschluss führt.

Bei der Mittelschule handelt es sich um ein Konzept, das nicht nur für große Schulen geeignet ist. Vielmehr soll allen Schülern flächendeckend der Zugang zum gesamten Bildungsangebot der Mittelschule eröffnet werden. Vor allem kleinere Hauptschulen werden aber die Palette der notwendigen Bildungsangebote einer Mittelschule nicht allein vorhalten können. Ihnen bietet das Instrument der Mittelschulverbünde eine Entwicklungschance.

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Diese Mittelschulverbünde sind feste Kooperationsformen von zwei oder mehr selbständig bleibenden Hauptschulen, die zwischen den beteiligten Schulen und Schulaufwandsträgern freiwillig vereinbart werden. Sie zeichnen sich aus durch: •

die gemeinsame Gewährleistung des wesentlichen Bildungsangebotes der Mittelschule im Verbund



auch im Rahmen der Zusammenarbeit eigenständig verbleibende Schulen



einen einheitlichen Sprengel, ggf. landkreis- oder regierungsbezirksübergreifend



einheitliche Zuteilung von Lehrerstunden für das gesamte Verbundgebiet (Budgetierung)



grundsätzlich eigenständige Schulleiter an jeder Verbundschule, davon einer mit einigen ausdrücklich benannten verbundbezogenen Aufgaben,



ein zusätzliches beratendes Gremium (Verbundausschuss)

Die Schulen werden gemeinsam im Verbund das breit gefächerte Bildungsangebot der Mittelschule bereithalten und als äußeres Kennzeichen dieses umfassenden Bildungsangebotes jede für sich im Verbund die Bezeichnung Mittelschule führen können. Eine Mindestgröße der Verbünde wird dabei nicht vorgegeben. Gleichzeitig muss eine kleinere Schule innerhalb eines Verbundes erst dann aufgelöst werden, wenn für die Schule tatsächlich keine Klasse mehr gebildet wird. Die faktische Entscheidung über die Auflösung bzw. den Erhalt der Schulstandorte wird innerhalb des Verbundes getroffen. Die Schulverbünde eröffnen so die Chance, Standorte von Hauptschulen auch in strukturschwachen Regionen mit einem spürbaren Rückgang der Bevölkerung zu erhalten und so die Lebensqualität für die Menschen vor Ort zu sichern.

Die Bildung der Schulverbünde geschieht am Besten im Dialog vor Ort. Um die Bildung von Verbünden zu unterstützen und den Prozess möglichst transparent zu gestalten, finden – seit Juli 2009 – in den Landkreisen und kreisfreien Städten in Bayern sog. Dialogforen statt. Dort sollen die Chancen, Risiken, Belastungen und Vorteile für die Zusammenarbeit der Schulen in Schulverbünden abgewogen und erörtert werden. Mit Hilfe dieser Art Runder Tische leisten die Schulfamilien und Verantwortlichen vor Ort einen entscheidenden Beitrag, um herauszufinden, ob und wie die

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Schulverbünde am Besten und im Interesse der Schülerinnen und Schüler vor Ort gestaltet werden können.

Da die Verbünde von den Beteiligten vor Ort vereinbart werden, bleibt abzuwarten, in welchem Zeitrahmen sich Verbünde in größerer Zahl etablieren können. Die Entscheidung, in den Dialogprozess einzutreten und die konkrete Zeitplanung treffen die Verantwortlichen vor Ort. Es ist beabsichtigt, dass die erforderlichen Rechtsänderungen zum 1. August 2010 in Kraft treten sollen. Dies bedeutet: Mittelschulen und Mittelschulverbünde kann es ab dem Schuljahr 2010/2011 geben. Es gibt jedoch keine zwingende Einführung der Mittelschule zu Beginn des Schuljahres 2010/11. Schulen und Schulaufwandsträger haben die Zeit, die sie brauchen, um sich im Sinne der Konzepte neu auszurichten und zusammen mit allen Beteiligten (auch außerschulischen Partnern) auf den Weg zu machen. Qualität muss hier vor Geschwindigkeit gehen. Wer später Mittelschule werden will, kann dies tun.

Über die Organisationsform der Schulverbünde haben praktisch alle bestehenden Hauptschulen die Chance, sich mit Partnerschulen zur Mittelschule weiterzuentwickeln. Mit dem neuen Instrument des Schulverbundes kann es daher gelingen, beiden Ansprüchen: Wohnortnähe und Qualität gleichermaßen gerecht zu werden.

Aufgabe aller Beteiligten in den betroffenen Regionen muss nun sein, angesichts unterschiedlicher Interessenslagen und Rahmenbedingungen in gemeinsamer Verantwortung vor Ort einen tragfähigen Konsens für ein gemeinsames Vorgehen zu finden, das vor allem den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht werden muss. Die bisherigen Rückmeldungen aus über 50 Dialogforen lassen erkennen, dass der eingeschlagene Weg, die Gestaltung der Schulorganisation durch Schulverbünde, überwiegend positiv gesehen wird, und dass Bereitschaft zur Zusammenarbeit besteht, damit Lösungen entstehen, die den Interessen von Schülern, Schulen und Schulaufwandsträgern gleichermaßen Rechnung tragen.

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Schulen braucht das Land!

Aus Sicht der Lehrer

Klaus-Peter Hammer

Meine Damen und Herren, ich bin froh, dass ich aus Sicht der GEW die Möglichkeit habe zu diesem Thema zu sprechen. Die Frage der Weiterentwicklung von Schulen im ländlichen Raum ist ein sehr aktuelles Thema und die Diskussion darüber wird uns sicherlich in den nächsten Jahren begleiten. Durch die bisherigen Redebeiträge haben wir ja schon erfahren, dass die Diskussion zu dem Thema „Schule im ländlichen Raum“ in einigen Bundesländern schon heftig geführt wird. Dies betrifft nicht nur, aber besonders stark die östlichen Bundesländer, die unter deutlichen Bevölkerungsrückgängen leiden. Westliche Bundesländer, wie z.B. Rheinland-Pfalz sind zur Zeit regional davon betroffen. In Regionen, die nicht so stark besiedelt sind und deren wirtschaftliche Entwicklung nicht besonders günstig ist, geht die Bevölkerung derzeit deutlich zurück. Eine Folge davon ist u.a. ein Wettbewerb unter den Kommunen um den Erhalt von Bildungseinrichtungen, um als Wohnort attraktiv zu bleiben. Die Weiterentwicklung von Bildungseinrichtungen im ländlichen Raum, d.h. von Schulen, aber auch von Kindertagesstätten, diese möchte ich direkt mit in den Blick nehmen, ist deshalb sehr wichtig. Der ländliche Raum braucht Schulen und er braucht Kindertagesstätten. Trotz Bevölkerungsrückgang in den nächsten Jahren und trotz rückläufiger Geburtenraten ist es für die Kommunen unglaublich bedeutsam, die bisherigen Bildungsangebote soweit wie möglich zu erhalten. Ich sage jetzt schon an dieser Stelle, es wird natürlich nicht möglich sein, jeden Schulstandort und jede Kindertagesstätte zu erhalten. Aber sie sollten zumindest wohnortnah angeboten werden können. Es werden natürlich finanzielle Gründe die bedeutende Rolle spielen, ob ein Schulstandort erhalten bleibt oder nicht und die Haushaltslage der Kommunen ist derzeit ja schon sehr angespannt. Ich gehe davon aus, dass sich an dieser Situation auch in den nächsten Jahren nichts entscheidend verbessern wird. Durch weitere Bevölkerungsrückgänge wird es nur noch dramatischer werden. ...

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Somit befinden sich die Kommunen in einem Teufelskreis. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten können Bildungsangebote nicht aufrechterhalten werden. Dies bedeutet, dass die Kommunen als Wohnort an Attraktivität verlieren, die Bevölkerung weiter zurück geht und es weniger Anreize gibt, dass neue Betriebe gegründet werden, da es nicht genügend Arbeitskräfte gibt. So dreht sich die Spirale immer weiter. Dies belegt nochmals die Brisanz des Themas und deshalb ist es so wichtig, sich heute und in der Zukunft ernsthaft damit auseinanderzusetzen und dabei dürfen finanzielle Aspekte nicht ausschließlich die Maxime des Handelns sein; vielmehr sollten gesellschaftspolitische sowie pädagogische Gründe der Maßstab für Entscheidungen sein. Wie schon angedeutet, ist es für die Kommunen wichtig, dass Bildungseinrichtungen erhalten bleiben, weil Schulen für die Kommunen eine große Bedeutung haben. Bildungseinrichtungen steigern die Attraktivität eines Wohnortes und sind somit ein Standortvorteil.

Doch haben diese eine noch weitere Bedeutung für das Leben in einer Kommune. Viele Familien sind froh, wenn ihre Kinder wohnortnah zur Schule gehen können.

Was das soziale Leben in den Gemeinden angeht, bieten Schulen im wahrsten Sinne des Wortes Raum, indem sie Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, die von Vereinen, Jugendgruppen und Volkshochschulen vielfältig genutzt werden können. Gibt es keine Schulen mehr, gibt es auch keine Räumlichkeiten mehr für das soziale und kulturelle Leben einer Kommune.

Eine weitere wichtige Rolle spielen Schulen als Kooperationspartner für die Einrichtungen der Sozialhilfe und der Kinder- und Jugendarbeit in der Region.

Dies alles wird erschwert und unmöglich gemacht, wenn Schulen geschlossen werden. Im Rahmen einer Bildungsbiographie spielt die Kommune als Bildungsort eine nicht unbeachtliche Rolle. Bildung findet eben auch am Wohnort statt. Somit ist es auch in dieser Hinsicht außerordentlich wichtig, wohnortnahe Bildungsangebote zu erhalten.

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Die Erhaltung von Bildungseinrichtungen im ländlichen Raum ist eine Aufgabe, der sich Bund und Länder gleichermaßen stellen müssen. Hierbei gilt es, ein gemeinsames Konzept zu entwickeln, in dem die richtigen Schwerpunkte gesetzt werden müssen, mit der Zielrichtung, soweit es geht Schulschließungen zu verhindern.

Es besteht die Gefahr, dass durch den Mangel von staatlichen Bildungsangeboten die Bildungslandschaft sich besonders im ländlichen Bereich verändert und dass es verstärkt zu Privatisierungen im Bildungsbereich kommt, so dass aufgrund der Notsituation sich Eltern zusammenschließen, wie es heute in Brandenburg ja schon der Fall ist, und auf Elterninitiative Privatschulen gegründet werden. Der Staat soll und darf sich nicht seiner Verantwortung entziehen. Privatschulen müssen per se nicht schlecht sein, doch können diese in der Regel finanziell nicht selbstständig sein, so dass Eltern für ein wohnortsnahes Bildungsangebot Geld bezahlen müssten. Dies führt zu einer weiteren Benachteiligung ländlicher Regionen. Dies kann nicht im Sinne des Landes sein. Insofern bin ich ein Befürworter für staatliche Schulen. Die Länder sollen sich ihrer Verantwortung bewusst sein und deshalb entsprechend investieren.

Wie schon erwähnt haben die Schulen am Wohnort und somit auch die wohnortnahen Schulen eine herausragende Bedeutung für die Bindung der Mitbürger an die Gemeinden. Sie fördern die Bereitschaft, Kommunen weiterzuentwickeln. In diesem Zusammenhang möchte ich jetzt aus einer Broschüre des Bundesministeriums für Forschung aus dem Förderrichtlinienprogramm „Lernen vor Ort“ zitieren: „Der unmittelbare Bezugsrahmen für jede Bildungsbiographie ist die Kommune; hier werden die Weichen für den späteren Bildungserfolg gestellt. Insbesondere die verschiedenen Bildungsphasen, angefangen von der Kindertagesstätte bis zur allgemeinen beruflichen Bildung sowie der entsprechenden Übergänge, werden wesentlich durch die Akteure in der Kommune gestaltet.“ Insofern gilt auch mein Plädoyer, die Schule vor Ort zu belassen.

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Doch was bedeutet dies für die Schulen, wenn es immer weniger Schülerinnen und Schüler gibt, wenn die Klassenbildungen erschwert werden? Macht es Sinn, sog. Zwergschulen am Leben zu erhalten? Dies ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist und nicht mit einem klaren Ja oder einem klaren Nein zu beantworten ist. Es hängt natürlich von der konkreten Situation vor Ort ab. Insgesamt ist es wichtig, dass man flexible Lösungen findet. Es wurde schon angedeutet: Es geht darum, Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort wahrzunehmen, um wohnortnahe Schulstandorte zu erhalten. Einige Bundesländer haben diesbezüglich durch Veränderungen im Schulgesetz zur Flexibilisierung beigetragen und somit den Kommunen mehr Spielräume zum Erhalt von Schulstandorten gegeben. Dazu gehört, dass Ausnahmen von festgelegten Mindestschülerzahlen möglich sind, dazu gehört auch die Erlaubnis, wie eben in Bayern schon erwähnt, dass sog. Kombiklassen oder jahrgangsübergreifende Klassen gebildet werden dürfen. Dies alles ist sicherlich sinnvoll und richtig. Doch stellt sich die Frage, ob eine Zwergschule den modernen pädagogischen Ansprüchen gerecht werden kann.

Kommt es zu Schulschließungen, stellen sich Probleme bezüglich der Länge des Schulwegs. Besonders für die Kinder im Grundschulalter sollte lange Fahrwege unbedingt vermieden werden. Diese sind nämlich sehr belastend und generell besteht dabei die Gefahr, dass die Erhöhung der Fahrzeiten und die damit erhöhte zeitliche Beanspruchung der Schülerinnen und Schüler zum Abbau sozialer Strukturen in Dörfern führen könnte, absehen von pädagogischen Aspekten, dass nämlich z.B. die Bereitschaft, sich am Vereinsleben zu beteiligen, abnehmen könnte. Wie gesagt, aus pädagogischer Sicht sollten die Fahrwege so gering wie möglich gehalten werden und zumutbar sein; dabei spielt nicht nur die Entfernung eine Rolle, auch der Zeitaspekt hat eine wesentliche Bedeutung. In manchen Regionen gibt es z.B. die Situation, dass die Schulstandorte zwar nur wenige Kilometer vom Wohnort entfernt sind, aber die Schülerinnen und Schüler aus fahrplantechnischen Gründen eine dreiviertel Stunde im Bus sitzen und unterwegs sind. Dies ist nicht zumutbar.

Einige Gedanken zum Thema altersgemischte Gruppen: Ich weiß, dass auch in meiner Gewerkschaft das Thema kontrovers diskutiert worden ist, aber man mittlerweile

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aufgrund der pädagogischen Forschung erkannt hat, dass Lernen in altersgemischten Gruppen ein sehr effektives Lernen sein kann. Ich kenne Grundschullehrkräfte, die damit arbeiten, obwohl sie es gar nicht müssten. Sie hätten genügend Schüler, um Regelklassen zu bilden, aber aus pädagogischen Gründen bevorzugen sie altersgemischte Gruppen, wo z.B. Erst- und Viertklässler in einer Gruppe zusammenarbeiten. Der Lerneffekt und der Behaltenseffekt der Schülerinnen und Schüler ist in diesen Gruppen extrem groß, ebenso der Aspekt sozialen Lernens. Deswegen hier mein Plädoyer, nicht nur aus organisatorischen Gründen altersgemischte Gruppen zu bilden, sondern auch aus pädagogischen Gründen.

Bei der Beibehaltung von kleinen Schulen sollen auch Qualitätsansprüche nicht außer acht gelassen werden. Es geht nicht nur darum, aus rein pragmatischen Gründen diese Schulen zu erhalten, sondern diese Schulen auch entsprechend auszugestalten. Damit ist nicht nur die räumliche Ausstattung gemeint sondern auch die sachliche Ausstattung, wie z.B. eine entsprechende IT-Ausstattung und die Ausstattung mit zeitgemäßen Unterrichtsmaterialien.

Auch gilt es, eine Vereinsamung zu verhindern. Wenn z.B. nur zwei Lehrkräfte an einer Schule arbeiten oder nur drei oder vier, ist es für diese Lehrkräfte nicht besonders anregungsreich. Deshalb sollten Netzwerke gebildet werden. Dies bedeutet, dass Schulen miteinander arbeiten, kommunizieren und in einem Netzwerk verbunden sein sollten und in diesem Netzwerk eine gemeinsame Schulentwicklung vorantreiben sollten. Dies müsste natürlich entsprechend begleitet werden. Die Lehrkräfte müssen entsprechend fort- und ausgebildet werden und es müssten natürlich die entsprechenden Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden. Ein weiterer Aspekt ist die Kooperation von Bildungseinrichtungen in der Region. Es macht durchaus Sinn, dass Kindertageseinrichtungen und Grundschulen enger kommunizieren und enger verzahnt miteinander arbeiten. Es ist dann auch durchaus möglich, dass man Räumlichkeiten gemeinsam nutzt. Z.B. bietet eine Kindertagesstätte eine Ganztagesbetreuung in Zusammenarbeit mit der Grundschule an und dies in den Räumen der Grundschule. Bedeutsam ist hierbei zukünftig eine z.T. gemeinsame Ausbildung von

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Lehrkräften der Grundschule und von Erzieherinnen und Erziehern. Dies ist außerordentlich zu begrüßen und ich denke da müsste auch noch Einiges getan werden.

Was die Weiterentwicklung von Schulen im Sekundarstufen-I-Bereich auf dem Lande angeht gibt es z.B. in Rheinland-Pfalz eine Entwicklung, die ich als sehr bedeutsam erachte. In einer Schulstrukturreform wurden ehemalige Hauptschulen und Realschulen in die neue Schulform Realschule plus überführt, so dass es die Hauptschule in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr gibt. Allerdings gibt es in dieser Kooperativen

Realschule plus ab Klasse 7 einen Zweig, der zum Abschluss der Berufsbildung führt. Somit wird es den Hauptschulzweig weiterhin geben, was sehr kritisch zu sehen ist. Viele Kommunen in Rheinland-Pfalz reagieren darauf, indem sie Gesamtschulen gründen. Seit der Einführung der Realschule plus ist ein richtiger Boom entstanden, was mich als GEW-Vertreter freut, weil wir Verfechter des längeren gemeinsamen Lernens sind und dies in einer Gesamtschule am sinnvollsten umzusetzen ist. Die Kommunen reagieren deshalb mit Gesamtschulgründungen, weil sie erkannt haben, dass ein Bildungsangebot, welches alle Bildungsabschlüsse ermöglicht, für den Wohnort ungemein attraktiv ist, und es auch aus finanziellen Aspekten interessant ist und es dadurch eher möglich wird, größere Schulstandorte zu erhalten. Dadurch gewinnen die Kommunen an Attraktivität und die Jugendlichen haben die Möglichkeit, wohnortnah eine Schule zu besuchen, ohne weitere Fahrtstrecken zurücklegen zu müssen.

Vielen Dank, dass Sie zugehört haben, weitere Aspekte können wir gerne in der abschließenden Diskussion angehen.

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Erfahrungsberichte national und international

Landkreis Traunstein (Bayern)

Hermann Steinmaßl

Meine Damen und Herren, herzlichen Dank Herr Prof. Lorig für Ihre lobenden Worte gleich am Anfang. Ich hoffe, dass ich das bestätigen kann. Einiges ist zu meiner Person schon gesagt, ich komme aus einer Dorfgemeinde mit 4.000 Einwohnern. Im Ortsteil Pietling, das früher einmal selbständig war, hat es bis in die 1970er Jahre eine Schule mit zwei Klassen gegeben, eine Klasse für die Jahrgangsstufen 1 – 4 und die zweite Klasse für die Jahrgangsstufen 5 – 8. Mehrere Jahrgänge in einer Klasse sind kein neues Bild. Das hatten wir alles schon mal. Aber damals in ein Gymnasium zu gehen, war für mich nur möglich, wenn man in ein Priesterseminar ging. Von meiner Heimatgemeinde aus hatte ich keine Chance, zu einem Gymnasium zu kommen. Soviel zur Bildungsgerechtigkeit, damals und heute. Ich spreche hier, und das sage ich ganz deutlich, sowohl als Kommunalpolitiker, als auch als Vater dreier Töchter. Die älteste war auf der Realschule, und hat das Abitur über die Berufsoberschule (BOS) erreicht. Zwischenzeitlich studiert sie in München und wird Realschullehrerin. Die zweite hat das Abitur auf direktem Weg gemacht, und war beim Abitur noch nicht einmal 19 Jahre. Die dritte ging in die Hauptschule und besucht jetzt in Salzburg eine Modeschule; sie ist sehr kreativ, aber mit Mathematik hat sie ein Problem. Und da beginnt bereits der erste Kritikpunkt an unserem Bildungssystem. Wenn nämlich ein Kind sozusagen nicht „kopfgesteuert“ ist, dann ist es schon weg vom Bil-

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dungssystem; und das kann es nicht sein. In unserer Kinderzeit war z.B. neben Rechnen und Deutsch auch Werken ein Hauptfach. Ein Schulfreund von mir hatte in Werken eine 1, da habe ich mich schwerer getan. Meine große Stärke ist Rechnen. Wir haben uns nachmittags zusammengesetzt und so hat er seine schlechte Mathenote weggebracht und ich konnte mich im Werken verbessern. Außerdem haben wir dabei soziale Kompetenzen entwickelt. Das fehlt heute ganz besonders auch Gymnasiasten, unseren späteren Führungskräften. Aber die soziale Kompetenz gehört auch dazu. Deshalb fordere ich auch die Förderung der sozialen Kompetenzen an allen Schulen.

