Strukturelle Gewalt und institutioneller Rassismus im deutschen Wissenschaftsdiskurs

August 1, 2017 | Author: Bernd Dressler | Category: N/A
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Strukturelle Gewalt und institutioneller Rassismus im deutschen Wissenschaftsdiskurs Hindernisse bei der Wiedereingliederung Afrikas in die Deutsche Politikwissenschaft

Eric Van Grasdorff Email: [email protected]

Ann Kathrin Helfrich Email: [email protected]

Wir widmen diese Schrift Prof. Kum’ a Ndumbe III., Prince Bell: Als Dank für sein Engagement für einen gleichberechtigten Dialog zwischen Afrika und Europa; seine Begabung uns zu zeigen, was es heißt, von anderen Kulturen zu lernen und mit ihnen in den Dialog zu treten; für seinen unermüdlichen Einsatz beim Versuch der Wiedereingliederung Afrikas in die Deutsche Politikwissenschaft unter in Kaufnahme schwerster persönlicher Bedingungen und zahlreicher Demütigungen; für die bereichernden Seminare und die unvergleichliche, praxisnahe Vermittlung von Arbeitstechniken für die spätere Berufswelt; und dafür, dass er für uns nicht nur ein faszinierender Lehrer und Dozent war sondern als bewundernswerter, gewissenhafter und tugendhafter Mensch auch ein guter Freund geworden ist – und bleiben wird – unabhängig von der künftigen Behandlung Afrikas in der deutschen Politikwissenschaft.

Inhaltsverzeichnis 1. Einführung................................................................................................................................1 1.1. Motivation...........................................................................................................................1 1.2. Relevanz Afrikas in der Politikwissenschaft.......................................................................4 1.3. Afrika am Otto-Suhr-Institut nach 1992..............................................................................8 1.4. Studentische Mobilisierung für eine systematische Afrika-Analyse am Otto-Suhr-Institut (Ein Abriss der Ereignisse der letzten 2 Jahre).....................................10 2. „African Renaissance, International Cooperation, Conflict Prevention and Conflict Resolution“, The Global Approach in African Studies and Research on African Politics – A Training Program for Development Experts and Master Degree...16 2.1. Inhalt..................................................................................................................................16 2.1.1. Der Kontext – ‚African Renaissance‘.....................................................................16 2.1.2. Global Approach.....................................................................................................18 2.1.3. Dialogcharakter.......................................................................................................18 2.1.4. Verbindung theoretischer Lehrinhalte mit praxisbezogener Arbeit.......................19 2.1.5. Interdisziplinarität und Internationalität.................................................................24 2.1.6. Vernetzung mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren..........................24 2.2. Ablauf................................................................................................................................25 3. Erfahrungen beim Versuch der Wiedereinrichtung eines Afrika-Schwerpunktes am OSI.....................................................................................................................................26 3.1. Persönliche Demütigungen................................................................................................27 3.2. Das institutionelle Abblocken durch das OSI...................................................................28 3.3. Die anderen Institutionen – Wohlwollende Zustimmung ohne Folgen.............................30 4. Fazit..........................................................................................................................................31 4.1. Stand der Dinge.................................................................................................................31 4.2. Strukturelle Gewalt und institutioneller Rassismus..........................................................33 4.3. Machtpolitik bei der Strukturplanung...............................................................................35 4.4. Der fehlende Diskurs.........................................................................................................37 4.5. Ein gleichberechtigter Dialog?..........................................................................................40

Für einen gleichberechtigten afrikanisch-europäischen Wissenschaftsdialog im Rahmen des New Partnership for Africa’s Development (NEPAD) Hindernisse bei der Wiedereingliederung Afrikas in die Deutsche Politikwissenschaft

1. Einführung 1.1 Motivation Mit der Befreiung Südafrikas vom Apartheid-Regime und der damit einhergehenden vollständigen (formellen) Befreiung Afrikas vom Kolonialismus, scheint sich ein neues Kapitel in der Geschichte des Kontinents und seinen Beziehungen mit dem Rest der Welt anzukündigen. Im Januar 1999 fand in diesem Rahmen eine große Konferenz in Südafrika statt: Thema war „Towards an African Renaissance“1. Auch am Africa Centre in London wurde im November 1999 eine Konferenz mit dem Titel „The African Renaissance – from Vision to Reality“2 veranstaltet und an der Alberta University in Edmonton, Kanada, ging es

im April 2000 um die „Prospects for an African

Renaissance“. Schon 1998 wurde das Emerging Africa Programm an der Harvard University ins Leben gerufen. „It aims to explore the new challenges and opportunities facing African countries today, focusing on the interface between academic research and policy applications.”3 Seither mehren sich die Publikationen zum Thema und die Anzeichen dafür, dass in der internationalen Debatte über die Zukunft Afrikas vor allem in Afrika selbst, ein wichtiger Paradigmenwechsel stattfindet. Politische Führer wie die Präsidenten Mbeki (Südafrika), Obasanjo (Nigeria) und Bouteflika (Algerien) haben die ‚Afrikanische Renaissance’ zum Leitmotiv ihrer Regierungspolitik sowohl national als auch international gemacht. Die von ihnen vorgebrachte ‚New African Initiative’4 und der ‚Omega Plan’5 von Senegals Präsident Wade führten zum viel beachteten ‚New Partnership for Africa’s Development’6 (NEPAD).

1

Makoba, Malegpuru William, “African Renaissance – The New Struggle”, African Renaissance Conference in Johannesburg, South Africa, 28/29 September 1998, Mafube Publishing, Tafelberg Publishers Ltd., Cape town, 1999. 2 “African Renaissance – From Vision to Reality”, Africa Centre, London, 23. November 1999. http://www.africacentre.org.uk/renaissance.htm 3 Harvard University, Emerging Africa Project, http://www2.cid.harvard.edu/africa/africa_pamphletfinal.pdf 4 Vgl. http://www.africanrecovery.org/Documents/AA0020105.pdf 5 Vgl. http://www.africanrecovery.org/Documents/AA0020101.pdf 6 Vgl. http://www.dfa.gov.za/events/nepad.pdf; Für einen Überblick über die Debatte zur Afrikanischen Renaissance, vgl. http://www.africavenir.org/fulltext/fulltext01.html

Dieser Versuch „to ensure that future development of the continent is designed by the Africans themselves"7 wurde trotz einiger Skepsis auf internationaler Ebene als ein konstruktiver afrikanischer Beitrag aufgenommen. Auch die Bundesregierung

reagierte positiv. Auf einer

Konferenz über das Millennium African Renaissance Programme (MAP) sagte Bundesaußenminister Fischer, er halte das Programm „für einen bemerkenswerten Ansatzpunkt für einen fruchtbaren deutsch-afrikanischen Dialog“. Die Grundzüge des "Millennium African Renaissance Programme"8 stimmten seiner Meinung nach mit den Leitlinien der deutschen und der europäischen Afrikapolitik überein. Der EU-Afrika-Gipfel in Kairo habe den Startschuss gegeben „für einen echten politischen Dialog der EU mit dem afrikanischen Kontinent ‚auf gleicher Augenhöhe’“. Das ‚Renaissance Programm’ könne, so der Minister weiter, „mit seinem breiten Ansatz ein entscheidender Beitrag für die künftige Agenda dieses Dialogs werden und die Bundesregierung ist selbstverständlich gern bereit, sich an den weiteren Beratungen und an der praktischen Umsetzung mit seinen Möglichkeiten zu beteiligen.“9 Solche und ähnliche Äußerungen weckten bei uns Afrika-interessierten Studenten die Hoffnung, dass ein Paradigmenwechsel in den Beziehungen zwischen Deutschland bzw. Europa und Afrika nicht nur möglich, sondern endlich auch von deutscher/europäischer Seite politisch gewollt sei. Gleichzeitig hatten wir als angehende Politikwissenschaftler das Glück und das Privileg, am einzigen politikwissenschaftlichen Institut in Deutschland zu studieren, das nicht nur auf eine lange Tradition der Afrika-Analyse zurückblicken kann, sondern auch in genau diesem besagten Zeitraum 1999/2000, mit Hilfe des DAAD einen international renommierten afrikanischen Gastprofessor an das Institut eingeladen hatte, mit dem Auftrag, innerhalb von drei bis vier Semestern einen Aufbaustudiengang zu den Krisen in Afrika und zu der Entwicklungszusammenarbeit mit dem afrikanischen Kontinent am Otto-Suhr-Institut auszuarbeiten. Das von Prof. Kum’ a Ndumbe III. vorgeschlagene Programm ‚African Renaissance, International Cooperation, Conflict Prevention and Conflict Resolution - The Global Approach in Political 7

Uschi Eid, A Benchmark for German Policy on Africa, The Millennium African Renaissance Programme (MAP). In: D+C Development and Cooperation No. 5, September/October 2001, S. 4-5. http://www.dse.de/zeitschr/de501-3.htm 8 ‘Millennium African Renaissance Programme’ ist der ursprüngliche Name der ‚New African Initiative’ von den Präsidenten Südafrikas, Nigerias und Algeriens. Es musste mehrmals umbenannt werden und fusionierte dann mit dem Omega Plan von Senegals Präsident Wade zum ‚New Partnership for Africa’s Development’ (NEPAD). Vgl. http://www.southafricahouse.com/documents/AfricanMAP.htm 9