Bild 1: Megazentren in Europa – Universität Wien

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Das Bild 1 zeigt, dass sich Europa vorwiegend in den Metropolregionen, den Megazentren, entwickeln wird. Wenn dieser Trend anhält und immer mehr Menschen in die Megazentren drängen, stellt sich die Frage: Wo bleibt das Land? Darum meine erste Forderung: Menschen braucht das Land!

Bild 2: Der Landkreis Traunstein in Europa

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Erlauben Sie mir ein paar Sätze zum Landkreis Traunstein. Wir haben es nach Italien näher als nach Berlin. Ob es nur die geografische Nähe ist, dass der Hang nach Italien mindestens so groß ist wie der nach Berlin, das überlasse ich Ihnen. Aber für uns ist es sehr wichtig, dass wir aus einer früheren Randlage in Deutschland und Europa durch das erweiterte Europa in eine zentrale Lage gelangt sind. Ich bin seit 8 Jahren Landrat in Traunstein. Wir haben ein Programm „Bildung und Infrastruktur“ entwickelt und aufgelegt. Wir setzen es konsequent und erfolgreich um, um die Standortfaktoren Bildung und Infrastruktur weiter zu bringen. Es muss gelingen, dass die Menschen, die auf dem Land wohnen und arbeiten, einfach leben können. Das Land braucht Menschen, aber es braucht auch viele Berufe. Es braucht Akademiker, Ingenieure, Ärzte, Lehrer, Landwirte, Handwerker, also alles, was man so im Leben täglich braucht. Wenn Sie auf der Grünen Woche sind, werden Sie dies am besten feststellen. Was wären wir denn ohne Bäcker, ohne Metzger, ohne Wirt, was wären wir ohne Handwerker, die unsere Möbel herstellen, die Installationen erledigen! Und gehen Sie selber mit offenen Augen durchs Leben und Sie werden feststellen, übers Internet kommt weder ein Leberkäs, noch ein Semmel. Also brauchen wir vielfältige Berufe und das ist das Entscheidende, dazu müssen wir unsere Menschen auch ausbilden.

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Bild 3: Heimat, Hightech,, Highlight Hig Unser Landkreis sieht auff den ersten Blick so aus, als sei er sehr touristisch touri ausgerichtet. Aber er wirbt mit den drei Begriffen: Heimat, Hightech,, Highlight. Hig Oder auch mit Laptop und Leder ederhose, wie Sie es denn wollen. Wir haben in dieser Randlage lage Bayerns (4 % Arbeitslosigkeit belegen en dies d auch in dieser Zeit) eine gut gemischte hte Beschäftigtenstruktur. Man würde es im Landkreis Traunstein und in der Region gion Südostoberbayern nicht erwarten, dass ass 40 % der Arbeitsplätze im Produktionsbe sbereich sind. Es ist also nicht nur der Touris ourismus; sondern wir leben von einer sehr exportorientierten expo Wirtschaft. Da ist alles ver vertreten, was man sich in den Bereichen n Maschinenbau, M Elektrotechnik und Chemie mie vorstellen kann.

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30

LuF 0%

LuF 1%

15 % 29 %

LuF 1%

22 %

22 % 19 % 19 % 23 %

23 % 24 %

39 % 28 %

Region 18 (241.000)

Oberbayern (1.625.000)

Land- u. Forstwirtschaft sonstige Dienstleistungen Verwaltung, Unterricht, Gesundheit Handel, Verkehr, Gastgewerbe Produzierendes Gewerbe

35 %

Bayern (4.418.000)

Bild 4: Beschäftigtenstruktur Bayern, Oberbayern, Reg. Südostbayern (Reg 18) Alles findet sich in unserer Region. Wir haben einen überdurchschnittlichen Anteil an Produktionsarbeitsplätzen gegenüber Oberbayern und gegenüber Bayern. Aber wir sind auch sehr stark in Sachen Gesundheitswesen. Und jetzt stellt sich die Frage, wie gehen wir auf diese Vielfalt ein. Es gibt aus meiner Sicht zwei Extreme für die Vielfältigkeit der Berufe die den individuellen Eignungen und Neigungen der Schüler entsprechen. Vielleicht wäre der Einzelunterricht ideal. Das andere Extrem ist die Gemeinschaftsschule, wo alle drin sind. Irgendwie werden wir uns dazwischen bewegen müssen. Der Einzelunterricht hat den großen Nachteil, dass ein Kind vereinsamen würde. Denn es braucht Gemeinschaft, besonders für die Entwicklung des Sozialverhaltens. Ich meine, dass wir derzeit in Bayern mit diesen vielfältigen Möglichkeiten die richtige Antwort auf die vielfältigen Ausrichtungen geben. Wir sollten dies begrüßen und befürworten. Die wichtige Frage lautet, wie gelingt es uns, gerade diese Vielfältigkeit im ländlichen Raum anzubieten. Es muss gelingen, die Fähigkeiten der Kinder aufzunehmen und sie mit ihren Fähigkeiten an die Hand zu nehmen. Dabei müssen wir einem 10-jährigen nicht sagen „du bist für ein Gymnasium zu dumm“, sondern „du bist in einer handwerklich orientierten Schule gut aufgehoben, weil das deinen Fähigkeiten entspricht, und weil du später Handwerker werden willst.“

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Irgendwann müssen wir uns entscheiden zu sagen, in welche Richtung ein Kind gehen soll. Die Frage bleibt: Gelingt uns das früher oder später? Entscheidend ist der Grundsatz, den wir jetzt in Bayern haben. Dieser lautet: Für jeden Abschluss gibt es einen Anschluss. Ich bin sehr froh, dass das System völlig durchlässig geworden ist. Man muss es immer wieder betonen. Die Entscheidung ob jemand studiert fällt nicht mit 10 Jahren, sondern frühestens mit 20 Jahren. Aber hier haben wir natürlich die meisten Probleme mit den Eltern, weil die meisten glauben, wenn sie ihr Kind nicht mit 10 Jahren aufs Gymnasium schicken, dann ist alles schon verloren, der Lebensweg ist vorgezeichnet. Da geht´s ab in irgendeine Negativ-Kiste. Darum ist es schade, dass der Elternvertreter nicht da ist, aber nachdem der ja auch ein Mediziner ist, wäre der wahrscheinlich auch sehr akademisch ausgerichtet. Ideal wäre ein Elternvertreter, der Handwerker ist und seinem Sohn sagt, dass er auch wieder Handwerker werden soll. Und ihm eventuell noch erklärt, wenn er Meister wird und er einen eigenen Betrieb hat, dann wird er mindestens so wohlhabend sein wie z.B. ein Abiturient, der Lehrer wird. Der Landkreis Traunstein ist zuständig für die Förderschulen, Realschulen, Gymnasien, Fachoberschulen, Berufsoberschulen, Berufsschulen. Ich sage auch ein klares Ja zum Dualen System in der Berufsbildung. In den 8 Jahren seit ich Landrat bin, ist die Zahl der Schüler an diesen Schulen von 10.500 auf 12.000 gestiegen. In diesen 8 Jahren haben wir für diese Schulen über 60 Mio. € investiert. Darauf bin ich sehr stolz. Zusätzlich unterstützen wir 4.000 Musikschüler.

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Für die Entwicklung des Schulwesens im ländlichen Raum sind vier Faktoren entscheidend. 1

Demografie – Geburtenrate

2

Vielfältigkeit der Schulmöglichkeiten

3

Übertrittsquoten in die verschiedenen Schultypen

4

Besiedelungsdichte – Flächenlandkreis

1. Faktor Bevölkerungsentwicklung im Landkreis Traunstein 2000 – 2040

Deutsche Männer

Deutsche Fra uen

Ausl ändische Männer

Auslä ndische Frauen

10 0 98 96 94 92 90 88 86 84 82 80 78 76 74

Bevölkerungsstruktur 2040 Bev ölke rungss tr uktur des Landkreise s Traunstein am 05.02.2040 Deutsche Männer Deutsche Frauen D eutsche Männer D eutsche Frauen Männer Ausl. Fr auen Auslän dische Ausl. Männer Ausländi sche Frauen

2040

10 0 98 96 94 92 90 88 86 84 82 80 78 76 74 72 70 68 66 64 62 60 58 56 54 52 50 48 46 44 42 40 38 36 34 32 30 28 26 24 22 20 18 16 14 12 10 8 6 4 2

Alter

Alter

Bevölkerungsstruktur 2002

72 70 68 66 64 62 60 58 56

30 28 26 24 22 20 18 16 14 12 10 8 6 4 2

1.500Uejwngp"dtcwejv"fcu"Ncpf"/ 1.000 500 0 500 1.000 1.500 Itwpg"Yqejg"43023032

1.500

Prognose 2005-2040

54 52 50 48 46 44 42 40 38 36 34 32

1.000

500

0

500

1.000

~"33 1.500

Quel le: Sozialraumana lyse Land krei s Traunstei n

Bild 5:

Demografische Entwicklung im Landkreis Traunstein

Wenn sich die Bevölkerungsentwicklung so einstellt, wie prognostiziert, werden wir weiterhin noch weniger Kinder haben. Sie sehen das rechte Bild, es könnten noch viele Kinder geboren werden, die wir in 20 Jahren brauchen. Aber da müsste sich viel ändern.

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33

Familie gestern und heute

Uejwngp"dtcwejv"fcu"Ncpf"/ Itwpg"Yqejg"43023032

Bild 6:

~"34

Familien gestern und heute

Da hat sich seit dem Pillenkick leider sehr viel zum Negativen hin verändert. Wir kennen unsere Situation heute. Die moderne siebenköpfige Familie, die wir heute haben, sieht so aus. Ein Kind, zwei Eltern, vier Großeltern. Dann bemühen sich 6 Erwachsene um ein Kind und sind dann erstaunt, dass sie am Schluss beim Jugendamt landen. Vielleicht nur deshalb, weil das Kind mit anderen gleichaltrigen Kindern nicht umgehen kann. Darum brauchen wir die Einrichtungen für Kinder auch unter drei Jahren. Die Schaffung von Gemeinschaft mit Gleichaltrigen ist dabei noch wichtiger, als die Unterstützung von Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf.

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Bild 7: Vielfältigkeit und Durchlässigkeit der einzelnen Schularten Mark Jäger vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus hat bereits die Vielfältigkeit des bayerischen Bildungssystems erläutert. Das Bild 7 macht noch einmal deutlich, dass man in Bayern über viele Wege die Hochschulreife erlangen kann.

Bild 8: Oberbayern – Übertrittsquoten an Gymnasien

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Das Bild 8 zeigt Oberbayern mit den Übergangsquoten an die Gymnasien in den einzelnen Landkreisen. Man sieht, dass in den stadtnahen Bereichen die Übergänge in die Gymnasien sehr hoch sind. Wir haben aber auch in dem Ring um München die Wohlhabenden. Man muss auch wissen, dass sich die Brennpunktbereiche in der Stadt befinden.

Bild 9: Oberbayern – Übertrittsquoten an Realschulen Bei den Realschulen ist die Situation differenzierter und unterschiedlicher.

Bild 10: Oberbayern – Übertrittsquoten an Hauptschulen

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Aber entscheidend ist auch, wie viele letztlich an den Hauptschulen bleiben. Auch hier haben wir eine klare Tendenz. In den stadtnahen Bereichen bleiben nur noch 20 % bis 25 % an der Hauptschule, wohingegen in anderen Bereichen nach wie vor noch ein relativ großer Teil in den Hauptschulen bleibt.

Bild 11: Entwicklung der Schülerzahlen bis 2020 im Landkreis Traunstein Bei der Entwicklung der Schülerzahlen betrachte ich stets einen Jahrgang, weil man da am besten die Entwicklung beobachten kann. Seit ich Landrat bin, verfolge ich die Schülerentwicklungen an unseren Schulen. Im Jahr 2003 sind von 2.000 Schülern noch über 50 % an der Hauptschule geblieben. Das waren also 1.000 Schüler je Jahrgang. Heute gehen von 1.450 Kindern eines Jahrgangs nur noch 1/3 an die Hauptschulen, also etwa noch 400 bis 500 Schüler. Und damit kommen wir zu einem Problem, das in einem Flächenlandkreis verschärft wird.

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Bild 12: Flächenlandkreis Traunstein Der Landkreis Traunstein ist flächenmäßig der zweitgrößte in Bayern mit 1.500 Quadratkilometern und 170.000 Einwohner. Er grenzt an drei österreichische Bundesländer. Das sagt etwas über die Größe des Landkreises Traunstein.

Bild 13: Gymnasien, Realschulen, Hauptschulen 2009/2010 im Landkreis

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Wir haben 35 Gemeinden und in diesen 35 Gemeinden haben wir noch 41 Grundschulen und 21 Hauptschulen. Wenn man davon ausgeht, dass sowohl in 6 Gymnasien, als auch in 6 Realschulen die gleiche Schülerzahl (etwa 500) eines Jahrgangs ausgebildet wird wie an 21 Hauptschulen, sieht man unser Problem.

Bild 14:

Schülerentwicklung in den Schultypen 2003 – 2010 – 2020

Wenn man 500 Realschüler, 500 Gymnasiasten und 500 Hauptschüler hat und für die 500 Gymnasiasten 6 Gymnasien, für die 500 Realschüler ebenfalls 6 Realschulen zur Verfügung stehen, dann kann man für 500 Hauptschüler auf Dauer nicht 21 Hauptschulen haben. Da bleibt für jede Schule im Schnitt noch eine Klasse. Man kann nicht mehr differenzieren. Und ich stehe zu dieser Differenzierung, zu dieser Vielfalt.

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Bild 15

Lösung = Auflösung der Realschulen?

Manche suchen die Lösung in der Auflösung der Realschule. Wir haben dies auch durchgerechnet. Derzeit haben wir etwa gleich viel Schüler in den Gymnasien, den Hauptschulen und in den Realschulen. Würde man die Realschulen auflösen, wissen wir, dass 50 % der Realschüler an die Gymnasien gehen, weil sie die Voraussetzung dafür haben. Dann halbiert man das Problem. Man hat statt 570 Hauptschülern 780. Bei einer Teilung durch 21 Hauptschulen löst sich das Problem nicht viel besser? Im Gegenteil – man hat statt eines sogenannten differenzierten Dreiklassen-Schulsystems dann ein Zweiklassen-Schulsystem. Wer bei der Hauptschule von der Restschule spricht, hat dann einen noch größeren Rest. Deshalb müssen wir die Hauptschulen handwerklich ausrichten und somit auch aufwerten. Wir müssen „Ja!“ zu diesen Schulen sagen.

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Außerdem würden die Gymnasien überquellen, bzw. nicht ausreichen. Die Probleme bei den Hauptschulen würden nur unwesentlich verbessert. Deshalb wird die Mittelschule die Lösung für den ländlichen Raum sein, und darum müssen wir zu den Mittelschulen kommen.

Bild 16:

Hochschulreife im Landkreis 2010

Und dann darf ich noch auf etwas ganz Wichtiges hinweisen, was bei dem Vergleich Bayerns mit den anderen Bundesländern und Europa immer vergessen wird. Ein Vergleich mit dem Jahr 2000 zeigt, dass von den Kindern aus diesem Jahrgang über 50 % die Hochschulreife erlangen. Zwar nicht alle direkt über das Gymnasium, sondern über die Realschule und die FOS und BOS. Aber entscheidend ist, wie gesagt, was sie am Schluss machen. Wir haben in Bayern über die verschiedenen Möglichkeiten ein Drittel Abiturienten und viele andere, die über verschiedene Wege zum Fachabitur gekommen sind, und das ist das Entscheidende. Wir sollten diese Wege noch mehr öffnen, damit am Schluss alle dort landen, wo sie hin wollen. Deshalb nochmals ein klares Ja für die Durchlässigkeit und die Vielfältigkeit. Bei der Grundschule soll der Grundsatz bleiben: Kurze Beine, kurze Wege. Danach muss es für jeden Elfjährigen möglich sein, weiter zu fahren. Beim Gymnasiasten und Realschüler akzeptieren

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die Eltern auch den längeren Schulweg. Wir müssen „Ja“ sagen zur Mittelschule, zur gemeinsamen Schule, die handwerksorientiert ist, ein „Ja“ zum dualen System. Lehrpläne - Qualität der Lehrer und deren Ausbildung Erlauben Sie noch einen Satz zum Schluss. Strukturen sind das eine, aber die Inhalte und die Akteure sind das andere. Wir sollten dringend darüber nachdenken, was in den einzelnen Schulen gelehrt werden muss. Meiner Meinung ist da sehr viel Ballast dabei. Und noch wesentlicher sind die Akteure. Wir brauchen gut ausgebildete und motivierte Lehrer. Und bei dem Thema Strukturen und Akteure fällt mir immer das Beispiel einer Fußballmannschaft ein. Der FC Barcelona hat 11 Spieler und Tasmania Berlin hat auch 11 Spieler. Aber wenn sie gegeneinander spielen, wird man feststellen, dass trotz gleicher Spielerzahl und Struktur ein sehr unterschiedliches Ergebnis zustande kommen wird. Darum kommt es letztlich auch auf die Qualität der Lehrer an. Die brauchen eine intensive Ausbildung in Pädagogik, sie sollen die Begeisterung und Neugierde bei den Kindern wecken können.

Leider ist meine Zeit zu Ende, das Bild aus dem Chiemgau soll Ihnen das Gefühl geben, dass es trotz vieler Probleme noch ein Stück heile Welt gibt. Es soll Sie animieren, bei uns Urlaub zu machen. Herzlichen Dank und auf Wiedersehen im Chiemgau.

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Erfahrungsberichte national und international

Oberbergischer Kreis (Nordrhein-Westfalen)

Angelika Freund

Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr, Sie begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Angelika Freund. Ich bin Schulamtsdirektorin im Schulamt für den Oberbergischen Kreis.

Der Oberbergische Kreis liegt im Süden des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Oberbergischer Kreis NordrheinWestfale n

RheinlandPfalz

Er besteht aus 13 Städten und Gemein•

13 Städte und Gemeinden



ländlich geprägt mit vielen kleinen Schulen



stark zurückgehende Schülerzahlen  Problem: kleine Schulen sind oft nicht mehr „überlebensfähig“

Oberbergischer Kreis

den und ist ländlich geprägt. In Bezug auf die Schullandschaft bedeutet das, dass es neben größeren mehrzügigen Schulen in den Städten viele kleine Grundschulen in den Dörfern gibt – Grundschulen, die teilweise

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nur einzügig sind und trotzdem das „Bildungszentrum“ für die Kinder des Dorfes darstellen. Diese kleinen Grundschulen stehen durch zurückgehende Schülerzahlen vor großen Problemen: •

Beispielsweise kann die Klassenbildung kann nicht mehr im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben erfolgen.



Die wenigen Lehrkräfte können nicht das fachlich erforderliche Spektrum abdecken.



Die Besoldung der Schulleitungsstellen ist so unattraktiv, dass es kaum noch Bewerber für solche Stellen gibt.

Aber auch die weiterführenden Schulen bemerken den Rückgang der Schülerzahlen negativ, insbesondere die Hauptschulen. Exemplarisch für diese Probleme – aber auch für Lösungen - möchte ich den Blick auf die kleine Gemeinde Morsbach mit ca. 12.000 Einwohnern werfen. In der Gemeinde Morsbach hatte sich GGS Lichten ber g

einzügige Schule mit ca. 100 Schülerinnen und Schülern

Hauptschule Realschule

in den letzten Jahrzehnten eine differenzierte Schullandschaft entwickelt.

dreizügige Schule mit ca. 420 Schülerinnen und Schülern

KGS Morsbach

auf Grund steigender Einwohnerzahlen

Schullandschaft in Morsbach im Jahr 2007

dreizügige Schule im Zentrum mit ca. 300 Schülerinnen und Schülern

In Morsbach, dem Hauptort der Gemeinde, wurde im weiterführenden Be-

einzügige Schule mit ca. ca. 100 Schülerinnen und Schülern

GGS Holp e

reich ein Schulzentrum aufgebaut – mit Hauptschule und Realschule.

Im Grundschulbereich gab es in Morsbach eine große Katholische Grundschule mit zeitweise bis zu 400 Kindern und für die Kinder „auf dem Land“ zwei kleine Gemeinschaftsgrundschulen, nämlich die GGS Lichtenberg mit ca. 100 Kindern und die GGS Holpe mit ebenfalls ca. 100 Kindern.

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2008 gab die Gemeinde Morsbach die Schulentwicklungsplan aus dem Jahr 2008 Schülerinnen und Schüler in den 3 Grundschulen der Gemeinde Morsbach im Schuljahr 2000/2001  623. Die Zahl wird voraussichtlich bis 2012 auf etwa 400 Schülerinnen und Schüler gesunken sein ein Schülerrückgang von über 30 % !!! .

Weiterentwicklung eines Schulentwicklungsplans in Auftrag und man stellte fest, dass bis zum Jahr 2012 die Zahl der Grundschülerinnen und -schüler von 623 im Schuljahr 2000/2001 auf voraussichtlich etwa 400 Schülerinnen und Schüler gesunken sein würde. Das bedeutete einen zu erwartenden

Schülerrückgang von über 30 %. Für die einzelnen Schulen sah es perspektivisch folgendermaßen aus: In Holpe würden es im Jahr 2008 nur noch 17 Einschulungen und im Jahr 2010

Entwicklung der Schülerzahlen in der Grundschule Holpe laut Schulentwicklungsplan

nur noch 10 Einschulungen sein.

Einschulungsjahr Schülerzahlen in Holpe 2007/2008

30

Die eingangs schon erwähnten Probleme

2008/2009 2009/2010

17 27

sehr kleiner Schulen waren absehbar:

2010/2011

10

2011/2012 2012/2013

18 28

2013/2014

21



Die Lehrerversorgung für die zu bildenden sehr kleinen Klassen wäre nicht mehr sicher gestellt.



Die Schulprogrammarbeit würde auf immer weniger Schultern ruhen.



Die A 13 Schulleiterstelle drohte wegzufallen. Aber auch für die große Grundschule in Entwicklung der Schülerzahlen in der Katholischen St. Franziskus Schule laut Schulentwicklungsplan Einschulungsjahr 2007/2008

Schülerzahlen in der KGS Morsbach 80

2008/2009

84

2009/2010

65

2010/2011

67

2011/2012

65

2012/2013

58

2013/2014

55

Morsbach sah der Schulentwicklungsplan keine rosige Zukunft. Man bedenke, dass die Einschulungsjahrgänge an dieser Schule noch vor wenigen Jahren über 90 Schülerinnen und Schüler stark waren - und nun ein Absinken auf unter 60 Kinder!

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Auch hier waren Probleme vorhersehbar. So fand sich nach der Pensionierung des Rektors im Jahr 2007 trotz wiederholter Stellenausschreibung kein Bewerber für die Schulleitung. In den Jahren 2009 bis 2011 ist die Klassenbildung ungünstig. Lediglich die einzügige Gemeinschaftsgrundschule in Lichtenberg kann aufgrund von überdurchschnittlicher Zuwanderung in neue Wohngebiete die Schülerzahlen einigermaßen halten. Die zurückgehenden Schülerzahlen an den Grundschulen wirken sich natürlich zeitversetzt auch auf die Schülerzahlen der beiden weiterführenden Schulen – Hauptschule und Realschule – aus: Laut Schulentwicklungsplan werden ab 2014 die Übergänge aus den Grundschulen jährlich insgesamt nur noch ca. 100 Kinder betragen. Dann wird die Hauptschule in Morsbach nur noch einzügig sein, die Realschule zweizügig. Aber: Gegen die Fortführung einer Hauptschule mit nur einer Klasse pro Jahrgang steht der rechtliche Rahmen: Nach § 82 Abs. 4 SchulG müssen Hauptschulen mindestens zwei Parallelklassen pro Jahrgang ausweisen. Und - Sollte es nach Wegfall der Hauptschule in Morsbach nur noch eine Realschule geben und sollten ca. 60 % der Schülerinnen und Schüler in auswärtigen Schulen unterrichtet werden, so könnte sich das durchaus auch negativ auf die Weiterentwicklung der ganzen Gemeinde auswirken. Um dazu nur einige Punkte zu nennen:



Schülerinnen und Schüler schließen sich auswärtigen Sport- und Musikvereinen an, weil dort auch ihre Klassenkameraden aktiv sind.

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junge Leute suchen Ausbildungsplätze dort, wo sie die Schule besucht haben – also außerhalb von Morsbach. Der Fachkräftemangel für die heimischen Industriebetriebe wäre vorprogrammiert.



Junge Familien verlassen Morsbach, weil sie ihren Kindern die langen Wege zu den weiterführenden Schulen ersparen möchten.

Da die Problematik, die die zurückgehende Schülerzahl mit sich bringt, beim Land NRW schon länger im Blick ist, hat man im Schulgesetz entsprechende Rahmenbedingungen für den Umgang mit dieser Problematik festgelegt. Eine für die Morsbacher Grundschulen entscheidende Passage aus dem Schulgesetz ist folgende:

Grundschulen mit weniger als zwei Klassen pro Jahrgang sollen, wenn der Schulträger deren Fortführung für erforderlich hält, zur Erreichung angemessener Klassenund Schulgrößen im Sinne von § 81 Abs. 1 möglichst als Teilstandort geführt werden (Grundschulverbund). Grundschulverbund war also das Stichwort, GGS Lichten ber g

Hauptschule Realschule

einzügige Schule mit ca. 100 Schülerinnen und Schülern

denn man war sich schnell einig, dass keine der beiden kleinen Schulen aufgelöst werden sollte.

1. Lösungsidee KGS Morsbach

In einem Grundschulverbund würde es zwar

dreizügige Schule im Zentrum mit ca. 300 Schülerinnen und Schülern

nur einen Schulleiter und einen Konrektor geeinzügige Schule mit weniger als 100 Schülern

GGS Holp e

ben, aber beide Teilstandorte könnten jeweils ihr eigenes Schulprogramm weiter führen.

Zunächst wurde überlegt, welche der drei Grundschulen im Verbund geführt werden könnte. Man entschied sich dafür, aus der großen katholischen Grundschule und der kleinen Gemeinschaftsgrundschule in Holpe einen Grundschulverbund zu machen. Dann stieß man jedoch auf ein Hindernis: Das Schulgesetz sieht zwar vor, dass kleine konfessionelle Schulen als Teilstandort einer großen Gemeinschaftsgrundschule geführt werden können, jedoch gibt es keine gesetzliche Grundlage dafür, dass eine kleine Gemeinschaftsgrundschule als Teilstandort einer großen konfessionellen Schule geführt werden kann.

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Es gab also nur den Weg einer Zusammenführung der beiden Schulen: Beide Schulen mussten aufgelöst und es musste eine neue Schule mit zwei Standorten gegründet werden. Der Beschluss sorgte bei den Beteiligten für Aufregung und auch für Ängste, denn es stand fest:



Alle Schulleitungsmitglieder werden durch die Auflösung ihre Schulleitungsstellen verlieren – müssen sich neu bewerben – eventuell sogar eine neue Schulleitungsrevision absolvieren



Das Profil der katholischen Grundschule wird auf dem Prüfstand stehen, denn die Eltern müssen in einem Schulartenbestimmungsverfahren festlegen, ob die neue Schule eine konfessionelle Schule oder eine Gemeinschaftsgrundschule werden soll.

Dass die Ängste nicht ganz unberechtigt waren, zeigte sich im weiteren Verlauf. Im Schulartenbestimmungsverfahren entschieden sich die Eltern dafür, dass die neue Schule eine Gemeinschaftsgrundschule werden sollte – Morsbach verlor damit die katholische Grundschule. Einige Kollegiumsmitglieder verließen darum auf eigenen Wunsch die Schule, da es ihnen ein persönliches Anliegen war, an einer katholischen Grundschule zu arbeiten. Alle amtierenden Schulleitungsmitglieder verloren zunächst ihre Leitungsfunktion, mussten sich neu bewerben und sich aufgrund der veränderten Schulgröße erneut einer Revision stellen. Das war im Jahr 2008. Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet und man profitiert von der neuen Lösung:



Auch an dem kleinen Standort können Fächer wie Kunst, Musik, Religion, Sport von dafür ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet werden.

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Die Schulprogrammarbeit ruht auf vielen Schultern.



Die Kinder aus Holpe können weiter in ihrem Ort die Schule besuchen – müssen keinen weiten Fahrweg hinnehmen, wie es erforderlich gewesen wäre, wenn man ihren Schulstandort aufgelöst hätte



Die Besoldung der Leitungsstellen ist wieder attraktiv. So sieht die zukunftsfähige GrundschulGGS Lichten ber g

landschaft also heute aus.

Gesamtschule

Zukünftige Schullandschaft in Morsbach So ???? GGS Morsbach

Es bleibt die Frage nach der Weiterentwicklung der beiden weiterführenden Schulen – Hauptschule und Realschule.

GGS Mor sbach

Ich erinnere – der Schulentwicklungsplan sah für die Hauptschule perspekti-

visch das „Aus“ und den Verbleib einer nur noch zweizügigen Realschule. Es wurden in den politischen Gremien Ideen für Lösungsmöglichkeiten entwickelt. Die beiden Hauptrichtungen bei der Ideenfindung waren: Stärkung der Hauptschule und der Realschule durch verschiedene Maßnahmen – z.B. durch Kooperationen zwischen Betrieben und den Schulen. Man hoffte auf diesem Weg u.a., die Morsbacher Schulen auch für Schülerinnen und Schüler aus dem Umland attraktiv zu machen; oder Errichtung einer Gesamtschule mit Oberstufe. Auch damit würde man den Schulstandort Morsbach für Einpendler aus dem Umland attraktiv machen und zudem müssten Morsbacher Kinder – um zum Abitur zu gelangen - nicht den Weg in die Schulen anderer Schulträger suchen.

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Allerdings würde diese Lösung den Verlust sowohl der Hauptschule als auch der Realschule bedeuten, denn nur bei Auflösung dieser beiden Schulen könnten genügend Schülerinnen und Schüler für die Errichtung einer Gesamtschule zusammen kommen. Der aktuelle Stand ist folgender: Zurzeit müssen noch rechtliche Rahmenbedingungen geklärt werden. Danach finden – wenn der rechtliche Rahmen es erlaubt- Anmeldungen zur Gesamtschule statt. mindestens 112 Schüler für die Klasse 5 à Gesamtschule Es liegt also nun in der Entscheidung der Eltern aus Morsbach und Umgebung, ob es die Gesamtschule geben wird.

GGS Lichten ber g

Gesamtschule

GGS Lichten ber g

Hauptschule Realschule

Zukünftige Schullandschaft in Morsbach So ???? GGS Morsbach

Zukünftige Schullandschaft in Morsbach GGS Morsbach

oder so ????

GGS Mor sbach

GGS Mor sbach

GGS Lichten berg

Realschule

Zukünftige Schullandschaft in Morsbach ab 2010 GGS Morsbach

oder so ????

GGS Morsbach

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Erfahrungsberichte national und international

PISA-Vorbild Finnland: Was ist das Geheimnis?

Matti Meri

Pisa ist ein kleines Dorf in Lappland.

Wenn wir über den Pisa-Erfolg Finnlands reden, muss man über die notwendigen Kompetenzen von Lehrern sprechen, weil nur mit den richtigen Kompetenzen der Lehrer besondere Qualität erbracht werden kann. Dies gilt nicht nur für Deutschland und Finnland, sondern global. Zunächst möchte ich dazu folgendes Szenarium demonstrieren: Hätten wir z.B. eine Gruppe Erstklässler in Finnland, sie wären 7 Jahre alt. Es wäre doch interessant zu erfahren, wie sie sich einen kompetenten Lehrer vorstellen. Natürlich würde man die Kinder nicht so fragen, sondern eher: Was ist ein guter Lehrer? Und diese Kinder würden wohl antworten: „Einer, der gut rechnen kann.“ – „Einer, der gut zuhört.“ – „Einer, bei dem ich lachen kann.“ – „Einer, der alles weiß.“ Wir meinen häufig, dass es bei einem kompetenten Lehrer um ganz andere Dinge geht. Aber wenn man unsere Vorstellungen mit den Antworten der Kinder vergleicht, gibt es häufig viel mehr Ähnlichkeiten als angenommen. Wir benutzen nur andere Begriffe und Konzepte. In meinem Artikel widme ich mich den Kompetenzen, die Lehrer in ihrer Ausbildung erhalten müssen. Dafür ist es wichtig zu wissen, welche Modelle der Lehrerbildung es überhaupt gibt. Einige dieser Modelle sind hier dargestellt:

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Abb. 1: Modelle der Lehrerbildung

Schule als Basis

Forschungsbasis

Pädagogisches Denken Rezepte als Basis

Tätigkeits-

I N T U I T I V

kompetenzen

DEDUKTIV

Problemlösen Als Basis als Basis

R A T I O N A L

INDUKTIV

Lehrer brauchen Schulerfahrung

Schule als Basis, Erfahrungsorientierung bedeutet, dass man die Erfahrungen mit der Schule stärker wahrnimmt und berücksichtigt. Wir alle haben viele und vielfältige Erfahrungen mit der Schule – schon allein deshalb, weil wir selbst Schüler gewesen sind. In der Lehrerbildung haben solche Erfahrungen eine große Bedeutung: Erfahrungen als Schüler, aber auch Erfahrungen mit den Leistungen eines Lehrers oder einer Lehrerin im Unterricht. Jeder hat sehr unterschiedliche positive und auch negative Erfahrungen mit der Schule gemacht. Darum ist in der Lehrerbildung auch eine Schulorientierung äußerst wichtig: Die Studentinnen und Studenten müssen in ihrer Ausbildung eine ganz gewöhnliche Schule und gewöhnliche Schülerinnen und Schüler kennen lernen können. Denn diese Erfahrungen brauchen sie unbedingt: Was passiert tagtäglich in einer Klasse/einer Schule? Natürlich sind diese Erfahrungen nicht nur positiv, in jedem Fall aber sind sie vielfältig.

In einigen Ländern ist die Lehrerbildung sehr stark auf Rezeptwissen ausgerichtet

(Meri, 1998). Es gibt viele Unterrichtsrezepte, die die Mentoren den Studenten ge-

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ben, um möglichst sicherzustellen, dass der Unterricht nach richtigen pädagogischdidaktischen Konzepten abläuft. So ein Modell folgt dem traditionellen MeisterLehrling-Lehrerausbildungssystem. Dagegen ist bei Systemen, in denen Problemlösungen und Problemlösungsstrategien eine große Rolle spielen, die Zielsetzung gänzlich anders: Die Studenten sollen lernen, oder zumindest üben, verschiedene pädagogische und didaktische Probleme zu lösen. Und dafür braucht man gewisse Werkzeuge.

Tatsächlich ist die Situation in einer Schulklasse immer sehr komplex; immer kann es viele verschiedene Arten von Problemen geben. Weil allerlei Forschungsmethoden als Werkzeuge für Unterrichts- und Handlungsanalysen wirken, sind forschungsorientierte Phasen in der Lehrerbildung für die Entwicklung der Lehrer und der Studenten ganz bedeutend: Studenten, die Lehrer werden wollen, sollten richtiggehend Forschung in ihrer Klasse betreiben, mögliche Themen intensiv bearbeiten und die Ergebnisse analysieren.

Einheitliche Lehrerausbildung auf hohem Niveau

In einem nicht-föderalistischen Land wie Finnland ist eine einheitliche Lehrerbildung völlig unproblematisch. Auch die Umstellung auf das für alle Universitäten geltende modularisierte Lehrerstudium war einfach: Am 01.08.2005 wurden die bis dahin geforderten Studienwochen in eine nach Schulstufen differenzierte Anzahl von einzubringenden „credit points“ (ECTS) umgewandelt. Die finnische Lehrerbildung orientiert sich an den Schulstufen des einheitlichen Schulsystems und ist dementsprechend überschaubar. Das finnische Unterrichtsprinzip: „Wir unterrichten Menschen,

nicht Fächer“ widerspiegelt sich auch in der Lehrerbildung. Das Studium der Grundstufenlehrer/Klassenlehrer wird mit einem höheren akademischen Grad, nämlich dem Master (300 Studienpunkte; 1 Studienpunkt ist gleich 27 Stunden Studienarbeit) im Hauptfach Pädagogik abgeschlossen. Der finnische Klassenlehrer entspricht etwa dem deutschen Grund- und Hauptschullehrer für die Klassen 1 bis 6. Das Studium dauert fünf Jahre und umfasst folgende Einheiten: Sprach-

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und Kommunikationsstudien, Hauptfachstudien, pädagogische Studien, übergreifende Studien in den Gesamtschulfächern, 1 – 2 Nebenfächer und fakultative Fächer. Zum Pädagogikstudium gehört auch ein gleichzeitig mit dem Studium zu absolvierendes ca. 15 Wochen langes (20 ECTS) Unterrichtspraktikum an einer mit anderen Studien an der Universität kooperierenden Schule.

Ausgangspunkt des Studiums ist, die Studierenden mit der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, mit den Wechselwirkungen von Lehrer und Schüler sowie mit Erziehungs-, Lern- und Entwicklungstheorien und deren praktischer Anwendung in der Erziehungs- und Unterrichtsarbeit vertraut zu machen. Ziel ist es, den Studierenden die Fähigkeit zu vermitteln, selbständig Probleme in Erziehung und Unterricht analysieren und lösen zu können und die eigene Arbeit mit wissenschaftlichen Mitteln zu entwickeln. Absolventen erhalten die Befähigung für weiterführende Studien in den pädagogischen Fächern.

Genau in diesem Punkt unterscheidet sich das finnische Modell erheblich von der Lehrerbildung in anderen Ländern. In Finnland müssen alle Lehrer, auch Grundschullehrer, eine Magisterprüfung, eine Höhere Universitätsprüfung mit Masterthesen ablegen. Natürlich taucht hier die Frage auf: Welche Bedeutung hat diese Orientierung für die Lehrerbildung?

Man sollte sich bewusst machen: Schon eine ganz normale Situation in einem Klassenzimmer bietet viele interessante Themen, die man erforschen kann. Die Ergebnisse der Forschung können dem Lehrer geeignete Mittel an die Hand geben, sie helfen ihm in der Praxis bei der Problemlösung, indem er eine spezielle Methode anwenden kann. Die Masterarbeit ist eine eigenständige Forschungsarbeit, mit Thesen sowie einem theoretischen und einem praktisch-empirischen Teil.

Neben Forschungskompetenzen sollte man als kompetenter Lehrer natürlich die Fähigkeit zur Argumentation haben. Häufig bezieht man sich auf eine subjektive Theorie, also auf eine Theorie, die man selbst entwickelt hat. Das ist ein guter Anfang, aber nicht genug. Man sollte die eigene subjektive Theorie mit anderen Theorien

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vergleichen, und auch lesen, was andere zum Thema geschrieben haben, welche Unterschiede und Ähnlichkeiten es gibt und warum.

Niemi (1995) hat im Rahmen der Evaluierung der Lehrerausbildung untersucht, wie die Absolventen die Anfertigung der Examensarbeit als Teil ihrer Ausbildung einschätzen. Hauptsächlich wurde der Prozess als sehr positiv und kognitiv bedeutend eingeschätzt. Man lerne, selbstständig Informationen zu sammeln und kritisch zu sein. Viele Studierende betonten die Wichtigkeit einer geglückten Themenwahl. Je näher das Thema an den eigenen Interessen und der zukünftigen Unterrichtsarbeit liegt, desto mehr Nutzen zieht man aus der Examensarbeit. Dieser langfristige Arbeitsprozess wird als wertvolle Lernerfahrung angesehen; das erarbeitete Wissen kann man in der Evaluierung und Entwicklung der eigenen Lehrarbeit anwenden. Diejenigen Absolventen, die die Masterarbeit als problematisch und sinnlos einschätzten, kritisierten gewöhnlich die Themenwahl und die Anleitung.