Joschka Fischer, Rede auf der Veranstaltung "Millennium African Renaissance Programme der Fraktion Bündnis90/Die Grünen, am 4. April 2001, Berlin. http://www.uschi-eid.de/docs/010404fischer.htm

Science and Research on African Politics’10 ist noch vor Beendigung der genannten Frist vorgestellt worden. Die Reaktionen darauf waren durchweg positiv, von der Institutsebene über die Universitätsebene bis hin zu der Evaluation in deutschen Ministerien11. Der Versuch jedoch, dieses Ausbildungsprogramm am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin zu etablieren und damit gleichzeitig der Ausklammerung eines gesamten Kontinents von der Politischen Wissenschaft in der deutschen Hauptstadt entgegenzuwirken, gaben Anlass für die vorliegende Schrift. Dieser persönliche Erfahrungsbericht zweier Studenten stellt eine Streitschrift dar, ein engagiertes Plädoyer für eine konsistentere und systematischere Behandlung des afrikanischen Kontinents an deutschen Universitäten und vor allem für die Wiedererrichtung eines Afrika-Schwerpunktes in der Berliner Politologie. Die Fragen, die wir uns gestellt haben und die ausschlaggebend für uns waren, diese Streitschrift zu verfassen, waren die folgenden: Wie kann es sein, dass das größte politikwissenschaftliche Institut Deutschlands und eines der größten in Europa, das nach eigenen Aussagen sein "nationales und internationales Profil [stärken] und seine Rolle innerhalb der FU, aber auch im Gefüge hauptstädtischer Wissenschaftsorganisationen [festigen]" möchte und "den Studierenden am Institut ein

ebenso

gut

fundiertes

wie

breites

Studienangebot

mit

optimalen

individuellen

Wahlmöglichkeiten zu bieten" gedenkt, einen gesamten Kontinent aus seinem Strukturplan ausklammert? Noch dazu denjenigen Kontinent, der am stärksten von den für die politologische Analyse höchst relevanten "vielfältigen wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Entgrenzungsprozessen" und den "politischen und sozio-kulturellen Desintegrations- und ethno-politischen Fragmentierungsprozessen"12 betroffen ist. Wie kann es sein, dass dieses Phänomen auf alle politikwissenschaftliche Institute Deutschlands zutrifft? Handelt es sich bei diesen Missständen um strukturelle Schwächen des deutschen Bildungssystems oder um strukturelle Gewalt in der Bildungspolitik? Welche Funktion haben politikwissenschaftliche Institute, und insbesondere das Otto-Suhr-Institut? Um diese Fragen beantworten zu können, möchten wir als eine Art erweiterte Einführung zunächst auf die Frage eingehen, warum wir auf eine politikwissenschaftliche Afrika-Analyse am Otto-SuhrInstitut der FU in der Hauptstadt Berlin beharren und warum es aus unserer Sicht überhaupt notwendig ist, Afrika in den Lehrplan der deutschen Politologie zu integrieren. Im weiteren werden wir dann spezifischer auf die Problematik am Otto-Suhr-Institut eingehen. Hier sollen vor allem die 10

Vgl. Prof. Kum’ a Ndumbe III, African Renaissance, International Cooperation and Conflict Prevention and Resolution, The Global Approach in African Studies and Research on African Politics, 2001. http://www.africavenir.org/africavenir/GlobalApproachInternetversion.pdf 11 Das Programm wurde unseres Wissens nach im BMZ und im Außenministerium evaluiert. 12 Risse, Thomas, Internationale Beziehungen und Regionalstudien am Neuen OSI, Dezember 2001, S. 3.

Leistungen von Prof. Kum’ a Ndumbe III. beim Versuch der Wiederbelebung der politologischen Afrika-Analyse in den vergangenen zwei Jahren und die Mobilisierung der Studenten des OttoSuhr-Instituts in einer Art Abriss dargelegt werden. Im zweiten Teil werden wir das von Prof. Kum’ a Ndumbe III. konzipierte Postgraduiertenprogramm ‚African Renaissance, Development Cooperation, Conflict Prevention and Conflict Resolution’ inhaltlich und formell vorstellen, um im Anschluss auf die bürokratischen Probleme, institutionellen Schranken und persönlichen Demütigungen, bei dem Versuch dieses Programm an der FU Berlin zu etablieren und damit der Ausklammerung eines gesamten Kontinents von der Politischen Wissenschaft in der deutschen Hauptstadt entgegenzuwirken, einzugehen. Im vierten Teil werden wir dann im Rahmen des Fazits versuchen, die von uns aufgeworfenen Fragen auf der Grundlage der drei vorangehenden Abschnitte zu beantworten und Schlussfolgerungen ziehen. 1.2 Relevanz Afrikas in der Politikwissenschaft Afrika ist in der deutschen Politikwissenschaft unterrepräsentiert. Dies ist sicherlich das Mindeste was man sagen kann, auch wenn man es vorsichtig ausdrücken möchte. Der Grund für diese vorsichtige Aussage ist das Fehlen von statistischen Daten zu dieser Frage. Eine Untersuchung für das Wintersemester 2001/02 ergab jedoch, dass an den insgesamt 61 Instituten, an denen in Deutschland Politikwissenschaft gelehrt wird13 (d.h. die Möglichkeit besteht auf Diplom, im Rahmen des Magisterstudium Haupt- oder Nebenfach oder Sozialwissenschaften zu studieren) gerade einmal dreizehn Kurse angeboten wurden, die sich in welcher Form auch immer mit dem afrikanischen Kontinent oder einem afrikanischen Land (als mögliches Fallbeispiel) beschäftigten14. Von diesen dreizehn Kursen fanden fünf am Otto-Suhr-Institut statt, wovon wiederum vier von Prof. Kum’ a Ndumbe III. angeboten wurden. Sieben der acht übrigen Kurse wurden von deutschen Professoren oder Lehrbeauftragten abgehalten und waren alle dem Bereich Internationale Beziehungen – und auch hier meist auf den Bereich Entwicklungspolitik oder Krisenbewältigung beschränkt



zugeordnet.

Das

heißt,

Afrika

ist

weder

Teil

der

Komparatistik

(Systemvergleich/Analyse und Vergleich) geschweige denn der politischen Theorie und Philosophie, der politischen Geschichte oder der politischen Ökonomie. Was bedeutet dies? Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Zahlen und welche Schlüsse lassen sich ziehen?

13

Vgl. Klingemann, Hans-Dieter, Political Science in Germany, Report on the State of the Discipline in Western Europe, 1996. http://www.epsnet.org/papers/document/germany.pdf 14 Vgl. Afrika in der Deutschen Politikwissenschaft, AfricAvenir Occasional Paper Nr. 1. http://www.africavenir.org/publications/Dtafrikanalyse.pdf

Zunächst einmal bedeutet dies nichts anderes als dass man in Deutschland als Afrika-interessierter Student auch im 21. Jahrhundert noch zwingend die althergebrachten Fächer Afrikanistik bzw., wie das Regionalstudium mittlerweile an der Humboldt Universität (HU) in Berlin heißt, Afrikawissenschaften, oder aber Ethnologie studieren muss. Als weitere Option bietet sich das Studium der Entwicklungssoziologie mit dem Schwerpunkt Afrika an. Diese Studiengänge waren jedoch in den letzten Jahren weltweit einer immer stärker werdenden Kritik ausgesetzt, vor allem von Seiten afrikanischer Wissenschaftler und Intellektueller. Im Folgenden sollen einige der im Rahmen dieser Debatten gefallenen Argumente wiedergegeben werden. Dabei geht es nicht darum, die Existenzberechtigung dieser Fächer und deren Leistungen in Frage zu stellen, sondern darum, die Notwendigkeit einer neuen zeitgemäßeren Perspektive aufzuzeigen. Die Ethnologie, “which used to be the study of beings and things retarded, gradual, and backward, is now faced with the difficult task of recording how the ‚savage’ becomes an active participant in modern civilization.“15 Entstanden „within the frame of mercantilist ideology“16, ist die Ethnologie für Mudimbe eine koloniale Wissenschaft. Sozial war sie ein Instrument “strengthening a new organization of power and its political methods of reduction, namely, assimilation or indirect rule.”17 “They [Ethnologen] speak about neither Africa nor Africans, but rather justify the process of inventing and conquering a continent and naming its “primitiveness” or “disorder”, as well as the subsequent means of its exploitation and methods of its ‘regeneration’.”18 Sicherlich hat sich die Ethnologie weiterentwickelt und versucht – wie Mudimbe in seinem Werk darlegt – sich neu zu definieren. Was jedoch allem Anschein nach geblieben ist, ist die fremde Perspektive, ein oft überlegener Blick von außen auf der Suche nach Exotik. Michel Foucault geht sogar noch weiter, indem er sagt: “Ethnology has its roots, in fact, in a possibility that properly belongs to the history of the European culture (…). Ethnology can assume its proper dimensions only within the historical sovereignty – always restrained but always present – of European thought and the relation that can bring it face to face with all other cultures as well as with itself.”19 Man kann sogar sagen, “that an anthropologist ‘invents’ the culture he believes himself to be studying (…).”20 In der Ethnologie ist der Afrikaner also „a mere object of the discourses of social and human sciences“21, er verbleibt „das Gegenteil eines Gesprächspartners; er ist Gegenstand, ein stimmloses Objekt für private 15

Mudimbe, Valentin Y., The Invention of Africa, Gnosis, Philosophy, and the Order of Knowledge, Indiana University Press (Bloomington & Indianapolis)/James Currey (London), 1988, S. 20. 16 Ebenda, S. 16. 17 Ebenda, S. 83. 18 Ebenda, S. 20. 19 Foucault, Michel, The Order of Things, New York: Pantheon, 1973, zit. Bei Mudimbe (1988), S. 16. 20 Wagner, R., The Invention of Culture, Chicago & London: University of Chicago Press, zit. bei Mudimbe (1988), S. 27. 21 Ebenda, S. 34.