Forschung zur Lehrerausbildung wird in Finnland vorwiegend in den Bereichen der Erziehungswissenschaften betrieben, von Bedeutung sind aber auch Forschungsergebnisse aus den Gesellschaftswissenschaften, der Psychologie und den Geisteswissenschaften. Die Stärke der erziehungswissenschaftlichen Forschung ist ihre Wissenschaftsvielfalt. Die Forschung deckt die zentralen Bereiche von Ausbildung und Ausbildungssystem ab. Die auf den Schulalltag bezogene Forschung ist im Hinblick auf die Entwicklung des Wissenschaftsbereichs sowie der praktischen Arbeit an der Schule von Bedeutung. Erziehungspsychologie und Fachdidaktik sind traditionell wichtige Faktoren in der erziehungswissenschaftlichen Forschung und der Entwicklung der Lehrerausbildung in Finnland. Sie sind inhaltlich an allen Universitäten vertreten, die Lehrerausbildung anbieten.

Nicht jeder eignet sich zum Lehrer

Lehrerberuf ist nicht jedermanns Sache! In Finnland wird momentan eine ziemlich harte und kontroverse Diskussion darüber geführt, ob wir für unsere Lehrerausbildung wirklich die innerlich motivierten Studenten auswählen. Häufig wird danach

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gefragt, ob und wie wir überhaupt eine geeignete Auswahl treffen können. In einem Jahr hatten wir allein in Helsinki etwa 1.300 Bewerber für die Grundstufenlehrerausbildung, konnten aber nur 100 Studenten aufnehmen. Man hat bei uns festgestellt:

„Wer alles zu wissen glaubt, weiß nichts von der Erziehung. Wer die ganze Prüfung über nicht einmal lacht, den nehmen wir nicht. Wer zu viel redet, den nehmen wir nicht“ und „Wir brauchen niemanden, der wunderbar Flöte spielt, wir brauchen Menschen, die sich fragen: Wie erreiche ich, dass die Kinder Flöte spielen lernen und dieses auch gern tun?“ Da muss man natürlich sehr genau überlegen, welche Kompetenzen die Studenten schon haben müssen, wenn sie zur Lehrerausbildung kommen und welche Qualifikationen wir ihnen anbieten müssen, damit das Studium erfolgreich abläuft. Bei der Auswahl der Lehrerstudenten ist das Dreieck aus Befähigung/ Motivation, Qualifikation und Kompetenzen von sehr großer Bedeutung. Ziel der Lehrerausbildung ist ein bestimmter Lehrertypus: ein reflektierender Didaktiker (Denker und Forscher) mit Theoriewissen, Berufswissen und Handlungskompetenz.

Schüler setzen sich selbst Lernziele

Die Bedeutung der Forschungsorientierung eines Lehrers habe ich bereits dargestellt. Ein Lehrer sollte während seines Studiums eine wissenschaftliche Grundlage erhalten, die nicht nur pädagogische, sondern auch andere, zum Beispiel psychologische und soziologische Komponenten hat. Zielorientierung hat bei uns in Finnland schon sehr früh einen großen Stellenwert. Bereits in der Grundschule üben Erstklässler, sich Ziele/Lernziele zu setzen. Ein Schüler setzt sich am Anfang des Tages ein Lernziel: Heute versuche ich dieses und jenes zu lernen. Er schreibt seine Ziele auf eine kleine Karte, damit er am Ende des Schultages seinen Erfolg genau sehen kann: Dieses Ziel habe ich geschafft, und dieses nicht. Allerdings reicht das noch nicht aus. Letztlich geht es darum zu verstehen, warum man Ziele nicht erreicht hat, die man sich selbst gesetzt hat. Das ist nicht einfach. Aus der Unterrichtspraxis in vielen Ländern ist bekannt, dass auch die Schüler fähig sind, sich eigene Lernziele zu setzen. In der

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Didaktikliteratur wird viel darüber geschrieben, was man aber nur selten in der Unterrichtswirklichkeit sieht.

Was ein guter Lehrer braucht

Ein guter Lehrer braucht, wie z.B. Hilbert Meyer (2005, 232-235) in seinen vielen Didaktikbücher vorstellt, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, wie Selbstvertrauen, Berufsethos, soziale und emotionale Intelligenz, pädagogische Reflexionsfähigkeit, wie Selbstkritik und Handlungsfähigkeit, wie Theoriewissen, biografische Kompetenz, Fallverstehen, Methodenrepertoire, soziale und emotionale Integrationsfähigkeit, Curriculum- und Planungskompetenzen. Die meisten der hier aufgeführten Aspekte werden dem Leser klar sein. Ich will nur einzelne Punkte erläutern. Mit Berufsethik meine ich vor allem: Ein Lehrer sollte ein Verständnis dafür haben, was Kindern wichtig ist und warum. Biografische Kompetenz bedeutet: Es reicht nicht aus, wenn ich den Namen eines Schülers kenne. Ich sollte genauer wissen, was in seinem Kopf vorgeht.

Enge Zusammenarbeit mit den Eltern

In Finnland wird gegenwärtig viel darüber diskutiert, wie wir mit den Eltern zusammenarbeiten können, um die Kinder besser zu verstehen. Wir suchen nach gemeinsamen Lösungen, die für die Kinder zu Hause und in der Schule die besten sind. Leider ist es in Finnland oft so – und das ist hier vielleicht nicht anders –, dass bei Elternabenden die Mütter kommen und nur zwei Väter oder sogar nur einer. Ich bin davon überzeugt, dass die Väter auch kommen würden, wenn sie irgendetwas Interessantes in der Schule zu tun hätten.

Zur Handlungsfähigkeit: Ein Lehrer sollte beispielsweise dazu fähig sein, sofort zu verstehen und sofort zu reagieren, nicht lange abzuwarten, wenn irgendetwas passiert. Bei der Gestaltung des Unterrichts kann ihm ein Methodenrepertoire sehr helfen. Ab und zu sollten Lehrer einen individuellen Unterricht organisieren, so dass die Schüler lernen, selbstständig zu sein und etwas Wichtiges zu verstehen: Ich bin selbst verantwortlich für das, was ich hier mache. Weitere wichtige Kernkompeten-

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zen des Lehrers sind Selbstvertrauen, Kreativität und das Wissen, wie die Potenziale einer Lernumgebung ausgeschöpft werden können.

Diesen interessanten Punkt möchte ich an einem Beispiel erklären:

Eine junge Lehrerin hatte ihren ersten Schultag. Das Klassenzimmer der Erstklässler war völlig leer, ohne Pulte, ohne Stühle, ohne Pflanzen, nichts. Und die Erstklässler kamen mit ihren Eltern und fragten: „Was bedeutet das? Wir kommen und da gibt es nichts?“ Da fragte die Lehrerin die Schüler: „Was meint ihr, wo seid ihr?“ Sie bekam mehrere Antworten: „Wir sind in der Schule! Wir sind im Klassenraum!“ – und so weiter. Dann hat sie gefragt: „Seid ihr schon mal in der Schule gewesen, in einem Klassenraum?“ Und die Schüler antworteten: „Ja, waren wir!“ – „Und wie war es da?“ – „Nicht so wie hier! Da waren Tische, Stühle und Schränke, Pulte, Bilder und Pflanzen.“ – „Aha, und wo könnten wir nun die Tische holen?“ Und die Kinder haben geantwortet: „Wir glauben, hier irgendwo in der Schule gibt es einen Raum, wo es Tische und Stühle für uns gibt.“ – „Und wer besucht so einen Raum?“ – „Der Schulrektor, der Direktor, eine Krankenschwester...“ – „Eine Krankenschwester? Was macht eine Krankenschwester dort?“ – Und die Kinder überlegten weiter: „Es gibt auch einige Damen, die uns das Essen vorbereiten, aber die haben keine Tische und Stühle für uns, aber der Hausmeister, ja, der Hausmeister...!“

Lehrer müssen auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen, brauchen soziale Kompetenzen

Und dann waren die Kinder auf dem Gang, um den Hausmeister zu suchen. Und das war interessant. Als die Kinder mit den Eltern im Lagerraum waren, was haben sie zuerst gemacht? Sie haben Überlegungen angestellt, richtige Messungen: So einen Stuhl brauche ich, für ihn brauchen wir einen etwas größeren Stuhl, oder einen kleineren. Wie hoch soll eigentlich der Tisch sein? Die Kinder haben ganz viel gemacht, und nicht einfach nur da gesessen. Und die Väter trugen die Stühle und die Pulte, sie hatten also eine richtige Position. Und alle haben gemeinsam die Lernumgebung gebaut, sodass jede Sache eine persönliche Bedeutung für das Kind erhielt. Die Kinder

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haben verstanden: Wir setzen uns Ziele, aber um dafür irgendwelche Mittel zu bekommen, müssen wir sie erst einmal finden.

Äußerst bedeutsam ist die Wechselwirkung zwischen Lehrern und Studenten, aber auch, was die Studenten von der Sache, vom Unterrichten und Lernen verstehen. Von großer Bedeutung ist auch, was im Kopf vor sich geht: Können wir als Lehrer erkennen, was bei unseren Studenten und Schülern passiert, wenn sie eine Beziehung zur Sache haben? Das heißt: Kann ich beispielsweise bei einem Schüler, der Mathematik lernen soll, bemerken, was in seinem Kopf passiert, wenn er eine mathematische Aufgabe zu lösen versucht? Manchen Lehrern reicht es aus, zu wissen: Diese Kinder können es, und diese können es nicht. Wenn Kinder etwas nicht können, ist es diesen Lehrern egal, sie können es ja zu Hause üben, zum Beispiel mit den Eltern. Ein Lehrer sollte aber nicht nur realisieren, dass ein Schüler Fehler macht, sondern auch versuchen zu verstehen, warum er diese Fehler macht. Lehrer sind meistens gut darin, den Unterricht zu planen und durchzuführen, und nachher auch zu reflektieren, was geschehen ist. Sehr schwierig ist es jedoch, dieses nötige Verständnis für den Schüler zu entwickeln.

Lehrer sollten auch spontan richtig reagieren können, also ein sehr intuitives Wissen haben, das schwer zu erklären ist. Letztlich brauchen sie nicht nur kognitive, sondern auch soziale und emotionale Kompetenzen. Schließlich passieren in der Klasse viele Dinge, bei denen Emotionen eine große Rolle spielen.

Durch die pädagogischen Studien erhalten Lehrer ihre Lehrbefähigung für alle Bildungseinrichtungen. Deshalb müssen diese Studiengänge einheitliche Studien zur Stärkung der Lehreridentität enthalten, so auch spezielle Fachstudien, die auf verschiedene Lehraufgaben ausgerichtet sind. Im Hinblick auf lebenslanges Lernen ist es wichtig, dass Lehrer den Gedanken eines einheitlichen Lehrerbildes teilen und verinnerlichen. Dies ist unabdingbar für eine gute Zusammenarbeit zwischen den Bildungseinrichtungen.

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Nach Erkenntnissen von Saari (2003) werden Lehrerausbildern und Studierenden zufolge im Rahmen der pädagogischen Studien folgende Inhalte am besten realisiert: Kenntnis des Lernprozesses, Planungs- und Evaluierungsfähigkeiten, Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik und ethische Verantwortung des Lehrers. Die Ansichten von Lehrerausbildern und Studierenden unterschieden sich im Hinblick auf den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik. Die Studierenden waren mit den vermittelten informations- und kommunikationstechnischen Kompetenzen weniger zufrieden als die Lehrerausbilder. Als schwach schätzten Lehrerausbilder und Studierende die Behandlung von multikulturellen Fragen, die Vermittlung von Fähigkeiten zur Konfliktlösung und zur Vorbeugung von Diskriminierung ein.

Das finnische Lehrerbildungssystem – Anregungen für die deutsche Lehrerbildung?

„Damit man die besten Schüler der Welt bekommt, muss man die besten Lehrer der Welt ausbilden“! Das finnische Lehrerbildungssystem soll man nicht nur positiv zu bewerten, es bringt auch Probleme mit sich. Schon die Auslegung der Tatsache, dass „nur die Besten in Finnland Lehrer werden“, ist fragwürdig. Werden mit den gegenwärtigen Aufnahmeverfahren die „richtigen“ Studierenden ausgewählt? Sicher wird eine Reihe von Bewerbern ausgesiebt, die eventuell gute Pädagogen wären. Man kann auch in diesem Zusammenhang fragen: „Warum muss z.B. die pädagogische Eignung für Mathematiklehrer gemessen werden, wenn noch nicht einmal alle Studienplätze besetzt werden können?“ Auch die viel gelobte finnische Lehrerfortbildung, die für alle verpflichtend und von den Gemeinden als Schulträger organisiert und bezahlt wird, ist wegen der Finanznöte der Kommunen nicht immer so, wie sie sein sollte. Die Gemeinden verwenden die vom Staat erhaltenen Gelder für die Lehrerfortbildung gerne für andere Zwecke. Nach einer neuen Untersuchung des Ministeriums nimmt der finnische Lehrer durchschnittlich 10 Tage im Jahr an Fortbildungen teil, zum Teil auf eigene Kosten und in seiner Freizeit.

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So könnte man zusammenfassend folgern: Vorbildlich ist die positive Wertschätzung des Lehrerberufs in Finnland und das auf Förderung der Schüler ausgerichtete professionelle Ethos in der Lehrerausbildung. Auch die hohe Wertschätzung des Klassenlehrers, der Pädagogik in seiner Ausbildung, die in das Studium integrierte Praxisphase sowie die Zusatzausbildung für Mentoren und deren zusätzliche Honorierung sind positiv zu bewerten. Ebenso ist die straffe praxisintegrierende Studienzeit bei gleichzeitig hohem professionellen Erfolg (PISA-Sieger) sicherlich kein Nachteil, sondern setzt finanzielle Ressourcen z.B. für eine pädagogisch sinnvolle HochschullehrerStudenten-Relation frei.

Problematisch ist die relativ geringe Bezahlung der Lehrer (am Anfang 2.300 € im Monat), die Notwendigkeit zu vorwiegend auch privater Fortbildungsfinanzierung und die geringe Zahl geeigneter männlicher Bewerber für den Zugang zur Lehrerbildung. So lässt sich für die Konstruktion einer zukünftigen Lehrerbildung in Deutschland vor allem lernen, wie wichtig die Wertschätzung des Lehrerberufs und die Herausbildung des professionellen Fördergedankens ist und wie eine Theorie-Praxis-integrierte einphasige Lehrerausbildung sinnvoll zu gestalten ist. Auch der geeignetere Umgang mit schulischen Mentoren ist u.a. aus gewerkschaftlicher Sicht wünschenswert.

Literatur:

Meri, Matti. (1995). Warum auch Rezepte. Einige Leitfäden zum Expertenwissen. In Kansanen, Pertti (Hrsg.) Diskussionen über einige pädagogische Fragen V. Research Report 140. (89-100). Department of Teacher Education, University of Helsinki. Meyer, Hilbert. (2005). Türklinkendidaktik. Aufsätze zur Didaktik, Methodik und Schulenentwicklung. Cornelsen Verlag Scriptor.

Niemi, Hannele. (1995). Opettajan ammatillinen kehitys. Opettajankoulutuksen arviointi oppimiskokemusten ja uuden professionaalisuuden viitekehyksessä. Tampereen yliopiston opettajankoulutuslaitoksen julkaisuja A3/1995. (Fachliche Entwicklung des Lehrers. Evaluierung der Lehrerausbildung im Bezug auf Lernerfahrungen und neue Professionalität. Veröffentlichungen des Lehrerausbildungsinstituts der Universität Tampere A3/1995.) Opettajankoulutuksen kehittämisohjelma. (2001). Opetusministeriö. (Entwicklungsprogramm für die Lehrerausbildung 2001. Unterrichtsministerium.) Saari, Seppo. (2003). Saadut ennakkotiedot Korkeakoulujen arviointineuvoston suorittamasta arvioinnin seurannasta. (Prognosedaten aus der Evaluierungsstudie des Evaluierungsrats der Hochschulen.)

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Plenumsdiskussion

Prof. Lorig: Wir vertiefen jetzt einige Fragestellungen aus den Inputvorträgen. Nach 2 Fragerunden im Podium werden wir für Zuhörerfragen öffnen. Ich bedanke mich bei allen Inputrednern für die große Zeitdisziplin. Ich beginne mit einer Frage an Herrn Lübking: Können Sie mit wenigen Worten herausarbeiten, was ein Schulstandort für Städte und Gemeinden bedeutet?

Herr Lübking: Ich knüpfe an das an, was in den Beiträgen schon mehrfach geäußert worden ist. Es ist in der Tat so, dass gerade die jungen Familien, die man in den Gemeinden gewinnen will, sich Standorte um ihren Arbeitsplatz aussuchen, die mit Dienstleistungsangeboten vorwarten können. Es sind Familien, die in Berufe hineingehen, also diejenigen, die nicht in Leistungssysteme hineinwachsen. Für eine Kommune sind es die, die auch Einkommenssteuer entrichten. Diese Familien suchen alle gute Dienstleistungen. Dazu gehören Bildung, ärztliche Versorgung, kulturelle Angebote, Sportangebote usw.. Das gehört alles zusammen. Dass die Kommunen das als wichtig erkennen, war ein Punkt, den ich bei meinem Einleitungsvortrag noch nicht angesprochen habe. Soweit zu Ihrer Eingangsfrage.

Ich will das ergänzen: Wie sieht es eigentlich mit der Aufnahme auswärtiger Schüler und mit dem Bereich der Schülerfahrtkosten aus? Das Ergebnis ist ein signifikanter Beleg dafür, dass sich etwas in der kommunalen Sicht geändert hat. Früher haben Kommunen gesagt, um Gottes Willen, bloß keine ortsfremden Schüler, das kostet uns möglicherweise etwas. Heute ist es genau umgekehrt. Heute sind sogar Kommunen bereit, diese Kosten mit zu übernehmen, Hauptsache die Schüler kommen an meinen Schulstandort und ich kann dadurch meinen Schulstandort erhalten.

Und das zeigt ganz deutlich, welcher Wandel sich da breit gemacht hat und wie man auch bereit ist, für den Standort zu kämpfen, was umgekehrt ein großes Problem ...

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aufzeigt, das wir hier noch nicht andiskutiert haben, nämlich die sog. interkommunale Zusammenarbeit. Wir rufen Kommunen immer auf und sagen, ihr müsst zusammenarbeiten, auch in Standortfragen. Je mehr ich will, dass mein Standort als einzelne Gemeinde bleibt, um so schwieriger werden freiwillige Verbünde. Wenn es darum geht, dass ein Schulstandort aufgegeben werden muss, kämpft jeder darum, dass sein Standort bleibt. Damit behalte ich ein Zentrum für gesellschaftliche Aktivitäten, das ist auch für Vereine interessant. Wenn es um Ganztagsschulen geht, bin ich interessant für andere gesellschaftliche Gruppen.

Prof. Lorig: Es ist eine spannende Frage, wie im Wettbewerb um Bewohner und Schüler, also um die Zukunft der Räume gerungen wird. Frage an Herrn Hammer zu Bildungseinrichtungen für den ländlichen Raum: Schulsysteme tragen viele Bereiche des Vereinslebens. Oft gibt es „30 Vereine“ und „2 Kinder“ werden geboren. Wie sieht das mit Schulen aus in diesem Verbund?

Herr Hammer: Wenn keine Kinder da sind, ist es für die Schulen und für die Vereine schwierig, aber generell ist die Zusammenarbeit von Schulen mit Vereinen und anderen Organisationen gut, nicht nur im Ganztagsbetrieb. Ich habe vorhin in meinem Statement versucht klarzumachen, wie sich eine Schule im ländlichen Bereich weiterentwickeln könnte. Vielleicht eine Ganztagsgesamtschule im Sekundarbereich in Kombination mit einer Kindertagesstätte oder einer engeren Zusammenarbeit von Kita und Grundschulen im Primärbereich.

Dazu gehören aber auch alle anderen Partner. Ich denke, die Entwicklung von Schulen im ländlichen Raum kann auch nur in der Gemeinschaft gelöst werden, nicht nur allein von denjenigen, die für Schule verantwortlich sind, sondern auch von denjenigen, die in Vereinen aktiv sind, weil sich das gegenseitig befruchtet und weil es für das Leben von Gemeinden wichtig ist. Darüber hinaus hat ja mein Vorredner schon gesagt, das generell die Entwicklung von Schulstandorten für die Kommunen extrem wichtig ist.

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Bei uns in der Gegend, ich lebe im Raum Südwest-Pfalz, wo man jetzt schon deutlich einen Bevölkerungsrückgang bemerkt, gibt es einen Streit zwischen den Kommunen, wer als Schulstandort weiter fungieren darf, welche Grundschule jetzt geschlossen wird und wie die Sekundarstufen weiter entwickelt werden sollen. Das ist momentan die Diskussion, wo sich die Gemeinden ziemlich alleine befinden und wo sich die Politik stärker einmischen muss. Ganz dramatisch ist es dann, wenn es um Schulstandorte geht, die im Bereich von Landkreisgrenzen liegen.

Es ist eine Schulentwicklungsplanung für die gesamte Region unabdingbar. Bei dieser Entwicklungsplanung müssen auch andere Faktoren mit eine Rolle spielen, damit man das vernünftig auf die Beine stellt. Als Impulsgeber sind die Schulen ganz wichtig in verschiedenen Facetten. Ich habe es vorhin schon gesagt, für das Sozialleben in der Gemeinde, für das Vereinsleben, was extrem wichtig ist, aber auch für die Region als Wirtschaftsstandort. Ich kenne Betriebe, die ganz gezielt Plätze in Ganztagsschulen bzw. in Kindertagesstätten für ihre Mitarbeiterinnen reservieren, weil sie sagen, wir brauchen ein optimales Angebot für unsere Mitarbeiter, damit ein Bildungsangebot und gleichzeitig ein Betreuungsangebot gewährleistet sind.

Was Betreuungsangebote angeht, hat das auch sehr viel mit Geld zu tun. Da geht es z.B. um Ganztagsschulen. Es können Vereine und andere Einrichtungen mit Schulen kooperieren im Sinne einer echten Ganztagsschule. Da können viele Beteiligte beitragen, dass es lebendig wird und dass es nicht nur auf den Schultern der wenigen Lehrkräfte ausgetragen wird. Schließlich ist es ein Problem kleiner Schulen, dass dorthin immer weniger Lehrkräfte kommen.

Prof. Lorig: Diese Frage der Betreuung möchte ich aufgreifen. In meiner Zeit in einem Schulträgerausschuss war das oft ein wichtiges Thema. Wie kann ich umbauen auf Ganztagsschulen? Meine Frage geht an Herrn Steinmaßl im Hinblick auf die Verantwortung als Schulträger. Herr Steinmaßl, wie möchten Sie, dass man da am Besten reagiert? Ich löse mich jetzt einmal von den tatsächlich festgelegten Regeln, die man in einem

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Land wie Bayern oder überall hat. Wie könnte man auf die demographischen Veränderungen reagieren?

Herr Steinmaßl: Vielleicht sollte ich sagen, dass ich in meiner Heimatgemeinde einen Schulverbund durchgesetzt habe mit den Nachbargemeinden. Wir sind der erste Schulverbund im Landkreis. Ich kann mit Stolz den anderen Bürgermeistern sagen, liebe Freunde, in meiner Heimatgemeinde mit den Nachbargemeinden ist es gelungen. Wir müssen einfach sehr stark aus Sicht der Schüler und Eltern denken, vor allen Dingen aus Sicht der Schüler und müssen unsere kommunalpolitische Brille absetzen.

Und auch über Landkreisgrenzen sind wir gerade dabei mit dem Landkreis Rosenheim. Da gibt es Situationen, wo klar ist, dass die beiden Schulen und die beiden Bürgermeister sagen: Es ist sinnvoller, über die beiden Landkreisgrenzen gemeinsam einen Schulverbund zu bilden, als sich mit Gewalt an die Landkreisgrenzen zu halten. Ich glaube, da müssen wir einfach als Kommunalpolitiker politische Vernunft haben und die eigene Brille und den eigenen Kirchturm vergessen. Das ist, glaube ich, die Grundvoraussetzung.

Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich, seit ich Landrat bin, diese Schülerzahlen immer im Auge habe, sie immer den Bürgermeistern auch zeige, alle Jahre und immer auf die Entwicklungen, die auf uns zugekommen sind, verwiesen habe. Ich sehe momentan sehr gelassen dieser neuen Verbundlösung zu, weil die Bürgermeister alle intelligent genug sind und sich darauf vorbereitet haben. Das ist das Erste.

Das Zweite, wo ich ein großes Problem sehe, Sie haben es gerade angedeutet, ist das Vereinsleben, das uns so stark macht im ländlichen Raum. Das ist eigentlich die soziale Stärke, die wir haben, die nützen wir zu wenig. Diese Stärke herauszustellen gegenüber der städtischen Anonymität, das machen wir zu wenig publik. Wir sollten sagen, das ist eigentlich die Stärke des ländlichen Raums und darum müssen wir aufpassen, dass bei den Ganztagsschulen nicht alles in der Schule bleibt, sondern diese enge Verknüpfung mit den Vereinen besteht.

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Mein potentieller Schwiegersohn, der ist sehr engagiert mit jungen Fußballern, mit den Kleinsten. Der hat direkt Angst davor, wenn sie alle in Ganztagsschulen kommen, weil er sagt, dann werden sie alle erst um 17.00 Uhr nach Hause kommen, dann hauen sie den Rucksack nach hinten und sagen „hab mich gern, jetzt will ich etwas anderes tun“. Wir müssen aufpassen, dass wir die individuellen Möglichkeiten fördern. Das ist das Thema: Wie gelingt in einer einheitlichen Schule oder im Gesamtganztagsbereich die Möglichkeit für individuelle Freizeitgestaltung zu bewahren. Förderung ist ein ganz wesentliches Element, das auch wir im ländlichen Raum herausstellen müssen. Da gibt es nur eines: zusammenhelfen, zusammenhelfen, zusammenhelfen! Da hat natürlich der Bürgermeister mit seinen bisherigen Akteuren eine große Herausforderung. Das sind die Dinge, die uns vielleicht auch wieder nach vorne bringen. Voraussetzung ist, aus der Sicht wirklich der Kinder zu denken - und daran glaube ich, da kommen wir hin.

Prof. Lorig: Ich nehme eine Botschaft mit: Der Begriff „interkommunale Zusammenarbeit“, den wir bisher immer am „Gewerbe“ festmachen, an gemeinsamen Baugebieten, ist neu zu definieren. Interkommunale Zusammenarbeit bezieht selbstverständlich das Schulsystem und alle Vereine mit ein. Welcher Verein wird in Zukunft noch in der Lage sein, mit 3 Kindern im Ort eine Fußballmannschaft aufzustellen?

Herr Steinmaßl: Darf ich noch einen Satz dazu sagen, weil mir das am Herzen liegt. Ich bin gerade dabei, gemeinsam mit meinem Amt für Kinder, Jugend und Familie einen gesamten Sozialraum von 3 bis 5 Gemeinden gemeinsam zu betrachten. Das untersuchen wir mit dem Amt für Ländliche Entwicklung. Dabei wollen wir in 7 Gemeinden eine soziale Gemeinschaft ansehen. Neben den ganzen klassischen Betrachtungen, wie Sie gerade gesagt haben, „was kann man miteinander tun“, wollen wir uns einklinken, um auch soziale Brennpunkte, die überall entstehen, mit zu erfassen.

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Wir möchten in diesen Gemeinden „Gesamtheitliches“ betrachten, nicht nur einen Einzelfall. Auch von den Sozialproblemen her wollen wir früh einsteigen. Und auch hier wollen wir die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Kirchen, Sozialverbänden. Alles, was wir haben, Sozialpädagogen und Bezirksarbeiter, Sozialarbeiter, gehen das aus einer Hand miteinander an.

Prof. Lorig: Frau Freund, jahrgangsübergreifender Unterricht - ist das ein System, wo man alle Schulsysteme in einem hat? Würden Sie das als den besten Lösungsansatz für die Stabilisierung der Schulen im ländlichen Raum ansehen?

Frau Freund: Zunächst etwas zum Stichwort „jahrgangsübergreifender Unterricht“: Der jahrgangsübergreifende Unterricht ist eine sehr anspruchsvolle Organisationsform, die hohe Anforderungen an die Lehrkraft stellt, die aber durchaus auch gute Vorteile für die Schülerinnen und Schüler hat, vor allen Dingen für Kinder, die schneller oder langsamer lernen. Aber gerade weil die jahrgangsübergreifende Unterrichtsform besonders hohe Anforderungen an die Lehrkräfte stellt, hat sich bei uns in NordrheinWestfalen gezeigt, dass man sie nicht verordnen kann.

Vor einigen Jahren sah es so aus, als ob das so sein würde, dass es verpflichtend gemacht wird für alle Schulen, aber der Widerstand war groß und es sieht also jetzt so aus, dass Schulen frei darüber entscheiden können. Und gerade aus diesem Grunde denke ich, sollte man es auch nicht instrumentalisieren, um kleine Standorte zu erhalten. Da wo allerdings die Lehrer sich aus Freiwilligkeit für den jahrgangsübergreifenden Unterricht entschieden haben, wenn man das kombiniert mit der Lösungsmöglichkeit, die ich gerade vorstellte, mit der Zusammenlegung zweier Schulen und der Bildung eines Teilstandortes, könnte ich es mir durchaus auch als eine Optimierung der Teilstandortlösung vorstellen.

Alleine nur das jahrgangsübergreifende Unterrichten würde eine Reihe von Problemen, die sehr kleine Schulen haben, nicht lösen: Die Professionalisierung der Lehr-

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kräfte in Bereichen Kunst, Musik, Sport würde dadurch nicht höher, die Besoldung der Schulleiterstellen würde nicht besser, das Einzige, was an der Stelle eine Optimierung sein könnte, wäre die Klassenbildung.

Von daher wie gesagt, da wo die Philosophie der Lehrkräfte das jahrgangsübergreifende Unterrichten auch aufgreift und wo die Lehrer dahinter stehen, da trägt es sicher dazu bei, die kleinen Schulen auf dem Lande zu stärken. Aber das alleine ist nicht die Lösung.

Prof. Lorig: Ich merke, wir haben keine Schulregierung, sondern eine Schulreagierung und müssen dann eben ansehen, wie man den Prozessen umgeht, die schrittweise kommen. Daher versuchen wir zunächst von Finnland zu lernen. Wir wollen auf die finnischen Lösungen blicken, die Herr Meri uns vorgestellt hat und die auch zum besonderen Erfolg bei den PISA-Studien geführt haben.

Es ist eindeutig, Herr Meri, dass sie weiter vorne stehen als andere. Wie kommt man dahin? Sie haben in Finnland, was ich selbst erlebt habe, einen sehr breit aufgestellten ländlichen Raum. Das ist der zentrale Bereich des Landes. Wir reden über ländlichen Raum. Insoweit sind Sie ein hervorragendes Benchmarking-Beispiel für ländliche Räume in Deutschland. Wenn Sie jetzt bitte Ihre 7 Philosophien, die Sie eben genannt haben, die ich mir schon aufgeschrieben und gemerkt habe, nochmals zuspitzen würden: was ist denn da der Punkt, der tatsächlich aus Ihrer Sicht besonders zum Erfolg geführt haben könnte?

Prof. Meri: Unterricht ist wichtig, aber Lernen ist am Wichtigsten. Da investieren wir sehr viel. Was bedeutet Lernen, was bedeutet es für die Schüler, für die Studenten? Wir haben in Finnland ein besonderes Wort für Studieren, was also ein bisschen anders ist, als das, was man überhaupt über dieses Wort denkt. Man unterrichtet in der Schule, dann muß man als Schüler etwas lernen, aber das Wissen zu erarbeiten, bedeutet aktiv zu sein. Das zugehörige finnische Wort kann man kaum übersetzen. Wenn man

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das zu übersetzen versucht, bekommt man sofort Schwierigkeiten, weil andere Sprachen haben so ein Wort nicht, dass man ein „aktiver Lerner“ ist. Weil wir da sehr konzentrieren, das bedeutet auch, dass man versucht, wirklich die Schüler in so eine Lage bringen, dass sie verstehen, was bedeutet eigentlich Lernen, wie wichtig ist das und wie wichtig ist es, Lernkompetenz zu erreichen. Ohne das, ist es sehr kompliziert.

Im Moment haben die Kinder in Lappland 1,5 m hoch Schnee und Temperaturen von - 30 oder – 35. Trotzdem gehen die Kinder in die Schule, einige müssen sogar 1,5 Stunden jeden Morgen hinfahren und abends wieder zurück, aber das macht man.

Eine Sache noch: Man meint, unsere Schulen sind klein, das stimmt auch. Hauptsächlich haben wir Schulen, wo nur 2 Lehrer unterrichten. Wenn die Größe der Schule mehr als 25 Schüler hat, müssen drei Lehrer dabei sein und wenn es 13 oder weniger Kinder sind, dann überlegt man schon, ob die Schule existieren kann. Und wenn man irgendeine Schule schließen muss, dann versucht man, für das Dorf irgendeinen Platz zu organisieren, wo die Einwohner in diesem Dorf irgendeine Stelle haben, wo man allerlei Sachen machen kann, also ein Kulturhaus. Die Leute können sich da versammeln, allerlei Tätigkeiten ausführen.

Prof. Lorig: Ich muss noch einmal nachfragen: Beim Lernen gibt es ja verschiedene Prozesse. Ich greife mal den Prozess „Hausaufgaben“ auf, der ja unterschiedlich belegt ist und unterschiedlich wichtig gesehen wird. Ich habe mit Herrn Prof. Schmitz, der in Darmstadt lehrt und früher die TIMMS-Studie ausgewertet hat, mit 120 Eltern Hausaufgaben-Training gemacht z.B. über die Fragestellung: Wie mache ich Hausaufgaben richtig? Wie sieht Finnland Hausaufgaben in diesem Prozess, wenn man soweit von zu Hause weg ist? Wie sieht Finnland E-Learning-Prozesse? Was ist wichtiger: Präsenz in der Schule oder Lernen zu Hause?

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Prof. Meri: Das kann man unterschiedlich sehen. Ich frage: Warum sind die Hausaufgaben überhaupt da? Wenn man Übung braucht für irgendeinen Zweck, dann braucht man schon Hausaufgaben. Aber grundsätzlich ist es so, dass man in Finnland versucht, alles in der Schule, also innerhalb der Schulzeit zu schaffen. Die Kinder, also die Schüler, haben einen Schultag, wo sie Zeit und Möglichkeiten haben, diejenigen Aufgaben, die man nützlich findet, innerhalb der Schulzeit zu erledigen. Man braucht also nichts mehr zu Hause zu tun.

Anders sieht es aus, wenn man seine Sachen beherrscht und dann als Hausaufgabe diese Projekte behandelt, wo man zusätzliches erarbeitet nach dem Motto: Das habe ich bisher geschafft, also muss ich noch dieses zusätzlich machen. Dann brauche ich auch ein bisschen Zeit dafür. Also mache ich das zu Hause.

Grundsätzlich kann ich also nicht sagen, wir haben keine Hausaufgabe, aber das Lernen in der Schule kombiniert mit Projekten ist unsere Tendenz. Übrigens: Sitzenbleiben bei uns ist unmöglich. Nur dann wenn die Eltern merken, dass das Kind nicht das Lernziel erreicht, können sie ein Wiederholen beantragen. Also: die Eltern beantragen das nd dann spricht man mit dem Lehrer, ist für dieses Kind eine Wiederholung nötig. Wiederholen passiert heutzutage sehr selten, wirklich sehr selten.

Prof. Lorig: Das ist ein bemerkenswerter Unterschied, würde ich sagen. Wir stellen also fest, im Wesentlichen handelt es sich um Ganztagsschulkonzepte, die erfolgreich sind und die begleitendes Lernen in allen Facetten umfassen. Sie müssen schon irgendwie Mechanismen haben, dass sie da keinen Schüler zurück lassen.

Frage an Herrn Jäger: Sie haben Zielkonflikte bei den Hauptschulen usw., Ausbau eines differenzierten Förderangebotes innerhalb vieler Standorte angesprochen. Das steht im Gegensatz zu dem, was wir von Finnland hören. Wie würden Sie die Vorschläge bewerten? Könnte man in Bayern (wenn Sie jetzt die Chance hätten) das Schulsystem neu festlegen?

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Herr Jäger: Das würde ich gar nicht hinkriegen wollen, die Hauptschule abzuschaffen (wie z.B. in Rheinland-Pfalz). Ich bevorzuge das differenzierte Schulsystem. Ich glaube, dass wir für jeden Schüler (und darauf kommt es tatsächlich an), ein individuell zugeschnittenes Angebot benötigen, dass die Schüler begabungsgerecht nach vorne bringt. Da gibt es unterschiedliche Bildungsvorstellungen, Bildungsziele, die von der Arztkarriere bis zum Bäckermeister gehen. Das lässt sich aus meiner Sicht in einem Gesamtschulsystem nicht so optimal fördern, wie im differenzierten Schulsystem, weil ich dort unterschiedliche Bildungsschwerpunkte habe.

Im Gymnasium haben sie z.B. eine deutlich stärker akademisch ausgerichtete Ausbildung. Das fängt beim Fachlehrerprinzip an, das geht weiter in der Sprachausbildung, wo sie deutlich mehr auf Grammatik und alle diese Grundlagen Wert legen, auf ein abstrakteres Lernverständnis. Dies steht genau im Gegensatz zur Hauptschule, wo es um praktische Berufsfertigkeiten geht, wo die Berufsorientierung in der Ausbildung stärker ist, wo sie beispielsweise in der Sprachausbildung deutlich mehr Wert darauf legen, die Leute zum Sprechen zu bringen, als dass der letzte grammatikalische Feinschliff gewährleistet wird.

Insofern glaube ich, dass in einem differenzierten Schulsystem eine individuelle Förderung durchaus möglich ist, wohlwissend, dass es notwendig ist, dass innerhalb des differenzierten Schulsystems der Wechsel für die persönliche Bildungsbiographie notwendig ist und auch gegeben sein muss. Daran arbeiten wir, dass die Übertritte innerhalb der Schulkarriere, gut möglich sind. Es darf nicht sein: Ich setze jemanden nach der 4. Klasse auf den Zug Realschule, Gymnasium oder Hauptschule - dann ist der Zug für ihn abgefahren. Das Wesentliche ist vielmehr, dass man Spätentwicklern Übertritte in andere Schularten ermöglicht: Hauptschule/Realschule, Realschule/Gymnasium.

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Ich kenne in meinem Bekanntenkreis viele, die in der Hauptschule angefangen haben und am Ende entweder durch aufsteigende Übertritte in Richtung Gymnasium oder eben über mittleren Schulabschluss Realschule, FOS, BOS usw. den Weg zur Universität gefunden haben. Ich glaube, diese Wege (oder auch umgekehrte Fälle, wo dann vom Gymnasium dann der Wechsel zur Realschule, von der Realschule auf die Hauptschule und eher in die Berufsorientierenden Bilder stattgefunden hat und die Leute am Ende glücklich geworden sind mit ihrer Berufswahl) sind Ziel führend.

Insofern glaube ich, dass diese Differenzierung durchaus sinnvoll ist. Innerhalb der Systeme ist dann eine Binnen-Differenzierung durchzuführen und individualisierter Unterricht zu bewerkstelligen. Das versuchen wir an den Hauptschulen auch.

Ich war letzte Woche in einer Hauptschule in München und habe Übergangsklassen besucht, also Klassen, die für Asylbewerberkinder oder zuziehende Personen mit Migrationshintergrund gedacht sind, um denen überhaupt mal deutsch beizubringen. Da ist es z.B. so, dass diese Klassen mit einem hohen Fluktuationsaufwand zu tun haben: Die Klassen haben Anfang des Jahres mit 5 Schülern angefangen, sind jetzt 15 und haben Schüler mit Deutschkenntnissen, die quasi von 2 Wochen bis zu einem ½ Jahr reichen: Die Klassen arbeiten dann z.B. mit Lernleitern, haben individualisierte Programme, haben Lernwerkstätten. Die Klassen werden soweit möglich geteilt, haben Lernzirkel - all diese Dinge, die einen individualisierten Unterricht und auch eine individualisierte Förderung dann innerhalb der jeweiligen Schulart ermöglichen.

Das alles ist sicherlich notwendig, da arbeiten wir auch dran, bestimmte Wege zu ermöglichen. Insofern ist das sicherlich ein lohnendes Ziel innerhalb der einzelnen Schulart. Die grundsätzliche Ausrichtung in drei Schulsysteme würde ich weiter befürworten.

Prof. Lorig: Eine Anschlussfrage: 13 Schüler habe ich mir gemerkt, so als Mindestgröße in Finnland: Bei diesem differenzierten Angebot, was sie gesagt haben, wird das ja wohl

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dann etwas höher liegen müssen. Wie würden Sie die Mindestgröße einschätzen, die man halten müsste?