Untersuchungen, ein determiniertes Objekt und nicht Subjekt eines möglichen Diskurses. In letzter Instanz ist dies vielleicht das grundlegende Laster der Ethnologie (...).“22 Auch die ‚African Studies’ (Afrikanistik) sind im Zuge der weltpolitischen Veränderungen, die das Ende des Ost-West-Konflikts mit sich brachte, immer stärkerer Kritik ausgesetzt. Der internationale Trend an den führenden Universitäten geht „away from studying exotic pieces of real estate and cultures, and toward more theoretical and comparatively driven scholarship.“23 ‚African Studies’ als Forschungsgebiet ist ein Produkt des Kalten Krieges. „The West needed expertise that could help it meet the challenge of a Soviet Union bent on directly competing with Western countries for influence in the newly emerging postcolonial world.”24 Die kulturalistische oder kultur-historische Herangehensweise, die der Afrikanistik zugrunde liegt reicht heute, angesichts der neuartigen, oft globalisierungsinduzierten politischen Steuerungsdefizite, der staatlichen

Entgrenzungs-

und

Zerfallsprozesse,

der

ethno-nationalistischen

Des-

integrationsprozesse und den oft folgenden globalen Flüchtlingsbewegungen offensichtlich nicht mehr aus. Hier sind weitergehende, namentlich sozio-politische und sozio-ökonomische Analysen, gefragt. „Die Entgrenzungs- und Fragmentierungsprozesse müssen im einzelnen analysiert werden, um die Bedingungen für effektives und legitimes Regieren diesseits und jenseits des Nationalstaates herauszufinden.“25 Auch die deutsche Afrikapolitik „muss politischer werden“. Das sehen sogar die sogenannten deutschen ‚Afrika-Experten’ – Engel, Kappel, Klingebiel, Mair, Mehler, Schmidt – in ihrem viel kritisierten Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik so. Dies gilt ihrer Meinung nach „sowohl für das grundlegende [deutsche] Verständnis des afrikanischen Kontinents und die Definition eigener Afrika-politischer Ziele, als auch für entsprechende Verfahrensweisen und Instrumente. (...) Hauptinstrument deutscher Afrikapolitik wird weiterhin die EZ26 bleiben. Hier sind jedoch tiefgreifende strukturelle, konzeptionelle und instrumentelle Veränderungen nötig. (...) Darüber hinaus ist es notwendig, dass EZ deutlich stärker im Rahmen politischer Strategien eingesetzt wird. (...) Das Umschwenken auf eine Politik der strukturellen Stabilität erfordert bereits jetzt eine Politisierung aller beteiligten Ministerien, Organisationen und Agenturen durch

22

Hountondji, Paulin J., Afrikanische Philosophie, Mythos und Realität, Dietz Verlag, Berlin, 1993, S. 25. Shea, C., Political Scientits Clash About Values of Area Studies: Theorists say that a Focus on Individual Regions Leads to Work that is Mushy. In: The Chronicle of Higher Education, January 10, 1997, A 13, zit. bei Keller, Edmond J., Globalization, African Studies and the Academy. Paper presented at an International Conference, Africa, France and the United States,at the Institut d'Etudes Politiques, Bordeaux, France, May 22-24, 1997, S. 4. 24 Ebenda, S. 5. 25 Das Neue OSI, Beschluss des Institutsrats des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin vom 21. Februar 2001. 26 EZ steht als Abkürzung für Entwicklungszusammenarbeit 23

mainstreaming (Anpassung bei: Mitarbeiterschulung, Handreichungen, Evaluierungskriterien etc.) (...).27 Aus all diesen Punkten ergibt sich für die Politologie allgemein und speziell für das Otto-SuhrInstitut – als hauptstädtisches und größtes deutsches Institut – „eine normative Dimension, nämlich Gestaltungsempfehlungen für die deutsche und europäische Politik ebenso wie für die vielfältigen nicht-staatlichen Akteure in der Hauptstadt Berlin“28 zu formulieren. Was

die

Ethnologie

und

Afrikanistik

betrifft,

haben

sich

beide

Herangehensweisen

weiterentwickelt, angepasst und neu definiert. Sie werden weiterbestehen und sind auch wichtig. Die Frage aber stellt sich, ob das Fortbestehen solcher Studiengänge die Integration Afrikas in modernere Studiengänge, wie der Politologie, wenn nicht verhindert, so doch behindert oder verzögert. Weiterhin bedeuten die oben genannten Zahlen, dass die deutschen Politologen in der Regel ohne Kenntnisse über den afrikanischen Kontinent ausgebildet werden, sie bekommen im Laufe ihrer Karriere weder einen groben Überblick über die politische Geschichte des Kontinents, noch über afrikanische politische Ideen und Philosophien, Gesellschaftsstrukturen und politische Systeme. Führt man sich jedoch vor Augen, dass es Politologen sind, die nach ihrem Studium leitende oder beratende Positionen in nationalen und internationalen Institutionen, Gremien und Organisationen besetzen und als Experten im Bereich der Internationalen Dienste tätig sind, wird einem klar was Prof. Kum’ a Ndumbe III. mit der „historischen Verantwortung“ der Lehrenden in der Politologie meint. Die selben Politologen, die in ihrem gesamten Studium Afrika kaum wahrnehmen mussten, tragen heutzutage „wesentlich zur Ausgestaltung der deutschen Außenpolitik gegenüber Afrika und zur Ausländerpolitik in Deutschland bei“29. In Deutschland kann unter den politikwissenschaftlichen Instituten nur das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft in Berlin auf eine Tradition der Lehre und Forschung zur Politik Afrikas und zu den internationalen Beziehungen mit Afrika zurückschauen. Lange Zeit war das Otto-Suhr-Institut in diesem Punkt (und nicht nur in diesem) Vorreiter. Aber gerade am Otto-Suhr-Institut soll in Zukunft Afrika aus Lehre und Forschung gestrichen werden. Da „nahezu ein Drittel aller Diplomund Magisterpolitologen in Deutschland am Institut ausgebildet werden“30 trägt das Otto-SuhrInstitut auch hier eine besondere Verantwortung.

27

U. Engel, R. Kappel, S. Klingebiel, S. Mair, A. Mehler, S. Schmitdt, Memorandum zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik, Frieden und Entwicklung durch strukturelle Stabilität, Berlin, Oktober 2000. 28 Ebenda. 29 Prof. Kum’ a Ndumbe III., Brief an Studenten und Professoren des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin, September 2001. http://www.africavenir.org/teaching/BriefStudentenProfessoren.doc 30 Das Neue OSI, S. 1.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Rollenverteilung in der Ausbildung europäischer und afrikanischer Studenten. Prof. Kum’ a Ndumbe III. fordert, „dass vom bis jetzt geltenden Modell, welches will, dass der Afrikaner der Lernende und der Europäer oder Österreicher sowohl in Europa als auch in Afrika der Lehrende sein muss, Abschied genommen wird“, und die „Bildungsanstalten Europas herausgefordert werden, im Bildungsdialog mit Afrika Lehrende Afrikas an europäischen Lehranstalten für die Lehre und Forschung einzuladen oder einzustellen, und europäische Studierende nach Afrika zur Weiterbildung zu schicken“. Dazu müssten „Strukturen und Studienplätze natürlich auch in afrikanischen Ländern für derartige Austauschprogramme stimmen.“ Die Entwicklungszusammenarbeit wäre also aufgefordert an dieser Stelle umzudenken, damit „wir uns von einer fragwürdigen eindimensionalen Bildungshilfe entfernen und uns einer gegenseitig befruchtenden Bildungszusammenarbeit nähern.“31 1.3 Afrika am OSI seit 1992 Wie die Untersuchung (in Kapitel 1.2) zeigt, gibt es seit der Abschaffung des Lehrstuhls „Politik Afrikas“ am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin nach der Emeritierung des Lehrstuhlinhabers Prof. Ansprenger, 1995, keine Möglichkeit, sich in Berlin oder den übrigen 60 politikwissenschaftlichen Instituten in Deutschland systematisch-politikwissenschaftlich mit dem afrikanischen Kontinent auseinanderzusetzen. Um eine Übergangslösung zu finden, ließ die FU Berlin den Afrika-Lehrstuhl nach der Emeritierung von Prof. Ansprenger von dem aus Kamerun stammenden Prof. Kum’ a Ndumbe III.32 vertreten, bevor der Lehrstuhl 1995 in eine Westeuropa-Professur umgewidmet wurde. Zwar bemühte sich das Otto-Suhr-Institut weiterhin ein Angebot zu Afrika zu gewährleisten, eine systematische Auseinandersetzung mit dem Kontinent in der Politologie ist jedoch seither nicht mehr möglich. In den folgenden Jahren bot Prof. Kum’ a Ndumbe III. alle zwei Semester unbezahlt Blockseminare an und gründete den Forschungsschwerpunkt „Entwicklungseffizienz der internationalen Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern“, den er durch eigenständige Mittel finanzierte. Darüber hinaus stellte er sich weiterhin zur Betreuung von Diplom- und Doktorarbeiten zur Verfügung, bot deutschen Studenten Praktikamöglichkeiten bei AfricAvenir33 in Douala an, 31