Herr Jäger: Wir sagen bewusst, wir wollen nicht nur auf Schulversorgung schauen, sondern vor allem auf die Qualität. Ich habe schon gesagt, Gymnasium, Realschule und so, da haben wir die Probleme nicht in dem Maße. Problematisch ist vor allem die Hauptschule, da taucht das ja auf mit 1.000 Standorten. Wir sagen, es kommt uns bei der Entscheidung der Schulstandorte vornehmlich auf Qualität an, d.h. wenn eine Schule in der Lage ist, ein bestimmtes Bildungsangebot zu gewährleisten, dann ist das auch in Ordnung, wenn sie kleiner ist. Das Problem ist nur, sie muss dieses Bildungsangebot gewährleisten und dafür ist auch eine gewisse Größe erforderlich.

Feste Zahlen geben wir nicht vor, da gibt es natürlich unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten. Wir sagen nicht, ab 300 Schüler ist Schluss, ab 400 Schülern ist Schluss, da muss man schauen, wie sich das individuell vor Ort gestalten lässt. Diese Verantwortung, diesen Gedanken wollen wir auch gerade nach unten geben, dass wir sagen, wir setzen keine Mindestzahlen.

Das bayerische Schulgesetz momentan sagt: Wenn eine Hauptschule nicht mehr einzügig ist (also im Gegensatz zu NRW, die ja Zweizügigkeit vorgeben), verlangen wir als letzte Grenze nur die Einzügigkeit. Und selbst diese Grenze lösen wir jetzt mit den Schulverbünden insoweit auf, als wir sagen: Der Schulverbund sagt ja, also machen wir das. Voraussetzung für den Schulverbund ist bei uns das komplette Bildungsangebot. Die Mittelschule muss gewährleistet sein, d.h. der Schüler im Schulverbund soll Zugang haben zu allen Bildungsangeboten.

Wenn das gewährleistet ist, hat der einzelne Schulstandort nicht nur die Einzügigkeit. Im Extremfall ist unsere letzte Grenze dann, dass zumindest noch eine Klasse an dem Standort gebildet werden kann. Das wird auch nicht allzu häufig vorkommen können, weil es einfach mit der Lehrerversorgung nicht funktioniert. Aber wenn das vor Ort gestaltbar ist und wenn man sagt, ich möchte das aus irgendwelchen Grün-

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den, dass dort an diesem besonderen Standort eine Klasse ist und ich bewältige das mit meinem Personal, dann muss eben anderswo im Schulbudget (an einem anderen Standort) eine Klasse um 5 Schüler größer werden. Dafür kann ich dann an dieser Stelle eine Klasse um 5 Schüler kleiner machen und kann den Standort erhalten.

Das ist sozusagen dann die Verantwortung der Bürgermeister, der Schulleiter vor Ort, wo man sagt, ihr müsst vor Ort schauen: a) dass das Bildungsangebot gewährleistet wird und b) dass in diesem o.a. Rahmen gearbeitet wird und dann sollen sie gucken, wie sie das gestalten können. Das ist der Ausfluss des politischen Wunsches, möglichst viele Standorte zu erhalten.

Prof. Lorig: Jetzt gebe ich die Frage weiter. Herr Steinmaßl, könnte in seiner Funktion z.B. als Schulträger andere Forderungen stellen. Herr Steinmaßl: „kurze Beine, kurze Wege“ wie sieht das der Schulträger? Welche Forderungen haben Sie für die Weiterentwicklung? Was ist der Mindeststandard, den wir halten müssen aus bayerischer Sicht, wobei Bayern immer sicherlich einen oberen Standard halten kann, weil die demographische Entwicklung hier am günstigsten in Deutschland verläuft.

Herr Steinmaßl: Ich beginne bei der Grundschule. Wir haben in Reith im Winkl, das ist mit die abgelegenste Schule, die wir im Süden haben, z.Z. Klassen zwischen 10 und 15 Schülerinnen und Schülern und das wird auch so akzeptiert, auch vom Schulamt. Dafür stehen wir ein und das ist die individuelle Gestaltung, auf die wir sehr großen Wert legen. Darum bin ich froh, wenn wir vom Freistaat noch mehr Möglichkeiten bekommen, individuell zu reagieren.

Denn, was wir gerade in Finnland beklatschen, das wollen wir eigentlich in Bayern auch, dass man Individualität vor Ort bekommt. Ich bleibe dabei, und da unterstütze ich Herrn Jäger, dass wir diese handwerklich orientierte Mittelschule brauchen. Es muss uns gelingen, dass in der 4. Klasse einem Kind gesagt wird, du bist für den

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Handwerksberuf geeignet und nicht, du bist „zu doof fürs Gymnasium“. Das ist die entscheidende Botschaft, die wir herüberbringen müssen.

An dieser Stelle muss man sehr viel arbeiten. Das meiste muss in der Grundschule geschehen. Wie man es am Schluss gestaltet, muss jeder selbst entscheiden. Es gibt auch Vorschläge von unseren Landratskollegen. Im Landkreistagspräsidium sagen wir, gibt es auch Räume, in denen sich eine Kombination der zukünftigen Mittelschule mit den Realschulen ergibt. Die Fragen sind dann letztlich, wie es gemeinsam organisiert und in wie vielen Häusern es organisiert wird. Das ist auch ein Modell, an dem wir mit basteln, aber es muss auch nicht die Regel sein. Die Möglichkeit muss es geben, dass in verschiedenen Räumen eine Kombination aus Realschulen und Mittelschulen entschieden werden kann.

Im Grundsatz sollen wir schon auch diese differenzierten Wege anstreben. Mir ist der Begriff „vielfältig“ lieber. Mir hat auch das von Herrn Matti Meri gefallen, dass vor Ort das Curriculum für eine Schule entwickelt wird. Mich würde nur interessieren, jetzt an die Frage an Sie, Herr Matti Meri, wie oft wechseln Sie das, wenn die Eltern da mitreden? Nach welchen Kriterien wird dann gewechselt und man sagt: Das Curriculum für diese Schule schaut in diesem Jahr so aus, im nächsten Jahr so - das muss ja auch eine gewisse Konstante haben.

Aber ich sage es noch mal, was als Punkt noch wichtig für uns ist: Ich bin sehr eng beieinander mit den Handwerkern und Handwerkskammern. Die Handwerker müssen hergehen und sagen, wir brauchen diese Menschen. Wir müssen frühzeitig beginnen, mit denen in die Schulen zu gehen und die Schule geht auch in die Betriebe. Also hier ist ein wesentliches Element, auch frühzeitig mit der dualen Bildung zu beginnen, handwerklich und schulisch.

Das sind meine Forderungen, die wir an den Freistaat als Kommunalpolitiker stellen. Derzeit sind wir in den Diskussionen der Verbünde und ich sage eins, Herr Jäger, was uns am meisten bewegt (interessanterweise Bürgermeister und alle Schulleiter), ist folgendes: Wer zahlt die Fahrkosten? Man ist sich einig, dass man zusammengeht,

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aber dann diskutiert man über so banale Dinge. Das sollte am schnellsten geklärt werden. Wenn sie uns viel Geld geben, können wir alles regeln. Wenn wir weniger Geld bekommen, können wir weniger regeln, auch das ist ein Thema. Aber wir sind sehr erfinderisch, wenn wir selbst viel Freiheiten bekommen.

Prof. Lorig: Jetzt bitte ich um ein Statement aus der Sicht des Städte- und Gemeindetags. Wenn wir einen derartigen Prozess bewerten, Herr Lübking - was ist dann aus Ihrer Sicht der richtige Weg, große Schulen mit breitem Bildungsangebot, auch aus der Sicht der Unternehmen, die sich in diesen Bereichen ansiedeln wollen? Große Schulen mit breitem Bildungsangebot aus der Sicht der Eltern, die in ländliche Räume streben? Oder bevorzugen Sie eine Internatsform? Oder neigen Sie zu einem verteilten Angebot mit allen möglichen jahrgangsübergreifenden Modellen? Nur einmal Varianten angedeutet, um zu polarisieren.

Herr Lübking: Ich versuche es kurz zu machen. Internatsmodelle habe ich wirklich nur als letzte Möglichkeit gewählt. Die haben einen großen Nachteil, nämlich die Sozialraumorientierung der Schüler außerhalb dieses Internats. Schüler in Internaten bewegen sich nur unter sich. Natürlich kann ich da auch kulturelle und sportliche Angebote machen, aber es fehlt die Sozialraumorientierung, die ich in der Schule haben kann, wenn sie gelebt wird und wenn sie wirklich Mittelpunkt einer Kommune ist.

Das bedingt für mich zunächst erst mal die Frage zu stellen, was ist Schule? Dazu muss man sagen: Die Schule in Deutschland hat sich falsch entwickelt. Sie hat sich nämlich abgeschottet. Schule hat keine Öffnung. Es wäre eine große Chance, die wir durch Ganztagsschulen haben, dies zu ändern. Damit meine ich echte Ganztagsschulen, die nicht heißen, Verlängerung des Unterrichts in den Nachmittag hinein, sondern die heißen, Öffnung der Schule in den Sozialraum, um alles das, was sich als Schule um Bildungsträger rankt, Musikschulen, kulturelle Angebote, Vereine, mit in diesen Bildungsprozess, in die Bildungsbiographie einzubauen. Da habe ich keine Angst, dass wir mit den Ganztagsschulen den Vereinen Chancen entziehen, ganz im

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Gegenteil: Wir reden gerade mit dem DFB darüber, wie wir Vereine besser in diese Ganztagsschulen-Planung mit einbinden können. Jetzt bin ich mal nicht in den ländlichen Räumen, sondern gehe in die städtischen Räume, wo wir die neuen Probleme haben.

Früher war das Problem im Bildungsprozess ja das „katholische Mädchen vom Lande“ und heute ist das Problem eher männlich, hat Migrationsgeschichte und wohnt in der Großstadt. Oder es gibt Mädchen, die nicht entsprechend integriert sind. Sportvereine, die in die Schule kommen und für Mädchenfußball Angebote machen, haben eine Riesenchance, Integrationsarbeit zu leisten. Diesen Weg schaffe ich nur durch Öffnung der Bildungsräume.

Damit bin ich beim nächsten Punkt: Was ist das ideale Schulsystem? Es gibt nicht das ideale Schulsystem an der Stelle. Wir müssen auch wegkommen über Schulformen zu diskutieren - auf die Inhalte kommt es an. Und die Inhalte diskutieren heißt (und das ist doch das Zeichen, was wir aus Finnland gehört haben), die individuellen Stärken eines jeden einzelnen Schülers in den Blick nehmen und auf Augenhöhe mit den Schülern zu diskutieren.

Unser Schulsystem (das kenne ich von meiner Schulzeit und das kenne ich von der Schulzeit meiner Kinder her), ist „defizitorientiert“. Wir machen immer deutlich, „du kannst das nicht“. Ein Kind, das mit dieser Sicht aufwächst, ist von vorne herein falsch eingestellt. Warum haben wir 300.000 Schulverweigerer, warum gehen 40 % der Schüler mit psychosomatischen Störungen und Ängsten in die Schule? - genau deshalb. Wir müssen jeden einzelnen fördern und deutlich machen: Auch wenn du deine Begabungen eben in den handwerklichen Bereichen hast, hast du eine Chance.

Da bin ich ganz bei Ihnen, Herr Steinmaßl. Wir müssen auch mit den Unternehmen reden, dass die Unternehmen diesen Schülern dann die entsprechenden Angebote machen und nicht nur immer auf Gymnasiasten setzen, in dem Glauben, da seien die formalen Kriterien gegeben. Die sind auch dort nicht gegeben. Was die Schüler brauchen, sind Fertigkeiten. Sie brauchen auch soziale Kompetenzen und emotionale

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Kompetenzen, die auch nicht in diesen ganzen Plänen eine Rolle spielen. Da müssen wir anpacken, um das Bildungssystem voranzubringen, es stärker zu machen. Dann haben wir auch Chancen. Das sind die einzigen Chancen, die wir in Deutschland haben.

Sie müssen sehen, Sozialpolitik im 21. Jahrhundert ist Bildungspolitik. Wir haben nichts anderes in diesem Land. Wir können und dürfen kein einziges Kind bildungspolitisch „liegenlassen“, das können wir uns nicht leisten.

Ich gehe jetzt hin bis zu den Gymnasien. Weiter gehe ich mal in eine Großstadt, wie hier in Berlin. Es kann ja wohl nicht sein, dass ein Kind, das in einem Gymnasium ist, um 6 Uhr aufstehen muss, weil die Schule um 7.45 Uhr beginnt, durch den verdichteten Unterricht bis 15., 16.00 Uhr geschleust wird. Das nennt sich dann aber nicht Ganztagsschule. Die haben die ganz normalen Pausen, da gibt es keine richtige Mittagspause. Dann kommt das Kind um 15., 16.00 Uhr nach Hause. Dort muss es dann erst Hausarbeiten machen und dann soll es sich noch irgendwo kulturell, vereinsmäßig oder sonst wie entwickeln. Das funktioniert nicht. Deshalb brauchen wir hier eine ähnliche Diskussion. Die individuellen Stärken müssen stärker gefördert werden. Unter welchem „Schulnamen“ das dann stattfindet, ist mir vollkommen egal.

Gemeinschaftsschule kenne ich noch aus Niedersachsen. Als ich klein war, wäre ich nie da hingegangen. Da gab es nur den „Begriff“ Gemeinschaftsschule. Deshalb ist der manchmal vielleicht belastet. Das hat auch in der Sache nichts bewegt. Lasst uns lösen von Begriffen, sondern lasst uns um die Inhalte diskutieren.

Prof. Lorig: Das war jetzt ein bemerkenswertes Plädoyer für eine Zukunftsform, die wir gehen könnten und diskutieren müssen. Jetzt bringe ich da aber noch ein anderes Thema hinzu. Ich habe in Bayern, Herr Jäger, eine Grundschule besucht und auch da gesessen, wo man mit Smartboard-Technologie gearbeitet hat, also die E-LearningTechniken. Wir haben das auch in einem Strategiepapier sowohl bundes- als auch landesweit diskutiert. Es würde theoretisch reichen (wenn man keine Klassenarbeit

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nachsehen muss), mit einem Lehrer jedes Fach in Bayern zu bedienen (ich überziehe jetzt mal stark). Wie sehen Sie die Chance, dass man solche Prozesse mit in eine sinnvolle Kombination einbauen kann für die Zukunft?

Herr Jäger: E-Learning ist sicherlich eine interessante Geschichte, die vielen Dingen auch hilft. Der Umgang mit Computern und der Umgang mit Technik immer eine Sache, wo die Kinder meistens weiter sind als die Eltern. Da holt man die Kinder auch ab, insofern ist es eine gute Sache. Man muss aber auch sehen, und das ist glaube ich das Entscheidende, dass E-Learning auch im ländlichen Raum nicht alles ersetzen kann. Was unsere Kinder vor allem brauchen, sind die Grundkulturtechniken „Lesen und Schreiben“. Mit Schreiben meine ich nicht, an der Tastatur tippen. Das 10-Finger-Schreiben wird immer gefordert, ist auch wichtig. Aber einmal einen Brief handschriftlich schreiben zu können, ist eine Sache, die man den Kindern wieder beibringen muss.

Wenn Absolventen eines Schulsystems, die zwar in der Lage sind, perfekte PowerPoint-Präsentationen zu erstellen, Schwierigkeiten haben, eine Seite „Text“ zu schreiben ist das auch nicht der richtige Weg. Das gilt auch für die, die nur noch am Computer aus Wikipedia irgendwelche Dinge zusammensuchen.

Wir müssen sicherlich E-Learning integrieren, das ist auch eine sehr wichtige Geschichte, aber die Bewahrung der Kulturtechniken ist noch viel wichtiger. Wichtig ist auch die soziale Interaktion innerhalb einer Klasse. Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist dass 30 Schüler von 8 Uhr morgens bis 16.00 Uhr Nachmittags nur noch auf ihren Bildschirm starren und nicht mehr mitbekommen, wer links und rechts neben ihnen sitzt: Das ist sozusagen der „negative Beigeschmack“. Eine vernünftige Mischung hinzubekommen zwischen Technik und dem sozialen Element, dieser sozialen Komponente, die Schule ja auch hat, das ist glaube ich, die große Herausforderung von E-Learning. Abgesehen davon dass man erst das Geld haben, um die ganzen Sachen auszustatten. Herausforderung ist es, wie schaffe ich das Instrument so, dass es tatsächlich unsere Schüler in einer positiven Weise fördert: Diese „Mischung aus Laptop und Lederhose“, wenn man so will.

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Prof. Lorig: Ich habe gelesen, Brasilien hat 50.000 Smartboard-Techniken für seine Schulen angeschafft. Wir machen das pilotweise, Schule für Schule. Es ist kein Allheilmittel. Wäre es aber nicht ein neuer Ansatz im Hinblick auf zumutbare Fahrzeiten? Die Frage gebe ich an Frau Freund, um abzuklären, was sind überhaupt zumutbare Fahrzeiten? Wir haben gesagt, Internatsformen sind eine Ausnahme. Wir müssen mit den wenigen Geburten, die wir noch haben, umgehen. Wie bekommen wir das jetzt zusammen?

Frau Freund: Ich denke, da muss man differenzieren zwischen Grundschulkindern und Schülern weiterführender Schulen. Was Grundschulkinder anbelangt, denke ich, dass insgesamt die Anreisezeit zur Schule ½ Stunde nicht überschreiten sollte, wobei ich damit nicht nur die Fahrzeit meine, sondern auch die Zeit, die die Schüler brauchen, um von zu Hause bis zur Bushaltestelle zu laufen. Das ist häufig nicht ganz unerheblich. Die Bushaltestellen sind im ländlichen Raum ja auch nicht an jedem kleinen Ort. Von daher ist das ganzheitlich zu sehen. Für Schüler die schon weiterführende Schulen besuchen, denke ich, ist eine ¾ Stunde, im Extremfall auch mal 1 Stunde zumutbar, aber darüber sollte es m.E. auch nicht hinaus gehen, denn das ist Lebenszeit der Kinder. Wenn man mal ausrechnet, was da im Laufe der Schulzeit an Stunden zusammenkommt, die die Kinder im Bus verbracht haben, wenn die Busfahrtzeit sehr lang ist, dann ist das eine traurige Bilanz.

Prof. Lorig: Vielen Dank für die Hinweise. Herr Meri hat gesagt, ich will das wiederholen, 1 ½ Stunden, also 90 Min. hin und 90 Min. zurück in Finnland. Wir stellen das mal gegenüber. Trotzdem liegt Finnland bei Pisa vorne. Vielleicht arbeiten die Schüler während der Fahrt, ich war ja auch Fahrschüler. Ich hatte nicht 90 Minuten, aber 70 Minuten auf einer Strecke von 23 km, weil der Weg von Daun nach Gerolstein über einen Berg überwunden werden musste. Wir haben alles gelernt bei dieser Zeit im Zug, da habe ich (wie man heute sagt) Sozialkompetenz erworben. Da haben wir auch Skat-

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Spielen gelernt. Von daher gebe ich nochmal die Frage an Frau Freund zur Ergänzung. Könnten Sie sich vorstellen, aus Ihrer schulischen Situation als Lehrer, dass man E-Learning-Prozesse gezielt als Modell für Deutschland erprobt, um den ländlichen Raum am Leben zu erhalten? Vielleicht weil sonst die Eltern sagen, da gehe ich nicht mehr hin, da ist ja keine Schule mehr.

Frau Freund: Ich könnte mir vorstellen, anknüpfend an das, was Herr Prof. Lorig gerade sagt, dass man durchaus auch einen Tag vielleicht in der Woche die Kinder über E-Learning auch Dinge vor- und nachbereiten lassen kann. Das sollte dann aber nicht zu Hause geschehen, sondern wie Sie das auch gerade schon intendierten, in einem Gemeinschaftsraum, wo die Kinder des Standortes zusammenfinden und von einem Erwachsenen, der nicht zwangsläufig ein Lehrer sein muss, aber sicherlich pädagogisch ausgebildet, an diesem Tag bei ihren, ich sage mal Hausaufgaben, ob das der richtige Begriff ist, sei dahingestellt, betreut werden. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass das umsetzbar wäre.

Prof. Lorig: Ich gebe weiter an Herrn Steinmaßl als Schulträger: Sie müssen die Beförderungsangebote bezahlen. Ich nehme an, in Bayern wird das Beförderungsangebot schwerpunktmäßig vom Landkreis getragen. Können wir das noch finanzieren in Zukunft, wenn da immer weniger fahren? Oder kann man es mit Tourismus kombinieren?

Herr Steinmaßl: Bei uns gibt es die Kombination mit den normalen Linienbussen, also bei den weiterführenden Schulen, die wir im Landkreis haben. Ich habe es dargestellt, bei den 6 Realschulen, bei den 6 Gymnasien. Da ist der Landkreis als Sachaufwandsträger auch für die Schülerbeförderung zuständig, wobei ein Großteil nach wie vor weit über 50, eher 60 % der Freistaat Bayern mitfinanziert. Und bei den Hauptschulen und Grundschulen sind es die Gemeinden und Städte.

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Derzeit ist die Diskussion im Zusammenhang mit den Schulverbünden, wer denn die Fahrkosten übernimmt. Es gibt Vergleiche, in denen bei Schulverbünden hinterher sogar etwas weniger rauskommt. Das ist ganz verschieden, weil wir jetzt schon sehr viel fahren. Wir haben jetzt schon in Hauptschulen, einfach aufgrund der großen Flächen schon große Schulbusunternehmen in meiner Heimatgemeinde, die bedienen 3.500 km2. Das ist relativ groß und da müssen wir jetzt schon sehr viel fahren und zusammen mit den Nachbargemeinden. Entscheidend ist, dass es bezahlt wird.

Ich kann nur das unterstützen, was Frau Freund sagt. Für die Grundschulen brauchen wir die kurzen Wege. Das müssen wir einfach deutlich machen.

Ich bin der Meinung, und da bin ich sehr bei den Finnen, wir brauchen noch mehr Ausbildung bei den Lehrern. Das ist ein pädagogisches Ziel. Mir hat das sehr gut gefallen, 5 Jahre! Dass man gerade für die am meisten Aufwand hat, die Kinder im kleinen Bereich. Wir haben fast in jeder Hauptschule zwischenzeitlich übers Jugendamt finanziert einen Schulsozialarbeiter, weil der sich dann um die schwierigen Fälle kümmert. Ich bin der Meinung, man sollte Pädagogen mehr Möglichkeiten geben und dafür mehr Lehrer dazustellen, dass man nicht zusätzlich noch jemanden als Sozialpädagogen benötigt.

Ich sehe es bei meiner Tochter, die jetzt Realschullehrerin wird. Da bin ich bei der Ausbildung. Ich muss das einfach loswerden. Die wollte vorher Gymnasiallehrerin werden. Da hat man direkt im Studium gesagt, als Gymnasiallehrerin brauchst du ja fast keine Pädagogik. Das kann es ja nicht sein. Die Realschullehrer bekommen mehr Pädagogik und die Hauptschullehrer noch mehr. Wir müssen in allen Fächern, in allen Bereichen die Pädagogik noch stärker einziehen. Das ist, glaube ich, das, was ich immer wieder unterstütze, wenn es heißt „Sozialkompetenz“. Diese Dinge sind etwas, wo man einfach noch stärker raus muss aus dem Frontalunterricht.

Es gibt so viele Dinge. Ich habe über Finnland einiges gelesen, das ganze Land hat nicht diese großen Hierarchien. Man begegnet sich allgemein mehr auf Augenhöhe. Mir hat der Begriff „Respekt und Vertrauen“ gut gefallen. Man ist bei uns manchmal,

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und das traue ich mir auch zu sagen, manchen Lehrern auch „ausgeliefert“. Man hat einfach eine Wechselwirkung, die uns sehr bewegt. Wir sind schon mittendrin in dem Transportsystem und da wird sich nicht sehr viel verändern durch Schulverbünde.

Zuruf aus dem Zuhörerbereich: Dieses Thema, was Sie jetzt ansprechen, bedrängt mich die ganze Zeit und Sie haben es gerade genannt. Unser finnische Kollege hat gesagt, so habe ich es verstanden, im Mittelpunkt dieses Systems stehen der Lehrer und seine Ausbildung. Das ist der Dreh- und Angelpunkt. Ganz systematisch bei den deutschen Teilnehmern ist im letzten Moment noch dieses Stichwort gefallen. Und das ist vielleicht symptomatisch. Wir haben zwar über Lehrerbesoldung und Schulleiterbesoldung gesprochen, das kann auch ein Problem sein, aber nicht das zentrale Problem. Das zentrale Problem ist der Lehrer und seine Ausbildung. Und deshalb (ich bin ja nicht hier der Leiter der Diskussion) wäre es noch einmal sehr gut, wenn jeder die Chance von Ihnen hätte, zu sagen, ja, das ist ein richtiges Problem.

Da geht es nicht nur die Ausbildung, es geht vor allen Dingen auch um die Wertschätzung dieses Berufs. Daraus ergibt sich automatisch natürlich die Besoldung, die für mich als ehemaligen Beamten natürlich auch wichtig ist. Aber das Vertrauen entwickelt sich auch daraus. Und die Lehrer werden bei Ihnen alle gleich ausgebildet, sozusagen, ob sie oben oder unten in der Schulhierarchie dort agieren oder nicht. Ich glaube, das ist das Wichtigste. Um einen solchen Grundsatz kann man ein System, wesentlich besser bauen, als wir das machen. Und das braucht Zeit.

Prof. Lorig: Wir sammeln jetzt mal die Fragen aus dem Publikum. Da ist eine Frage.

Herr Benthin: Ich komme aus dem Land Brandenburg, Märkische Akademie Ländlicher Raum: Ich glaube, wir müssen noch ein Stück weiter gehen. Schulentwicklung in Deutschland ist auch ein Produkt des Bildungsbegriffes und das ist ein Unterschied zu Skandinavien.

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Wenn die Finnen und andere Skandinavier sagen, macht das beste aus deinen Kompetenzen, ist das eine andere Herangehensweise, als bei uns, wo wir teilweise in der Öffentlichkeit diskutieren: Was ist qualifizierter Berufsnachwuchs für Industrie, Handwerk usw. Es geht auch darum, dass Schüler und Menschen eine Lebenszufriedenheit erreichen sollen. Auch da sind uns die Skandinavier um einiges voraus. Dann kommen erst im zweiten Schritt Fragen der Wertschätzung des Lehrerberufes.

Ich kriege das kalte Grausen, wenn ich daran denke, dass in meinem Heimatort die Eltern übers Curriculum entscheiden würden. Da laufen einige Damen und Herren auf und wollen mit einem Anwalt die Noten einklagen. Das ist im Augenblick eine Situation, wie wir sie dort erleben. Das ist ein Stück weit Bildungsbegriff in Deutschland. Das wäre (so ein Stück weit) die Antwort auf die Frage, Herr Meri, warum die Skandinavier uns in dieser Hinsicht deutlich voraus sind.

Prof. Lorig: Herr Meri notiert sich die Frage, die Antwort geben wir am Schluss. Nächste Frage.

Herr Altenwernd: ich komme aus der Landentwicklung, bin pensioniert, beschäftige mich jetzt ehrenamtlich mit dem Bereich Bildung.

Für mich ist neben dem, was hier schon gesagt worden ist, insbesondere Lehrerqualifizierung ganz wichtig. Die Anzahl der Lehrer, d.h. das Verhältnis Schüler/Lehrer, muss dramatisch geändert werden.

Ich bin z.Z. in einer Schule tätig, mache unterrichtsbegleitend in Kooperation mit Lehrern individuelle Betreuung. Wenn ich dann sehe, dass da in der Grundschule, in der 1. Klasse 28 Kinder sind, eine Lehrerin und die Mischung der Kompetenzen der Schülerinnen, die da kommen, kann ich sagen, wir können noch so viel qualifizieren (was eine ganz wichtige Voraussetzung ist), aber wenn wir dieses Verhältnis nicht ändern, dann werden wir auch nicht zu einem leistungsfähigen Schulsystem kommen. So kommen wir auch nicht zu den schönen hehren Grundsätzen, die hier über-

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all genannt worden sind, nämlich Kinder aufs Leben vorzubereiten etc. Das ist für mich ein ganz wichtiger Faktor und das heißt letztendlich, dass mehr Geld in die Bildung reingesteckt werden muss, auch gerade nicht nur in die Qualifizierung, sondern auch die Anzahl der Lehrer muss deutlich erhöht werden.

Name unbekannt: Guten Tag, ich komme aus einem Bundesland, von dem ich hier noch gar nichts gehört habe, das ist Mecklenburg-Vorpommern. Wir sind das am dünnsten besiedelte Bundesland mit 60 %, da braucht man sich um die keine Gedanken zu machen, jedenfalls nicht speziell, weil das Problem „ländliche Entwicklung“ haben wir flächendeckend.

Herr Prof. Lorig, Sie haben am Anfang gesagt, Menschen auf dem Land sind oft immobil. Sie haben das zurückgeführt auf Ausbildung und mangelnde Arbeitsplätze. Immobil kommt auch von Immobilien, d.h. dass sie dort oft Hausbesitz haben, in dem sie geboren sind und wo sie leben und wo sie auch nicht einfach so weg können. Bei uns gibt es Kinder, die mit 6 Jahren morgens um 6 Uhr in einen Schulbus steigen, über viele Dörfer fahren zu einem zentralen Ort in eine Schule und abends um 18 Uhr wieder zu Hause sind. Ich denke, wenn in Finnland die Schulen auch mit 11 Schülern besetzt sein können oder 25 Kinder haben, ist es ein bisschen anders, da fährt man vielleicht in 2 oder 3 kleine Orte weiter.

Dann möchte ich darauf hinweisen: Eigentlich wollen Kinder lernen. Dieses müssen, müssen, müssen, das „steht mir bis irgendwohin“. Ich bin aus Hannover nach Mecklenburg gezogen und meine Kinder sind in Hannover auf eine Schule gegangen, das war ein Schulversuch. Es gibt auch in Deutschland seit über 30 Jahren Laborschulen, Schulversuche, die schon lange jahrgangsübergreifendes Lernen praktizieren. Warum lernt man nicht davon? Warum hat man es in der Stadt gemacht und muss in ländlichen Bereichen die Schulen zweizügig haben mindestens? Das passt doch nicht.

Kinder leben in der Zukunft, die wir überhaupt nicht mehr erleben werden, wir maßen uns an, den Kindern zu sagen und vorzuschreiben, was sie tun sollen und wie sie

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was machen sollen und was zu lernen haben. Die dürfen nur das lernen, wo wir schon hindenken können, das geht auch nicht.

Mein ganz besonderer Gedanke geht an Prof. Meri. Sie haben mich heute zum Lachen und zum Weinen gebracht. Bei der Ansage haben Sie gesagt, Herr Prof. Lorig, nur die Finnen haben die mentale Stärke und da habe ich mir ganz zu Anfang aufgeschrieben, das liegt wohl eher daran, dass der finnische Staat die Zivilgesellschaft ernster nimmt als der Deutsche, das war ganz am Anfang.

Und als sie gesagt haben Vertrauen und Respekt, Herr Meri, genau das ist das. Mir sind zu viele Stufen überall dazwischen. Zwischen Bürgern und denen, die zu entscheiden haben. Die Bürger werden verwaltet, es wird über sie bestimmt, man fragt sie gar nicht. Ich denke, ich bin wirklich „einer der wenigen Bürger“, der hier in dieser Runde nicht von irgendeiner Institution, von irgendeiner Behörde kommt.

Wir sind selber betroffen, wir haben einen ganz kleinen Ort, weniger als 500 Einwohner. In den letzten 10 Jahren haben wir 10 % unserer Einwohner verloren, wir haben keine Schule, nur noch Tagesmütter im Ort, 1 ½ Kneipen, 1 Bushaltestelle, wo 2 x am Tag der Bus fährt. Ich frage mich allen ernstes, will man die ländlichen Räume wirklich entwickeln? Erst wird alles kaputt gemacht und dann werden so schöne Veranstaltungen gemacht, wo sich alles ganz toll anhört, aber was passiert denn? Die Bevölkerung in Deutschland geht immer weiter zurück. Und das ist nicht etwas, was Europa betrifft, sondern, wenn wir ins Nachbarland gucken, Frankreich, die haben jetzt 69 Mio. Einwohner, wir haben 82 – es ist prognostiziert, das 2050 die uns überholen. Was machen die besser? Es läuft in Deutschland was verkehrt. Dankeschön!

Herr Stigsen: Mein Name ist Ulfe Stigsen, Kreisvolkshochschule Norden, also aus Ostfriesland. Eine Sache, die mir ein bisschen noch fehlt, ist eigentlich, dass die Gesellschaft umdenken soll. Wir haben in den letzten 40 Jahren gelernt, unsere Kinder sollen das Beste haben. Das Beste war das Gymnasium. Und darauf ist alles ausgerichtet worden. Jetzt in der letzten Zeit stellen wir fest, da kippt irgendwas. Aber es kippt bei den Eltern,

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warum sollen dann die Eltern das Curriculum mitschreiben? Wir haben nämlich Angst, dass sie es mitschreiben und da steht wieder Gymnasium drin. Jetzt auf einmal kriegen wir mit, hallo, es geht nicht immer nur an die Spitze, sondern auf einmal geht es in die Handwerkliche Breite. Und ich selbst komme von einem Bildungsträger, der letztendlich davon lebt, dass die Schulen versagen und dass wir ca. 3 Jahre lang Menschen, die aus der Hauptschule, aus der Realschule und aus den Förderschulen kommen, auf die berufliche Bildung vorbereiten. Und diesen Aspekt, dass wir letztendlich mit dem Schulsystem heute ganz viel Zeit für unsere Kinder vertun, ist eigentlich noch nicht beleuchtet und vielleicht könnten Sie dort an der Stelle auch nochmal gleich etwas sagen.

Das zweite ist, der sog. „Elternwille“. Der Elternwille bedingt im Moment (zumindest in Niedersachsen), dass nach der 4. Klasse die Kinder entsprechend der gesellschaftlichen Norm den weiterführenden Schulen zugewiesen werden. Spätestens nach 2, 3 Jahren bekommen dann die Hauptschulen einen massiven Zulauf innerhalb des Jahrgangs. Von 22, 23 Kindern wachsen sie auf 30, 32 Kinder. Dies, weil sie nicht mehr geteilt werden können und weil die Lehrer dann mühseligst den Eltern klar machen, dass der „andere Weg“ der richtigere wäre.

Insofern hat das finnische Modell einen hohen Charme. Ich denke auch gerade im ostfriesischen Bereich hat das über eine andere Schiene Wirkung gezeigt, denn wir sind auch sehr ländlich. Wir haben versucht, überall über regionale Grenzen hinweg, IGS’en zu schaffen, über die hohen Hürden des Landes Niedersachsen hinweg, IGS’en zu schaffen, damit unsere Kinder dem Wechsel usw. nicht ausgesetzt sind. Insofern behaupte ich schlicht und einfach, dass die Eltern die berufliche und schulische Bildung mit den Füßen abstimmen. Vielleicht könnten Sie da noch mal etwas dazu sagen.

Prof. Lorig: Jetzt bekommt Herr Meri das Wort, um auf die 2 Fragen zu antworten, die zu Finnland in diesem Zusammenhang von Herrn Benthin und von Ihnen gestellt worden sind.

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Prof. Meri: Wenn ich nicht direkt die Fragen beantworten kann, bitte ich um Verständnis. Unsere Gesellschaften sind ein bisschen verschieden. So etwas habe ich verstanden. Woran liegt das? Das kann ich schlecht erklären. Alle sind „sachkundig“, wenn wir über Bildung reden. Jeder ist einmal in der Schule gewesen. Auch die Eltern. Die Eltern wissen Bescheid unserer Meinung nach, was das Beste für das Kind ist. Und wenn man in der Schule daran nicht interessiert ist, was geschieht dann? Bildung bedeutet auch Erziehung und ich glaube, Erziehung allein heutzutage zu Hause, das schafft man nicht, da braucht man auch „Gesellschaft“. Und „Gesellschaft“ ist in dem Punkt die Schule. Darum sind die Lehrer bei uns anders ausgerichtet. Wir denken, das ist alles „unsere Aufgabe“, die Kinder zu erziehen, aber nicht so, dass wir die Erziehungsziele alleine haben, sondern wir legen die Erziehungsziele gemeinsam mit den Eltern fest, dann schaffen wir das. Oder wir meinen, dass wir das schaffen.

Es macht mich auch immer ein bisschen traurig, wenn ich höre, dass man Schulsysteme kaum ändern kann. Ich glaube, Gesellschaften kann man auch ein bisschen ändern, aber da braucht man auch Zeit, man braucht viel gemeinsames Gespräch und auch natürlich ab und zu Kompromisse. Wir Finnen, wir sind, glaube ich, sehr berühmt dafür, dass wir versuchen auch nützliche Kompromisse zu finden.

Prof. Lorig: Ziehen wir eine Zwischenbilanz: Wir werden das in Deutschland nicht so ohne Weiteres lösen können. Ich habe vor kurzem an einer interessanten Diskussion teilnehmen können, mit der Buchautoren des Buches „Wie regiert die Kanzlerin?“. 14 Leute waren eingeladen und wir haben diskutiert, „wie viele Länder“ Deutschland braucht. Ich habe gesagt, wir brauchen „gar keins“, das ist überholt. Wir brauchen keine Länder, denn es gibt in Europa nur noch einen einzigen Staat, außer Deutschland, das ist Belgien, wo es Länder gibt mit der gleichen Kompetenzausstattung wie in Deutschland. So kommen wir niemals mehr weiter und deshalb hat Finnland einen riesigen Vorsprung. Wir holen Herrn Meri erst ein, wenn wir an dieser Stelle angekommen sind. Wir haben 16 unterschiedliche Bildungssysteme, wir reden nicht über ein Bildungssystem, sondern wir reden hier über die unterschiedlichen Bildungssysteme.

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Dazu hält jeder seins noch für das Beste, weil ja alle „mitreden können“, weil sie es alle durchlebt haben. Es waren noch weitere Fragen im hinteren Bereich.

Herr Schäfer: Mein Name ist Schäfer, ich bin von Haus aus Architekt und Stadtplaner, inzwischen pensioniert und ehrenamtlich tätig für den Verein Brandenburg 21. Dort bin ich in der Arbeitsgruppe „lebendige Dörfer“. Wir hatten uns natürlich auch sehr intensiv mit der Frage „Was passiert mit den Dörfern, in denen keine ordentliche Schulversorgung mehr stattfindet“ auseinandergesetzt.

Ich glaube, die Frage der Verteilung, die hier ja sehr intensiv betrieben worden ist, kann man wirklich nicht klären, ohne eine der wesentlichen Grundfragen. Das ist eine Frage an Prof. Meri aus Finnland. Nach meinen Informationen gibt Finnland das 1 ½ fache der Kosten für seine Schüler aus, wie wir in Deutschland.

Wenn das so ist, dann meine ich, hat das was zu tun mit den gesellschaftlichen Prioritäten, die wir hier haben. Dann müssen wir darüber diskutieren, denn alles andere ist irgendwie eine Scheindiskussion. Man kann, und da sage ich jetzt ein konkretes Beispiel, binnen-differenzierten Unterricht machen der deutlich aufwendiger ist, der aber eine andere Ausbildung erfordert und der auch eine andere Schülerzahl zu betreuen erfordert. Den kann man nicht zu denselben Kosten betreiben. Ich habe es immer wieder gehört, sozusagen über den „großen Daumen“ gerechnet, dass soundsoviele Kosten entstehen. Oder, es darf ein bestimmtes Kostenlimit nicht übersteigen.

Ich muss einfach sagen, wenn wir in der ländlichen Situation eben nicht zu denselben Bedingungen, mit derselben Konzentration Schulausbildung betreiben können wie in städtischen Räumen, dann kostet das dort schlicht mehr. So ist es einfach und das müssen wir zur Kenntnis nehmen und können nicht mit standardisierten Kostenzahlen im ländlichen Raum genauso vorgehen wie im städtischen Raum.

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Das zweite weiß ich von meinem Bruder, der ausgebildeter Lehrer ist. Er hat mir von einer Studie berichtet, über die Effektivität des Frontalunterrichtes, der ja in Deutschland immer noch die primäre Unterrichtsform ist. Der Frontalunterricht ist derart uneffektiv, das ich sagen könnte, es würde keinen Industriebetrieb, keinen Produktionsbetrieb geben, der in dieser uneffektiven Form Unterricht betreibt. Ich meine, das ist doch auch eine Frage, das hat offensichtlich auch mit Kosten zu tun, wenn man glaubt, man kann alles im Frontalunterricht beginnen. Dann muss man sich auch mit zusätzlichen Sozialarbeitern oder sonst was ausstatten. Die brauchen die Hälfte der Zeit, um unterrichtsfähige Situationen herzustellen, bevor sie an die Lernstoffe gehen. Das sind doch alles Dinge, wo ich sage, das letztlich etwas mit unseren Prioritäten für die Schulausbildung zu tun und dieser Stellenwert ist entscheidend.