Prof. Kum’ a Ndumbe III., „Internationale Bildungszusammenarbeit und die Herausforderungen der Afrikanischen Renaissance im Jahr 2000 und danach“, Rede, Kontaktkomitee Studienförderung Dritte Welt, „Bildungszusammenarbeit ist Zukunft“, Wien, Diplomatische Akademie, 18.Oktober 2000. http://www.africavenir.org/teaching/AfrikanerMussDerLehrendeSein.doc 32 Prof. Kum’ a Ndumbe III. hat sein Abitur in Deutschland abgelegt, in Frankreich studiert und promoviert, in Deutschland habilitiert, diverse Jahre an der Universität Lyon II in Frankreich und an der Université de Yaoundé in Kamerun unterrichtet und war 10 Jahre lang Leiter des kamerunischen Schriftstellerverbandes. 33 AfricAvenir ist eine von Prof. Kum’ a Ndumbe III. 1990 in Kamerun gegründete politische Stiftung.

ermöglichte es ihnen bei Wahlbeobachtungen in afrikanischen Ländern dabei zu sein, unternahm Studienreisen

nach

Kamerun

und

nahm

eine

Gruppe

von

OSI-Studenten

zu

einer

Projektevaluierung zur Krisenprävention nach Ruanda mit. Das einzige was ihm die FU Berlin für seine Arbeit zur Verfügung stellte war ein Raum in einem Gebäude der FU in der Rüdesheimerstraße

in

Wilmersdorf

und

eine

Telefonleitung.

Für

sämtliche

andere

Arbeitsmaterialien musste er selbst aufkommen. Im WS 1999/2000 erhielt Prof. Kum’ a Ndumbe III. über den DAAD eine Gastprofessur am OttoSuhr-Institut für zwei Semester mit guten Chancen auf Verlängerung (um weitere zwei Semester), die es ihm ermöglichte vier Seminare pro Semester anzubieten. Diese Gastprofessur war verbunden mit

der

Auflage,

innerhalb

von

drei

bis

vier

Semestern

einen

Aufbaustudiengang

(Graduiertenkolleg), zu den Krisen in Afrika und zu der Entwicklungszusammenarbeit mit diesem Kontinent am OSI auszuarbeiten. Im SS 2001 beschloss der DAAD jedoch, die Gastprofessur nicht um die üblichen zwei Semester zu verlängern, sondern nur um ein Semester. Als Begründung wurde das fehlende Interesse seitens der FU Berlin (Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften) an der weiteren Lehrtätigkeit von Prof. Kum’ a Ndumbe III. genannt. Verwunderlich, wenn man sich die Stellungnahme des (damaligen) Geschäftsführenden Direktors des Otto-Suhr-Instituts zu dem von Prof. Kum’ a Ndumbe III. vorgestellten Konzept durchliest: „(...) die von Herrn Kollegen Kum‘ a Ndumbe III. vorgelegte Konzeption zur Renaissance der Afrika-Wissenschaft am Otto-Suhr-Institut unterstütze ich als Geschäftsführender Direktor mit größtem Nachdruck.

Das

Konzept

geht

nicht

nur

vom sozialwissenschaftlichen

und

politikwissenschaftlichen Stand der Forschung aus und sucht ihn angesichts der Problemdichte des afrikanischen Kontinents weiter zu treiben. Es sieht auch vor, in der Form eines Dialogforums, auch gerade mit Repräsentanten des afrikanischen Kontinents, die Aufmerksamkeit in der Hauptstadt Deutschland wieder herzustellen, die Afrika verdient und angesichts der Probleme auf dem Kontinent nötig hat. Das Otto-Suhr-Institut, das auf eine lange Tradition der Afrika-Wissenschaft zurückblickt, wird diese Konzeption unterstützen.“ Weiterhin schreibt er, dass „ein solches Vorhaben auch und gerade an der Freien Universität dringlich ist und nicht gesondert ausgewiesen werden muss: neben der politischen Beratung, [werden] „(...) im Benehmen mit den wissenschaftlichen, wissenschaftspolitischen und politischen Institutionen auch wir das unsrige beizutragen versuchen, diesem vorzüglichen Vorhaben die Unterstützung zu gewähren, die es zu seiner Durchsetzung braucht.“34 Auch die Vizepräsidentin der FU Berlin proklamierte in einer Rede im Juni 2001, dass die „Implementation of Africa’s programme35 not only a major step forward in 34

Geschäftsführender Direktor des OSI, Prof. Hajo Funke, Stellungnahme des G.D. zum Konzept einer Renaissance der Afrika-Wissenschaft und eines öffentlichen Dialogforums, Berlin, 16.Mai 2001. 35 Gemeint ist das Millennium African Recovery Programme (MAP), in Kapitel 1.1 vorgestellt.

developing effective global governance” sein wird, “but also make a profound contribution to the future welfare of the entire globe. We are at a particular moment in human evolution when the bulk of the world community, including governments and corporations, understand that they have to act together with Africa to end the suffering to which the peoples of Africa have been victims for many centuries. (...) The African Renaissance and its implementations arm, the Millennium African Recovery Programme (MAP), are inextricably present at the core of all our interactions, internationally, in Africa and at home. It inspires our objectives and motivates our determination. Dear friends, we are in the Year of the African Century”.36 Diese Äußerungen – so schön sie auch sein mögen – stehen der offiziellen Behandlung Afrikas am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften jedoch leider diametral entgegen und liessen den DAAD bei seinem Entschluss unbeeinflusst. 1.4 Studentische Mobilisierung für eine Afrika-Analyse am Otto-Suhr-Institut (Ein Abriss der Ereignisse der letzten 2 Jahre) Womit Prof. Kum’ a Ndumbe III. nicht gerechnet hatte war das enorme Interesse bei den Studenten in den drei Semestern der Gastprofessur. Die meisten Pro- und Hauptseminare waren mit zwischen 60 und 120 Studenten (die Richtgröße eines Seminars ist 30 Teilnehmer) meist überfüllt. Das ergab im Durchschnitt eine Anzahl von 200-250 Studierenden pro Semester. Für einen Professor eine an sich schöne Bestätigung seiner Leistungen – zu bedenken bleiben aber die Referate, Klausuren und Hausarbeiten, die vor-, nachbesprochen und korrigiert werden müssen. Als Prof. Kum’ a Ndumbe III. in einer der Sitzungen im SS 2000 anmerkte, dass er die Arbeit mit den vielen Studenten ohne Sekretärin, studentische Hilfskraft und Arbeitsmaterial unmöglich weiterführen könne, da die FU sich noch immer weigerte, ihm eine bessere Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, bildete sich spontan eine Gruppe von ca. fünf Studenten, die ihm bei der Organisation der Seminare, der Erstellung der Reader und der Bewältigung der Büroarbeiten half. Es entstand die Idee, eine Studentengruppe („Afrosi“ – Afrika am Otto-Suhr-Institut) zu gründen, die nicht nur organisatorisch sondern auch inhaltlich zu Afrika-bezogenen Themen arbeiten sollte. Das Projekt Dialogforum wurde ins Leben gerufen, bei dem Professoren, Intellektuelle, Künstler und Diplomaten aus verschiedenen Regionen Afrikas, Europas und Amerikas eingeladen wurden, um Vorträge zu halten und die Möglichkeit zur Diskussion mit ihnen anzubieten. Da die Betreuung der in- und ausländischen Gäste durch die Studenten erfolgte, konnten diese in informellen und

36

Vizepräsidentin der FU Berlin, Frau Klann-Delius, Eröffnungsrede beim Vortrag Seiner Exzellenz Botschafter der Republik Südafrika, Prof. Sibusiso Bengu, AfricAvenir Dialogforum zur Afrikanischen Renaissance, Otto-SuhrInstitut, FU Berlin, 5. Juni 2001.