Aber trotzdem gerne die Frage, ist es tatsächlich so, dass Sie das 1 ½ fache der Kosten für ihre Schüler ausgeben, im Vergleich zu uns?

Prof. Meri: Soweit ich mich richtig erinnere, kostet in Finnland ein Schüler 6.000 € pro Jahr. Hier in Deutschland ist das mehr als 8.000 €.

Prof. Lorig: Wir werden das so nicht klären können, anhand der Zahlen, unterstellen wir mal. Vielleicht werden unsere Lehrer besser besoldet, was man wahrscheinlich auch nicht laut sagen darf, das stimmt wahrscheinlich auch nicht.

Frau Barnett: Mein Name ist Barnett, ich bin Landschaftsarchitektin, also von der Planerseite, arbeite seit 25 Jahren als Planerin im Freiraumbereich mit Schulen und bin eigentlich seitdem bemüht, inhaltlich sehr viel zu arbeiten, also nicht nur zu gucken, dass ich da Räume schaffe, die immer wieder eine gewisse Leere haben, sondern die auch neue, andere Unterrichtsformen möglich machen sollen.

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Ich stelle immer wieder fest, dass ist ein ganz mühseliges Geschäft. Ich komme mit vielen Ideen, versuche viele Freiräume für die Lehrer zu schaffen, aber da ist großteils gar kein Bedarf, das muss man wirklich dazu sagen. Was ich feststelle, ist einfach, dass ich sage, wenn ich praktisch von einem System, das außen ist, in das System Schule gehe, dass ich merke, da fehlt völliger Bezug zur Realität. Diese Unzufriedenheit oder dieses fehlende Vertrauen zu Schulen entsteht auch dadurch, dass wir eigentlich nicht mehr das Gefühl haben, dass die Gesellschaft noch irgendetwas mit unseren Schulen zu tun hat. Das ist eigentlich meiner Meinung nach der ganz wesentliche Punkt. Dieser Begriff „Lernraum“ - dass man klar machen muss a) wir lernen alle, b) wir müssen alle lernen bis zum Ende, für den ist ein ganz anderes Verständnis herzustellen. Ich glaube, das wäre wirklich wichtig. Meiner Meinung nach wäre das auch am ehesten in einer Differenzierung, Individualisierung zu schaffen.

Alle Punkte, die Sie bisher angesprochen haben, ist was teurer oder nicht, ist nachrangig. Zumindest von meinen praktischen Erfahrungen in der Schule sehe ich, dass einfach auch sehr viel Geld „verschwendet wird“, überhaupt nicht beim Kind ankommt. Das wäre mein ganz großer Wunsch, das wir, egal wer Schulpolitik macht, den Mensch als das ganz wesentliche zentrale Thema sieht.

Das ist eigentlich in unserem Sinne und es ist egal, ob wir 16 Bundesländer haben, die die Politik bestimmen oder ob es dann wirklich am Ende Deutschland macht. Wenn wir das Kind in den Mittelpunkt stellen würden, den Menschen mit seinen Fähigkeiten ausbilden und da wirklich nach Nachhaltigkeit ressourcensparend arbeiten würden, dann wäre das mit Sicherheit billiger, als es momentan ist. Das würde jetzt auch die Kosten von Finnland erklären.

Ich selbst bin vor 20 Jahren aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Thüringen gezogen. Die haben mittlerweile diese Reduktion der Schulen vorgenommen. Ich sehe deutlich, was da passiert ist. Ich habe selbst 2 Kinder, ein hochbegabtes und ein Kind mit gewissem Förderbedarf und bin nach 20 Jahren vom Land wieder weggezogen, weil ich festgestellt habe, dass die auf dem Land überhaupt nicht in der Lage und auch nicht bereit sind, Differenzierungen wirklich vorzunehmen. Ich glaube einfach, wir

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verlieren da viel zu viele Menschen. Ich weiß nicht, ob sich das Land das wirklich leisten kann, gute ausgebildete, engagierte Familien zu verlieren, nur weil sie ihre Aufgabe nicht wahrnehmen.

Ausbildung wäre etwas, was wir einfach viel bewusster machen müssen. Was bleibt am Ende übrig, wenn Leute alle in Städte abwandern. Es ist ja nicht nur die Anzahl der Leute, die abwandert, sondern man muss ja ganz klar fragen, wer wandert denn ab. Das sind die, die engagiert sind, die flexibel sind, die bereit sind, neu zu denken und was bleibt übrig? Das ist ja auch eine Frage der Qualität, die übrig bleibt oder nicht übrig bleibt, die verloren geht.

Prof. Lorig: Ich glaube zur Behandlung dieses Themas und aller offenen Fragen müssten wir noch einmal in die Grunddiskussion einsteigen. Das wird uns jetzt überfordern.

In Anbetracht dessen, dass die Veranstaltung jetzt in dieser Minute „förmlich schließt“, möchte ich allen Referenten die Möglichkeit geben, jetzt „3 Wünsche“ zu äußern, aber bitte ganz knapp, also wirklich so, dass man das Ziel Ihrer Aussage pointiert mitbekommt.

Als erstes bitte ich Herrn Lübking, aus der Sicht des Gemeinde- und Städtetages zu sprechen!

Herr Lübking: 1. Wunsch: Das Bildungssystem wird ausgerichtet an den individuellen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler. 2. Wunsch: Ein Bildungsprozess ist zu entwerfen, der von Anfang an die Eltern mitnimmt, angefangen schon in der Kindertageseinrichtung, damit Eltern auch tatsächlich den Neigungen und den Fähigkeiten ihrer Kinder entsprechend den Bildungsprozess begleiten können, denn leider haben wir auch viele Eltern, die das im Augenblick nicht können an der Stelle.

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3. Wunsch: Eine stärkere Einbeziehung der Kommunen ist vorzusehen. Mit Kommunen meine ich jetzt die gesamten gesellschaftlichen Gruppen, die eine Stadt, eine Gemeinde, einen Landkreis bilden, in den Bildungsprozess, d.h. Kommunen werden nicht nur wahrgenommen als Sachaufwandsträger, sondern als Gestalter einer Bildungslandschaft mit allen Beteiligten, die wir in einer solchen Kommune für eine gute und individuelle Bildung mit aufbringen können.

Herr Steinmaßl: Ich bin fast ähnlicher Meinung, aber 1. Wunsch: Wirklich das, was schon gesagt worden ist: Die Kinder bei dem Positiven aufzunehmen, bei den Stärken zu nehmen und sie da an die Hand führen, damit sie wirklich spüren, „du kannst was“. Das ist unser Hauptthema. Ich kann bloß alles unterstreichen, weil ich das selbst leidvoll verspüre, wenn man jemanden hat, der sich schwerer tut und so viele andere Stärken hat, die nicht genommen werden. Alle Tage kommt sie nach Hause und erklärt mir „die Lehrerin hat gesagt, du kannst das nicht“. Das Gegenteil ist der Fall. Wir müssen die Kinder bei den positiven Fähigkeiten nehmen. Und damit bin ich auch beim 2. Wunsch: Die Lehrer sind die, die das wertvollste Gut für uns betreuen – unsere Kinder. Und deshalb müssen wir für diese Lehrerausbildung noch mehr Zeit verwenden. Ich bin auch der Meinung, dass man möglichst gute Lehrer und auch eine Fortbildung macht, das ist auch sehr wichtig. Ich weiß auch, dass man heute andere Strukturen haben muss bei den Kindern. Es gibt den schönen Satz einer Dorfschullehrerin bei uns, die sagte, „vor 40 Jahren habe ich ein halbes Jahr gebraucht, bis das letzte Kind den Mund aufgemacht hat und heute brauche ich ein halbes Jahr, bis das letzte den Mund hält.“ Das ist der Unterschied. Darum brauchen wir die Möglichkeit, die Gruppen kleiner zu machen. 3. Wunsch: Ich traue uns zu, uns Kommunen, dass wir in der regionalen Verantwortung sehr viel tun können. Da bin ich bei der Dame aus Mecklenburg-Vorpommern. Wenn wir von der Bürgergesellschaft reden, dann

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dürfen wir sie nicht nur in ein paar kleinen Vereinsdingen mitreden lassen, sondern bei den existenziellen Dingen, die die Menschen in der Region, in der Heimat bewegen, da müssen wir sie auch bei dem wichtigsten Thema mitnehmen, bei der Kindererziehung, einmal zu Hause und dann gemeinsam in der Schule. Und das gemeinsam mit den Kommunalpolitikern. Das wären meine 3 Wünsche.

Herr Jäger: Meine 3 Wünsche liegen auch sehr nahe bei den Vorstellungen meiner beiden Vorredner. 1. Wunsch: Ich hatte schon mehrfach gesagt, dass es uns gelingen muss, ein Bildungssystem zu schaffen, das alle Schüler mitnimmt, von wo sie kommen und vor allem wohin sie wollen. 2. Wunsch: Mitnimmt heißt: Auf der Basis oder in der Akzeptanz der Gesellschaft in allen 3 oder sagen wir in 2 Schwerpunktbereichen, nämlich einmal auf der akademischen Seite, aber eben auch der beruflichen Seite. Wir müssen aus meiner Sicht, das wäre der konkrete Wunsch, davon wegkommen, die berufliche Bildung in dieser „Schmuddelecke“ stehen zu lassen, wo die Hauptschule gerade so ein bisschen (z.T. in der Presse) steht und wieder klarmachen, dass berufliche Bildung ein nachgefragtes Gut ist und dass diese berufliche Bildung auch bei und in der Hauptschule gefördert werden muss. 3. Wunsch: Da bin ich bei Herrn Landrat: Wir müssen dieses Bildungssystem im ländlichen Raum in Zusammenarbeit mit den kommunalen Gebietskörperschaften in der Verantwortung vor Ort aufbauen. Wir können, im ländlichen Raum kein Schulsystem betreiben ohne Schüler oder ohne Eltern und Familien. Schule ist sicherlich ein Standortfaktor, aber nicht der erste und letzte. Wenn ich im ländlichen Raum keine Arbeitsplätze habe, gehen deswegen die Eltern nicht in den ländlichen Raum und nicht, weil da keine Schule ist. Wir müssen den ländlichen Raum so stärken, dass er als Lebensraum attraktiv bleibt. Dazu gehört auch die Schule. Wir müssen aber vor allem dafür sorgen, das ist das wichtigste,

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dass der ländliche Raum insgesamt wieder als Lebensraum attraktiv wird.

Frau Freund: 1. Wunsch: Ich würde mir zum einen mehr Wertschätzung des Berufsstandes der Lehrkräfte und Erzieher wünschen. 2. Wunsch: Zum anderen würde ich mir aber auch wünschen, dass die Qualifizierung der Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher (vor allen Dingen im methodisch-didaktischen Bereich) sie befähigt, im Unterricht zu differenzieren und zu individualisieren. In dem Bereich muss noch mehr getan werden. 3. Wunsch: Ich würde ich mir auch wünschen, dass man Schülerinnen und Schüler, deren Stärken und Fähigkeiten nicht im kognitiven Bereich liegen, dort fördert, wo sie ihre Stärken haben und dem die gleiche Wertschätzung entgegenbringt, wie Schülerinnen und Schülern, die ihr Abitur schaffen und studieren mit den entsprechenden Berufsbildern.

Herr Hammer: Ich hätte noch viel zu sagen. Die Diskussion hat auch mich stark angesprochen. Ich bedauere, dass ich nun nicht dazu komme, noch etwas mehr sagen zu können. Leider ist die Zeit insgesamt zu knapp gewesen. Aus meiner Sicht haben die Kommunen oder der ländliche Bereich nur dann eine Chance, sich wirklich weiterzuentwickeln, wenn wir Hürden überwinden, auch Hürden, die hier heute andiskutiert worden sind. Dazu gehört für mich die Schulstrukturdiskussion. Da ist Rheinland-Pfalz momentan auf einem ganz guten Weg, indem Freiräume zugestanden worden sind. Ich habe vorhin schon von Freiräumen gesprochen, indem auch Kommunen die Möglichkeit haben, Gesamtschulen einzurichten. Schulentwicklung im ländlichen Bereich ist einfacher, wenn diese Möglichkeit gegeben ist. Abgesehen davon ist längeres, gemeinsames Lernen einfach ein sinnvoller und erwiesenerweise Weise guter Weg. 1. Wunsch: Ich würde mir wünschen, dass wir nicht immer nur über Finnland reden, sondern auch manchmal auch von Finnland etwas abgucken. Ich glaube, die haben in den 60er Jahren einen großen Schritt getan, den

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wir immer noch nicht gehen können, indem sie nämlich eine große Entscheidung, eine politische Entscheidung gefällt und gesagt haben: Wir wollen eine Schule so entwickeln, dass wirklich alle Schüler Chancen haben, was mitzunehmen und jeder relativ spät erst entscheiden muss, welchen beruflichen Weg er gehen muss. Ich finde es nach wie vor als Nachteil in Deutschland, dass nach dem 4. Schuljahr entschieden wird, welchen beruflichen Weg ein Kind geht. Das kann kein Mensch entscheiden. Diese Wahlfreiheit muss so lange wie möglich hinaus gezögert werden. 2. Wunsch: Ein anderes Thema ist die Lehrerbildung. Ich denke, wenn wir in kleineren Schulen arbeiten, brauchen wir eine andere Unterrichtskultur, die brauchen wir generell, aber vor allen in kleineren Schulen, d.h. hier brauchen die Lehrkräfte Kenntnisse in offenen Unterrichtsformen, sie brauchen Kenntnisse, wie man mit altersgemischten Gruppen arbeitet, sie brauchen auch Kenntnisse, wie man vom Frontalunterricht wegkommt. Dies sollte stärker gefördert werden und dies gehört auch in die Lehrerbildung hinein. Und da bin ich auch an einem Punkt: Wir brauchen eine Lehrerbildung, die nicht auf Schularten bezogen ist, abgesehen jetzt vielleicht bezogen auf die berufsbildenden Schulen oder vielleicht Förderschule und Primarschule, aber was den Sek 1-Bereich generell angeht, brauchen wir Lehrkräfte, die in ihrem Fach kompetent sind, die aber genauso kompetent sind im pädagogischen und didaktischen Fragestellungen. In Rheinland-Pfalz gibt es „Entwicklung“ in der Lehrerbildung: Da ist immerhin die Anzahl der Praktika gleich, das war früher anders; es gibt jetzt ein freiwilliges Modul, in einem Betrieb ein Praktikum zu machen, was ich sehr begrüße. Dadurch bekommt man auch etwas von der Praxis mit. Das müsste noch sehr viel stärker gefördert werden und auch verpflichtend sein. Dann kommen wir vielleicht auch zu einer veränderten Lernkultur und haben nicht ein bestimmtes Bild im Kopf, dass ein Kind so und so ist, sondern ich muss mich auch auf die Schülerinnen und Schüler einstellen, die ich vor Ort habe.

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3. Wunsch: Die Vernetzung der Bildungseinrichtungen ist besonders wichtig, da brauchen wir einen Diskurs, in dem alle gesellschaftlichen Gruppierungen beteiligt sind, der muss vor Ort in der Region geführt werden, der muss auch in den Bundesländern „angeleiert“ werden. Ich glaube, da sind viele positive Effekte für die Kommunen zu gewinnen. Dadurch ist der eine oder andere Bildungsstandort in einer Kommune auch haltbar.

Prof. Lorig: Zum Abschluss Herr Meri mit 3 herausragenden Empfehlungen. Sie haben uns schon viele gegeben, nochmal pointiert aus Finnland.

Prof. Meri: Wir Finnen, wenn wir eine solche Aufgabe kriegen, machen das doch ein bisschen anders. Ich gebe nur einen Tipp an alle, auch an Politiker, die solche Sachen beschließen können: Bitte lesen Sie „Humboldts Gedanken über Erziehung und Bildung“. Dankeschön!

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Zusammenfassung der Tagungsergebnisse

Axel Lorig

Das war fast so gut wie ein Schlusswort. Mir fällt jetzt noch die Rolle zu, an dieser Stelle Herrn Prof. Dr. Magel, der erkrankt ist, a) zu entschuldigen und b) seine Rolle wahrzunehmen, was mir nicht leicht fällt: erstens, weil ich Herrn Magel in dieser Rolle nicht kopieren kann und nicht möchte, und zweitens, weil ich natürlich jetzt neben der Moderation auch meine Hinweise für die Zusammenfassung notieren musste, was nicht einfach war. Ich bitte also um Verständnis, dass es nicht in der Präzision sortiert werden konnte, wie Sie das jetzt eigentlich erwarten dürften.



Bildung ist Schlüsselqualität für den Standort Deutschland, vor allem auch für den ländlichen Raum, für jeden ländlichen Raum.



Keine Frau und keine Firma lässt sich dort nieder, wo es nicht in erreichbarer Nähe ein funktionsfähiges Schulsystem gibt.



Eine gute Schule ist für Kinder so wichtig für einen Vogel ein geschützter Standort beim Nestbau.



Schule heißt Heimat, Geborgenheit und Zukunft, heißt nicht nur Lernstandort.



Zukunftssysteme der Schule umfassen auch in Zukunft Ganztagsschulen und reichen natürlich von einer einklassigen Form bis zum kompletten System.



Im ländlichen Raum muss das deutsche Bildungssystem mit seinen 16 verschiedenen Varianten in Zukunft neue Wege gehen.



Kurze Beine, kurze Wege - soviel zum Schulweg. In Finnland heißt das 90 Minuten für einen Weg - in Deutschland vielleicht 30 bis 60 Minuten



Trotz aller Erreichbarkeitsdiskussion geht es immer um hohe Qualität des Unterrichts. Manchmal wird es besser sein, längere Wege zu gehen. Auch Internat-Lösungen wird es geben müssen.

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Vollständige E-Learning-Schulsysteme gibt es bei uns so schnell sicherlich nicht. Die Sozialkompetenz würde darunter leiden, das habe ich so wahrgenommen.



Aber auch E-Learning-Ansätze gilt es gezielt zu fördern und einzubeziehen, denn es gibt keine Kinder mehr, die diese Kompetenz nicht besitzen müssen. Alle Kinder müssen lernen, mit Computern und Technik umzugehen.



Bildung gibt es auch für ältere Menschen zu gewährleisten. Kurz: Weiterbildung (auch für Lehrer) in einem Schulsystem, bleibt ein lebenslanges Ziel



Auch Eltern dürfen nicht auf dem Stand ihrer Schulzeit stehen bleiben.



Für Lehrer müssen Schulen im ländlichen Raum attraktiv bleiben, damit sie dort hin gehen.



Für die Landkreise und Gemeinden als Schulträger wird Bildung und Erhalt von Schulen mit zur größten Herausforderung der Zukunft.



Von Finnland können wir sehr viel lernen. Strategien, die wir brauchen, sind dort bestens erprobt. Vielleicht muss man das deutsche System komplett auf null setzen und neu „finnisch“ erfinden.



Schulen sind (wie Dörfer) Lebenszentren des ländlichen Raums. Es geht um mehr als schulische Inhalte, denn Schulen setzen alle Impulse, die wir auch im ländlichen Raum brauchen.



Menschen braucht das Land, sonst brauchen wir auch keine Schulen mehr. Vier Großeltern, zwei Eltern, ein Kind und alle wachen darüber - das ist nicht der Weg der Zukunft.



Wir hatten in Deutschland mal ein von Humbold geprägtes Schulsystem, von dem mir mein Vater berichtet hat, der morgen 90 Jahre alt ist, das war ähnlich wie das Finnische. Vielen Dank!

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Veröffentlichungen der Arge Ländlicher Raum Der ländliche Raum braucht eine aktive Zivilgesellschaft – Zu Rolle und Aufgaben der Arge Ländlicher Raum Dokumentation der Begleitveranstaltung im Rahmen des Zukunftsforums Ländliche Entwicklung des BMELV am 23. Januar 2008 auf der IGW in Berlin Schulen braucht das Land Dokumentation der Begleitveranstaltung im Rahmen des Zukunftsforums Ländliche Entwicklung des BMELV am 21. Januar 2010 auf der IGW in Berlin

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