persönlichen Gesprächen mit den Gästen Erfahrungen sammeln und kontroverse Gesichtspunkte in ihre Analyse der im Seminarraum behandelten Themen einfließen lassen. Innerhalb eines Jahres wuchs die „Afrosi-Gruppe“ auf ca. 40 Studenten, und andere Projekte und Untergruppen bildeten sich. So zum Beispiel eine Gruppe, die ein afrikanisches Filmfestival organisierte, eine, die sich mit der Gestaltung einer Website37 beschäftigte und eine Gruppe, die das schon laufende 1000-Bücher-Projekt übernahm (indem es um den Kauf und die Bereitstellung von 1000 ausgewählten Büchern für die Stiftung AfricAvenir in Kamerun geht). Im Februar 2001 wurde eine einwöchige Studienfahrt nach Norwegen organisiert, nachdem die gesamte Gruppe eine Einladung an die University of Oslo zur Teilnahme an einem Seminar zu Krisenprävention erhalten hatte und ein Jahr später, im Februar/März 2002 wurde eine vierwöchige Studienfahrt nach Kamerun unternommen. Alle diese Projekte, Exkursionen und Studienfahrten wurden von Prof. Kum’ a Ndumbe III. unter schwersten Bedingungen betreut und gewissenhaft durchgeführt. Wir Studenten lernten in dem vielfältigen von Prof. Kum’ a Ndumbe III. angebotenen Lehr- und Praxisangebot nicht nur die Geschichte des Afrikanischen Kontinents, die Gründe für das weitgehende Scheitern der Demokratisierungsprozesse, traditionelle und moderne Möglichkeiten der Konfliktlösung, effizientere Entwicklungszusammenarbeit, die theoretischen Inhalte der Afrikanischen Renaissance u.v.a., sondern auch ihre praktische Umsetzung, z.B. im Auswählen von relevanter Literatur, im Aufbau einer Website, dem Verfassen von Briefen an Diplomaten und Persönlichkeiten, den richtigen Umgang mit diesen, sowie die Arbeitsweise von Behörden und Institutionen im In- und Ausland etc. Nachdem also der DAAD im April 2001 beschlossen hatte, die Gastprofessur nach dem 30.09.2001 nicht weiterzuführen, obwohl Prof. Kum’ a Ndumbe III. sein Konzept des Masterprogramms früher als vorgesehen vorgestellt hatte und die FU Berlin dieses unterstützte, organisierten sich sämtliche Afrikainteressierte Studenten des Otto-Suhr-Instituts, mobilisierten die Medien und stellten eine Informationsmappe38 zusammen, welche die Arbeit des Professors und der Studentengruppe sowie die Relevanz Afrikas in der Politikwissenschaft dokumentierte. Um die Vervielfältigung und den Versand dieser Informationsmappe an den Fachbereich, das Präsidialamt der Universität, diverse Stiftungen sowie an die Abgeordneten und Minister zu ermöglichen, starteten die Studenten eine Spendenaktion, bei der etwa 500,- DM gesammelt wurden. Trotz diverser Artikel in Berliner Tageszeitungen und Stellungnahmen von Politikern, wie der Afrikabeauftragten des Bundeskanzlers Eid, Außenminister Fischer, Bundeskanzler Schröder, Bundespräsident Rau, Bildungsministerin Bulmahn u.a., änderte die FU ihre Haltung nicht, fühlte

37 38

www.africavenir.org Informationsmappe der Studenten des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft der FU Berlin, Berlin, 2. Juli 2001.

sich also auch weiterhin nicht verantwortlich, für die Bezahlung des Professors aufzukommen, da Afrika nicht im Strukturplan des Otto-Suhr-Instituts enthalten sei. Ein Antrag an den Institutsrat, Afrika wieder in den Strukturplan aufzunehmen wurde mit den Bemerkungen er sei a) zu spät und b) falsch formuliert eingereicht worden gar nicht erst diskutiert. Man sagte uns, würden wir auf die Behandlung des Antrags im Institutsrat beharren, würden wir diesen zwingen, den Antrag abzulehnen. Im übrigen sollte zu Jahresbeginn 2002 eine Evaluierung des OSI stattfinden und eine Änderung des Strukturplans sei, wenn überhaupt, erst nach dieser Evaluierung möglich. Da sich aber einige Professoren und der Geschäftsführende Direktor immer wieder durch Stellungnahmen und Briefe zuversichtlich zeigten, dass eine Lösung des Problems, also der Finanzierung, gefunden werde, waren wir motiviert weiter dafür zu kämpfen. Positive Momente, wie der Beschluss vom DAAD, die ursprünglich für Oktober 2001 geplante Studienfahrt finanziell zu unterstützen, motivierten ebenfalls. Leider musste die Fahrt aber um ein halbes Jahr verschoben werden, da der Entschluss des DAAD so kurzfristig kam, dass keiner der Studenten mehr damit gerechnet hatte und sich einige der Teilnehmer bereits in den Semesterferien befanden. Im September 2001, als immer noch keine Lösung in Sicht war und Prof. Kum’ a Ndumbe III. auch von der Verwaltung immer barscher behandelt wurde, entschloss er sich, einen Brief an die Studenten und Professoren des Otto-Suhr-Instituts zu schreiben, indem es u.a heißt: „Dennoch blieb ich bis zum Semesterende wie ein Arbeiter, der seine Aufgabe weiter ausführt und entwickelt, und der nicht danach fragt, ob er am nächsten Tag seinen Arbeitsplatz wieder betreten kann oder nicht.“39 Als zu Beginn des Wintersemesters 2001/02 noch immer keine finanzielle Lösung gefunden war, um das Lehrangebot von Prof. Kum’ a Ndumbe III. zu finanzieren, uns aber versprochen wurde, dass eine baldige Lösung absehbar sei, nahm dieser die Lehre ohne Bezahlung auf, jedoch mit dem Kompromiss, dass bis spätestens Mitte November 2001 eine Lösung gefunden werde. Vier Seminare die Woche, ohne Gehalt, ohne eigenes Büro, ohne Unterstützung für Materialien o.ä. Als wir Studenten ihn fragten, warum er denn die Lehre unter diesen Bedingungen überhaupt wieder aufnehme verwies er uns auf den im September verfassten Brief, in dem es heißt: „Verehrte Kollegen, Sie können nicht mehr so tun, als würde es sich hier um ein rein finanzielles Problem handeln. Sie als Wissenschaftler müssen Farbe bekennen und Ihre Verantwortung für die deutsche 39

Prof. Kum’ a Ndumbe III., Brief an Studenten und Professoren, 2001.

Gesellschaft in den internationalen Beziehungen tragen. In diesem reichen Land mangelt es nicht an Geld, um über Politik in Afrika und über internationale Beziehungen zum afrikanischen Kontinent zu forschen und zu lehren. Wenn Sie aber den Politikern und Geldgebern sagen oder nur den Eindruck erwecken, Afrika könne aus Forschung und Lehre der Politikwissenschaft gestrichen werden, und dies noch dazu in der deutschen Hauptstadt, dann tragen Sie eine schwere historische Verantwortung, die Ihnen nie verziehen werden kann, (...).“40 In der Hoffnung, die Appelle an Kollegen, Wissenschaftler und Politiker würden Beachtung finden, ging Prof. Kum’ a Ndumbe III. ohne eine Gewissheit bezüglich seiner Arbeit und Karriere und der damit verbundenen finanziellen Absicherung für sich und seine Familie in ein neues Semester. Als die gesetzte Frist sechs Wochen nach Semesterbeginn, d.h. Mitte November 2001, abgelaufen war, ohne dass eine Bezahlung der Tätigkeiten von Prof. Kum’ a Ndumbe III. in Sicht zu sein schien, brach dieser seine Lehrtätigkeit in den Seminaren ab. Ein Termin für eine letzte Veranstaltung wurde bekannt gegeben, zu der neben allen Studenten und Mitarbeitern des OSI auch Presse und Fernsehen eingeladen wurden. Die Veranstaltung wurde von über 400 Studenten besucht, die dichtgedrängt im größten Hörsaal des OSI versuchten, noch einmal ihr politisches Interesse an Afrika und der Lehrtätigkeit des engagierten und beeindruckenden afrikanischen Professors zu bekunden. Auf dieser Veranstaltung gab Prof. Kum’ a Ndumbe III. bekannt, dass er die Lehre nicht fortsetzen und sich andere Institutionen für die Umsetzung seines Programms werde suchen müssen. Der Geschäftsführende Direktor, Prof. Hajo Funke sowie Prof. Grottian waren unter den wenigen Mitarbeitern, die überhaupt zu der Veranstaltung erschienen waren, sehr bemüht, eine Zwischenlösung zu finden und schlugen vor, Teile ihrer Gehälter zu spenden und Gelder ihrer Kostenstellen für die Bezahlung der Lehrtätigkeit von Prof. Kum’ a Ndumbe III. zur Verfügung zu stellen, sowie eine Spendenaktion bei den anderen Professoren zu starten. Auf diesem Wege sollten mind. 12.000 DM zusammenkommen, um eine finanzielle Zwischenlösung bis zum Ende des Wintersemesters zu garantieren, stets mit der Auflage verbunden, sich weiterhin um eine dauerhafte Lösung zu bemühen. Da jedoch auch in den folgenden vier Wochen, eine weitere Frist, die Prof. Kum’ a Ndumbe III. gesetzt hatte, nichts passiert war, obwohl die Studenten enormen Druck auf die Institutsleitung ausgeübt hatten, wurde ein erneuter Antrag mit folgenden Forderungen -

Der afrikanische Kontinent als Region wird in Lehre und Forschung des Strukturplans des OttoSuhr-Instituts für Politikwissenschaft aufgenommen

-

Im Master Studiengang „Internationale Beziehungen“ wird ein Angebot zur internationalen Politik Afrikas inbegriffen werden

40

ebenda

-

Die Vorlage „African Renaissance, Development Cooperation Conflict Prevention and Conflict Resolution“ von Professor Kum’ a Ndumbe III. wird in die Zielvereinbarungen mit dem Präsidialamt der FU Berlin aufgenommen und zur erfolgreichen Umsetzung verholfen werden

an den Institutsrat formuliert und diesmal auch behandelt. Das Institut fasste folgenden Beschluss: „Das OSI tritt für die Integration des afrikanischen Kontinents als Region in Lehre und Forschung ein. (1)

Der afrikanische Kontinent als Region soll in Lehre und Forschung des OSI integriert werden.

(2)

Im geplanten Masterstudiengang „Internationale Beziehungen“ wird ein Angebot zur internationalen Politik Afrikas inbegriffen sein; die Studienplankommission für die neuen Studiengänge wird aufgefordert, in ihre Vorlagen die Region Afrika fest einzubeziehen. In der gegenwärtigen Forschungsperspektive des Instituts im Bereich Internationale Beziehungen (s. etwa die Vorlagen von Thomas Risse u.a.) wird die Integration des Vorderen Orients wie des afrikanischen Kontinents als unerlässlich angesehen.

(3)

Das Institut setzt sich – wie bisher schon das Direktorium – mit Nachdruck dafür ein, dass das Ausbildungs- und Vernetzungsprogramm „African Renaissance, Development Cooperation, Conflict Prevention and Conflict Resolution – the Global Approach in Political Science and Research in African Politics” von Prof. Kum’ a Ndumbe III. umgesetzt werden kann, fördert eine externe Finanzierung und wird sich mit den Mitteln des Instituts (Räume, Lehre usw.) dafür engagieren

(4)

Der GD wird beauftragt, alle Möglichkeiten der Kooperation mit der HumboldtUniversität und anderen Institutionen auszuloten, um eine nachhaltige Präsenz der Region Afrika in der Berliner Politologie zu sichern.

Einmütig angenommen auf der 35. Sitzung des Institutsrats vom 12.12.2001“41 Im übrigen wurde der Beschluss gefasst, für sechs Studenten Werkverträge à 1200 Euro abzuschließen, um die von Prof. Kum’ a Ndumbe III initiierten Projekte fortsetzen zu können. Eine finanzielle Lösung für Prof. Kum’ a Ndumbe III. konnte trotz allem nicht gefunden werden. Nach der Weihnachtspause 2001/02 nahm Prof. Kum’ a Ndumbe III. die Lehre wieder auf und führte die Seminare zu Ende. Die Studienfahrt nach Kamerun fand wie geplant vom 25.2. – 26.3.02 statt, wurde aber vom Institut finanziell nicht unterstützt. Begründet wurde diese Entscheidung ebenfalls durch die Sparzwänge des Instituts, es scheint jedoch verwunderlich, dass eine Studienfahrt nach Korea, die zwei Monate 41

Afrika an das OSI, Beschluss des Institutsrats, Berlin, 12. Dezember 2001.

später unter Begleitung des Dekans stattfand zumindest eine symbolische finanzielle Unterstützung des Instituts bewilligt bekam. Erwähnt werden sollte an dieser Stelle auch, dass Prof. Kum’ a Ndumbe III., seine Kosten der Kamerunstudienfahrt mit eigenen Mitteln finanziert hat. Da bisher (Mai 2002) noch keine dauerhafte Lösung für die Umsetzung des Programms am OttoSuhr-Institut gefunden wurde, hat sich Prof. Kum’ a Ndumbe III. entschlossen, vorerst in Kamerun zu bleiben, um zu versuchen, das von ihm konzipierte Masterstudienprogramm von dort aus umzusetzen. In den wenigen Wochen, die ihm für Verhandlungen zur Verfügung standen, haben sich bereits diverse afrikanische Universitäten an dem Programm interessiert gezeigt.

2. „African Renaissance, International Cooperation, Conflict Prevention and Conflict Resolution“ – The Global Approach in Political Science and Research on African Politics 2.1 Inhalt 2.1.1

Der Kontext – ‘African Renaissance’

Grundlage für das von Prof. Kum’ a Ndumbe III. entwickelte Programm ist seine dreißigjährige Erfahrung in Lehre und Forschung über Afrika an zahlreichen Universitäten in Europa und Afrika und als Experte in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Die Tatsache, dass „universities dealing with Africa outside and even within the African continent are not critically considering their methodological approaches (…)”42, führten ihn dazu, dieses neuartiges Ausbildungsprogramm anzubieten. Den Rahmen für das Ausbildungsprogramm bietet die mit der Befreiung Südafrikas neu entfachte internationale Debatte um die „Afrikanische Renaissance“, die indigen (pan)-afrikanische Vision einer selbstdefinierten nachhaltigen Entwicklung des afrikanischen Kontinents. Zu lange, so die Vertreter der „African Renaissance“ Vision, habe Afrika im „Westen“ nach Lösungen für die eigenen Probleme gesucht und die eigenen Potentiale, das eigene historisch-kulturelle Erbe, vernachlässigt oder gar verleugnet. Die importierten Lösungsmodelle – seien sie politischer, juristischer, ökonomischer oder sozialer Art – gingen jedoch, das zeige der aktuelle Zustand des Kontinents, bestenfalls an den Realitäten vorbei. In anderen Fällen hat ihr Scheitern fatale Folgen. Die Umsetzung der „Afrikanischen Renaissance-Vision“ wird demnach entscheidend davon abhängen, inwieweit es den verschiedenen afrikanischen Staaten möglich sein wird, eigene Lösungen 42

Vgl. Prof. Kum’ a Ndumbe III, Global Approach, S. 3. http://www.africavenir.org/africavenir/GlobalApproachInternetversion.pdf

für eigene Probleme zu finden und die für die Umsetzung notwendigen Fachkräfte auszubilden. Gleichzeitig aber betonen die Befürworter der Renaissance, angesichts der immer noch wirksamen neo-kolonialen Strukturen in den Beziehungen zwischen Afrika und dem ‚Westen’, immer wieder die internationale Dimension der Afrikanischen Renaissance, die auch im NEPAD eine wichtige Rolle spielt. Dabei kommt der Universität – sowohl in Afrika als auch in Europa – als Ort der Wissensvermittlung und Wissenserzeugung eine ganz entscheidende Bedeutung zu. An afrikanischen Universitäten reflektieren die Lehrpläne allzu oft lediglich die Methoden, Herangehensweisen und Lehrinhalte der westlichen Länder (meist der ehemaligen Kolonialländer), mit anderen Worten: „African universities are poor copies of overseas institutions. They fail to inculcate the intellectual, physical, moral and social qualities that are required to face the future, fail to stimulate curiosity, and fail to generate scientific skills and knowledge.“43 Die Transformation der afrikanischen Gesellschaft hängt also entscheidend von der Transformation und Afrikanisierung44 der Schulen und universitären Einrichtungen ab. „Intellectual liberation from dependence and mimesis means a radical and critical questioning of dominant Western epistemological paradigm from an African standpoint. The latter means taking the African experience in its totality as an inescapable point of departure for the construction and critique of knowledge.”45 Entsprechend sieht es an europäischen Universitäten aus. Diese vermögen es angesichts ihrer eurozentrischen Herangehensweise nicht, dialogfähige Fachkräfte auszubilden, die in der Lage wären, den angestrebten Paradigmenwechsel herbeizuführen. In diesem Zusammenhang muss auch die Frage nach dem „legitimen“ Vermittler der “African Experience” gestellt werden, denn auch heute noch tut man sich – wie die hier geschilderte Erfahrung am Otto-Suhr-Institut deutlich zeigt – in Europa schwer, etwas von Afrika oder von Afrikanern zu lernen. Sipho Seepe drückt dies in Bezug auf die südafrikanische Situation so aus: “The fear of those trained in the Eurocentric tradition derives from the fact that Africanisation provides them with no grounds for authority unless they become students of Africans. The idea that they may have to learn something from Africans is difficult to reconcile with their ‘know all’ superiority.”46 Wie die französische AfrikaExpertin Catherine Coquery-Vidrovitch zu berichten weiß, wird die zunehmende Inanspruchnahme von Fachkompetenz in Lehre und Forschung von Seiten vieler afrikanischer Wissenschaftler auch

43

Adedeji, Adebajo, African Renaissance, Economic Transformation and the Role of the University. In: Indicator, Winter 1998. http://www.und.ac.za/und/indic/archives/indicator/winter98/Fadedej.htm 44 Afrikanisierung bedeutet die Einbettung und Anpassung der Universität in und an ihr natürliches Milieu. 45 Ramose, M.B., Foreword to Seepe, Sipho (Ed.), “Black Perspectives on Tertiary Institutional Transformation, South Africa/USA, 1998, S. V. 46 Seepe (1998), S. 65/66.

an europäischen Universitäten und Instituten von vielen europäischen Afrikaexperten als Gefahr gesehen.47 Dabei hatte Edward S. Said schon Ende der siebziger Jahre den im “Westen” praktizierten Orientalismus als neo-koloniale Institution denunziert und geschrieben: „Orientalism is the corporate institution for dealing with the Orient – dealing with it by making statements about it, authorising views of it, describing it, by teaching it, settling it, ruling over it; in short, Orientalism as a Western style for dominating, restructuring, and having authority over the Orient.48 Das Gleiche gilt für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Afrika, die auch heute noch eine angemessene Berücksichtigung der afrikanischen Perspektive verweigert. Denn, so Sipho Seepe, „(...) it is the African who is and must be the primary and principal communicator of the African experience.“49 In diesem theoretischen Rahmen situiert sich das von Prof. Kum’ a Ndumbe III. vorgeschlagene Ausbildungsprogramm. Das Programm ist ein Versuch, die Vision der „Afrikanischen Renaissance“ im Dialog zwischen Afrika und Europa umzusetzen, und damit eine neue Generation von Entscheidungsträgern auszubilden, die besser als frühere in der Lage sein werden, mit den neuartigen globalen Herausforderungen in der Welt umzugehen. Dabei stellt es ohne Zweifel bestehende Strukturen in Frage, sowohl in Afrika als auch in Europa. 2.1.2 Global Approach Trotz der thematischen Schwerpunktsetzung – ‚African Renaissance’, ‚International Cooperation’ und ‚Conflict Prevention and Resolution’ – steht die möglichst umfassende (globale) Vermittlung der „African Experience“ als Ausgangspunkt für Lehre und Forschung über Afrika im Zentrum des Programms von Prof. Kum’ a Ndumbe III. Ausgehend von der Erkenntnis, dass man Afrika und seine Probleme nicht ausschließlich aus wissenschaftlichen Büchern verstehen lernen kann, werden alle zusätzlichen oralen und visuellen Informationsquellen und –formen, wie Spielfilme, Dokumentarfilme, Internet, orale Quellen, Theater, Kunst, Literatur und Musik, genutzt, um zu einem globaleren Verständnis der komplexen afrikanischen Realitäten zu gelangen. Das Ausbildungsprogramm beruht zudem auf Interdisziplinarität, der engen Verbindung von Theorieaneignung und praktischer Umsetzung und dem interkulturellen Dialog, der durch Aufenthalte in einem Partnerland ermöglicht wird. Nachfolgend werden die genannten Punkte im Einzelnen besprochen.

47

Coquery-Vidrovitch, Catherine, African Studies in France. In: H-Africa Africa Forum, Translated by Nicole Livar, 27. August 2001, S. 5. http://www2.h-net.msu.edu/~africa/africaforum/Coquery-VidrovitchFrench.html 48 Said, Orientalism – Western Conceptions of the Orient, Routledge & Kegan Paul Ltd. 1978/Penguin Books 1995, S. 3. 49 Seepe (1998), S. 64.

2.1.3 Dialogcharakter Ziel des Programms ist es, eine neue Generation von afrikanischen und nicht-afrikanischen Experten für die Entwicklungszusammenarbeit und die Internationalen Beziehungen mit Afrikanischen Ländern auszubilden, wodurch der von dem New Partnership for Africa’s Development (NEPAD) geforderte Paradigmenwechsel in den euro-afrikanischen Beziehungen angestoßen werden soll. Zentral für das Programm ist deshalb der Dialogcharakter der Ausbildung. Dies betrifft sowohl die Form der Ausbildung während und außerhalb des Unterrichts wie auch die Ausrichtung des Programms – dem angestrebten interkulturellen Wissenschaftsdialog und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Institutionen in den einzelnen Ländern. Über die Theorie- und Wissensvermittlung hinaus nehmen die Studenten an verschiedenartigen, größtenteils selbst organisierten Konferenzen teil (Dialogforen). Hierbei erhalten sie die Gelegenheit, die verschiedenen Standpunkte europäischer, amerikanischer und afrikanischer Wissenschaftler,

Diplomaten,

Schriftsteller,

Politiker

und

zivilgesellschaftlicher

Akteure

kennenzulernen, sich mit ihnen auszutauschen und über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen und politischen Debatten rund um den afrikanischen Kontinent zu informieren. Die Form der Konferenzen variiert: während die wissenschaftlichen Vorträge recht starr sein können und für Dialog einen zwischen Vortragenden und Zuhörern wenig Raum lassen, bieten die Runden Tische und afrikanischen Palaver50 eine gute Austauschmöglichkeit. In den afrikanischen Ländern werden zudem Möglichkeiten des Dialogs mit den unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen geschaffen. So erhalten die Studenten beispielsweise Zugang zu den traditionellen Strukturen des jeweiligen afrikanischen Landes und die Möglichkeit mit traditionellen König(Inn)en, Heilern und ‚Alten Weisen’ zu reden. Pflicht ist es, mindestens ein Modul in einem der afrikanischen Länder zu absolvieren. Dieser Punkt ist zentral, denn nur durch eigene Erfahrungen – vor allem auch Arbeitserfahrungen – entwickeln die Student(Inn)en nicht nur ein Gefühl für die jeweilige politische Situation, sondern auch für die Arbeitsbedingungen und die Probleme bei der Umsetzung von theoretisch einwandfreien Konzepten und Projekten. Das Kennenlernen des „Anderen“ steht auch im Mittelpunkt der periodisch stattfindenden Studienreisen. Die tiefen Einblicke in Struktur und Kultur der afrikanischen Länder, welche die Studenten durch diese Studienaufenthalte und –reisen bekommen verändern Perspektiven,

50

Das Palaver ist die traditionelle Form der Deliberation und Diskussion in allen afrikanischen Gesellschaften. Ziel ist das Erreichen eines Konsens (im Gegensatz zu einer Mehrheitsentscheidung) zwischen allen teilnehmenden Gesellschaftsgruppen. Teilnahmeberechtigt sind alle Mitglieder der Gesellschaft.

manchmal auch Verhaltens- und Denkweisen. Dadurch ist der dringend notwendige interkulturelle Dialog im Programm institutionalisiert. 2.1.4

Verbindung von theoretischen Lehrinhalten und praxisbezogener Arbeit

Eine der Stärken des Programms ist sicherlich die enge Verbindung von theoretischen Lehrinhalten und der angewandten, praktischen Arbeit in vielerlei Bereichen – das war übrigens auch einer der wichtigsten Aspekte der Arbeit von Prof. Kum’ a Ndumbe III. am OSI und einer der Hauptgründe weshalb seine Arbeit von den Studenten so geschätzt wurde. Die Seminare sollen den Studierenden eine solide theoretische Basis für die Analyse afrikanischer Politik und politischer Systeme auf der einen Seite und den internationalen Beziehungen mit afrikanischen Ländern auf der anderen vermitteln. Denn Fakt ist, dass „scholars [have] a lot of theoretical problems when dealing with politics in Africa”.51 Grundvoraussetzung sind daher zunächst methodologische Seminare durch welche die Studierenden in die Lage versetzt werden sollen, gängige Diskurse, Strukturen und Methoden in Frage zu stellen und ihre Arbeiten und Recherchen Afrika-zentrierter52 zu gestalten: „Who defines the concepts, terms and framework of research? Where does financial budgets for research come from? What consequences does the spreading of these research results have on local researchers in Africa and outside Africa? Who controls the discourse on research concerning African studies and African politics? Which consequences does the spreading of these research results have on local policy formulation in Africa, in partner countries and on international relations with Africa? How eurocentred or UScentred are research results on Africa even when issued in Africa itself? How effective are these research results to African problems?”53 Inhaltlich konzentrieren sich die Seminare auf die Schwerpunktthemen des Programms: zum Grundwissen jedes „Afrika-Experten“ gehören vertiefte Kenntnisse der politischen Geschichte Afrikas, von Alt-Ägypten ausgehend bis heute. Ziel dieses Einführungsseminars ist es, „to enable the students to situate important political epochs in African history and understand the evolution not only of political institutions, but also of the political philosophy, to discover the balance between philosophy, spirituality, religion and politics in African societies (...).“54 Ebenfalls grundlegend (auch für alle anderen Seminare) ist eine historische Herangehensweise an den Begriff Afrikanische Renaissance, eine Idee, die zwar 1994 im Zuge der Befreiung Südafrikas neu dynamisiert wurde, die jedoch so alt ist wie die Leidensgeschichte des afrikanischen Kontinents 51

Prof. Kum’ a Ndumbe III, Global Approach, S. 6. Im Gegensatz zum gängigen Eurozentrismus soll Afrika im Mittelpunkt stehen, nicht nur als Objekt der Forschung sondern auch als Subjekt. 53 Prof. Kum’ a Ndumbe III, Global Approach, S. 11. 54 Ebenda, S. 7. 52

und mit den Wünschen nach Befreiung von Sklaverei, Kolonialismus und Neokolonialismus untrennbar verbunden ist. Auf diesen soliden theoretischen und historischen Kenntnissen aufbauend, sollen die drei Schwerpunktthemen des Programms – African Renaissance, International Cooperation und Conflict Prevention and Resolution – eingehender studiert werden. Die Fragen, die hierbei aufgeworfen werden, sind die Folgenden: Welches sind die heutigen und künftigen Herausforderungen, vor die uns die Afrikanische Renaissance stellt? Welches sind die Grundvoraussetzungen – national und international – für die Umsetzung der African Renaissance Vision? Wie sind die beispielsweise im NEPAD formulierten Ziele in die Realität umzusetzen? Welche Rolle kommt dabei Regionalmächten wie Südafrika oder Nigeria zu? Angesichts der zunehmend globaler werdenden Welt rückt auch die internationale Zusammenarbeit immer mehr ins Rampenlicht. Wie steht es mit der Entwicklungseffizienz der Entwicklungszusammenarbeit? Welche Bilanz lässt sich aus den letzten 40 Jahren Entwicklungshilfe, politik und -zusammenarbeit ziehen? Wie müsste die internationale Zusammenarbeit zwischen Afrika und den Geberländern beschaffen sein, um Entwicklung anzuspornen? Und welche Herausforderungen ergeben sich aus dem NEPAD für die Entwicklungszusammenarbeit? In einem Ausbildungsprogramm im Rahmen von „African Political Affairs“ kann man an Themen wie Konfliktprävention und Konfliktlösung nicht vorbei. Gewaltsame Konflikte in Afrika zerstören auch weiterhin das Humankapital und damit die Basis jeglicher Renaissance. Auch hier wird zunächst die Entwicklung von gewaltsamen Konflikten in den verschiedenen Etappen der afrikanischen Geschichte nachzuzeichnen sein, bevor die Frage nach den tieferen Ursachen der heutigen Kriege und Konflikte und deren Natur gestellt werden kann. Sind die heutigen Konflikte tatsächlich „Stammesfeden“ oder „ethnische“ Kriege wie es im Spiegel der westlichen Medien oft den Anschein hat? Oder sind auf dem afrikanischen Kontinent tiefgreifende Umwälzungsprozesse im Gang? Folgen die heutigen Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent einer inneren, der Geschichte des Kontinents inhärenten Logik? Wie kann es dennoch zu der erhofften und angestrebten Pax Africana55 kommen? In diesem Zusammenhang spielt selbstverständlich die Demokratisierung der politischen Systeme in Afrika eine wichtige Rolle. Weshalb mussten die Anfang der 90er Jahre eingeleiteten Demokratisierungsprozesse (Wind of Change) scheitern? Welche Folgen hatten vier Jahrhunderte Sklaverei und Kolonialismus und später der Kalte Krieg auf die politischen Systeme und nicht zuletzt auf die politische Kultur der Bevölkerungen in Afrika? Können zudem fremde

55

Vgl. Le Pere, Garth, Van Nieuwkerk, Anthoni, Lambrechts, Kato (Eds.), South Africa and Africa: Reflections on the African Renaissance. In: Foundation for Global Dialogue Occasional Paper No. 17, October 1998.

Demokratiemodelle nach Afrika exportiert werden wie es oft in der Entwicklungszusammenarbeit versucht wird? Und wenn nicht, wie könnten spezifisch afrikanische Demokratiemodelle aussehen? Diese und ähnliche Inhalte sollen durch die Seminare vermittelt werden. Das Programm trainiert die Studenten jedoch von Anfang an darauf, ihre theoretisch erworbenen Kenntnisse im Rahmen von praxisbezogenen Projekten zu überprüfen und umzusetzen. Die Projekte werden von den Studierenden selbst geleitet und durchgeführt, eine Arbeit, die ihnen nicht nur ermöglicht, schon während des Studiums Berufserfahrung zu sammeln56, sondern auch Kontakte im späteren Berufsfeld zu knüpfen. Als Beispiele seien an dieser Stelle die Projekte erwähnt, die während der zwei-jährigen Lehrtätigkeit von Prof. Kum’ a Ndumbe III. am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft in Zusammenarbeit mit der Stiftung AfricAvenir entstanden sind bzw. fortgeführt wurden57. Das schon erwähnte „AfricAvenir Dialogforum zur Afrikanischen Renaissance“ wurde wiederaufgenommen58, um den deutschen Studierenden die Möglichkeit zu geben, über das spärliche „Afrika-Angebot“ am Otto-Suhr-Institut hinaus international anerkannte Wissenschaftler, Politiker, Diplomaten, zivilgesellschaftliche Vertreter, sowie Schriftsteller oder Künstler zu den in den Seminaren behandelten Themen zu hören um sich auf diese Weise selbst ein Bild von den internationalen Diskursen und Debatten zu machen. Sowohl in afrikanischen Bibliotheken als auch an vielen europäischen Universitäten lassen die Afrikabestände – vor allem wenn es sich um afrikanische Autoren handelt – zu wünschen übrig. Zugang zu relevanter wissenschaftlicher Literatur ist jedoch Grundvoraussetzung für jede ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung, nicht nur mit afrikanischen Themen. Aus diesem Grund entwickelten Studenten unter der Anleitung von Prof. Kum’ a Ndumbe III. ein Bibliotheksprojekt. An minimale Budgets – was sowohl auf afrikanische Bibliotheken als auch auf die Afrikabestände der europäischen Bibliotheken zutrifft – angepasst, wurde ein Grundbestand, bestehend aus den 1000 wichtigsten Büchern, bestimmt. 500 Bücher setzen sich mit grundlegenden Fragen der Geschichte, Kultur, Politik, Wirtschaft, Entwicklung etc. des afrikanischen Kontinents auseinander und 500 mit jeweils landesspezifischen Fragen. Das Projekt wird so auf unterschiedliche Länder und Kontexte anwendbar. Der Wiederaufbau der Cheikh Anta Diop Bibliothek von AfricAvenir in Douala, Kamerun ist derzeit in vollem Gange und dient als Pilotprojekt.

56

Die Arbeit beinhaltet Projektkonzeption, Projektbeschreibung und Präsentation, Projektmanagement, Finanzierung und Evaluierung. 57 Einige Projekte wurden von der Stiftung AfricAvenir in Douala, Kamerun konzipiert und initiiert und wurden im deutschen Kontext weitergeführt und erweitert. 58 Das Dialogforum besteht seid 1995. Zuerst wurde es in Douala und zahlreichen Dörfern in Kamerun veranstaltet, später auch in Deutschland und in Ruanda.

Eine Erweiterung des Bibliotheksprojekts ist die AfricAvenir Website (www.africavenir.org). Im Informations- und Kommunikationszeitalter sind viele aktuelle wissenschaftliche Debatten im Internet mittlerweile besser dokumentiert als in den meisten Bibliotheken. Die Unstrukturiertheit und Unübersichtlichkeit des Internets macht es jedoch zu einem sehr unzuverlässigen Rechercheinstrument. Idee des AfricAvenir Website-Projekts ist es deshalb, ein Webportal zu wissenschaftlichen Informationen anzubieten. Durch das Sammeln und Strukturieren der im Internet vorhandenen wissenschaftlichen Literatur (Volltext Dokumente), das Zusammenstellen von Literaturlisten und Recherchelinksammlungen und durch die Einrichtung von Diskussionsforen wird versucht, Studenten, Wissenschaftlern aber auch Politikern und NRO-Mitarbeitern ein zuverlässigeres Rechercheinstrument an die Hand zu geben. Das von den Studenten organisierte Filmfestival verhält sich zu den anderen Projekten ebenfalls komplementär. Das Medium Film wurde in Afrika sehr früh als sozialkritisches Instrument genutzt, sowohl gegen die kolonialen Machthaber als auch gegen neokoloniale Verhältnisse oder um über Tradition und Moderne zu reflektieren. Das Medium Film knüpft auch an die orale afrikanische Tradition und an traditionelle Methoden der Konfliktprävention und Konfliktlösung in Afrika an, sodass viele Filme historischen Dokumenten gleichkommen und zudem den Vorteil haben, mehr Menschen zugänglich zu sein als beispielsweise wissenschaftliche Literatur. Weitere Projekte wurden initiiert, die an dieser Stelle jedoch lediglich genannt werden sollen: die Publikation einer wissenschaftlichen Zeitschrift (AfricAvenir Dialog Forum), die Veröffentlichung von Büchern (von Prof. Kum’ a Ndumbe III., sowie von guten Diplom- und Doktorarbeiten), Studienreisen, Medien- oder PR-Gruppe etc. Das

Programm

richtet

sich

vor

allem

an

Hochschulabsolventen,

im

Sinne

eines

Aufbaustudiengangs, aber auch an Studenten der teilnehmenden Universitäten und Vertreter zivilgesellschaftlicher und staatlicher Organisationen. Gleichzeitig bietet das Programm durch seinen Modulaufbau (siehe Kap. 2.2) zivilgesellschaftlichen Fachkräften die Möglichkeit zur gezielten Weiterbildung. Dies ist so ungewöhnlich wie es innovativ und zukunftsweisend ist: einmal das Studium abgeschlossen sind viele Menschen im Bereich der internationalen Dienste (NGO-Arbeit, EZ, etc.) in einem solchen Maße von ihrem Beruf eingenommen, dass sie neuere wissenschaftliche und theoretische Entwicklungen kaum zu verfolgen in der Lage sind. Viermonatige Module sollen dem abhelfen und zivilgesellschaftlichen Fachkräften die Möglichkeit geben, ohne die berufliche Karriere über einen zu langen Zeitraum unterbrechen zu müssen, eine theoretische Weiterbildung mit abschließender Arbeit zu absolvieren.

Damit soll sowohl eine größere wissenschaftliche Fundierung der praktischen Entwicklungszusammenarbeit erzielt, als auch der Realitäts- und Praxisbezug von wissenschaftlichen Analysen erhöht werden. 2.1.5

Interdisziplinarität und Internationalität

Das Programm wird von einem internationalen und interdisziplinären Team unter der Leitung von Prof. Kum’ a Ndumbe III. durchgeführt. Zwar hat das Programm ohne Zweifel eine politikwissenschaftliche Ausrichtung, doch fließen gleichzeitig auch andere, komplementäre Perspektiven mit ein. So besteht das Professorenteam nicht nur aus Politologen, sondern auch aus eher

kultur-historisch

ausgerichteten

Afrikawissenschaftlern,

Historikern,

Erziehungs-

wissenschaftlern (Educational Research), Juristen, Psychologen, Philosophen und auch Ethnologen und Schriftstellern (siehe Auflistung im Programm, S. 22). Angedacht sind in Deutschland – wie schon erwähnt – die Freie Universität und die Humboldt Universität in Berlin und die Universität Bochum. In Afrika sind es die Universität von Douala in Kamerun, die Université du Bénin in Cotonou, die Université Cheikh Anta Diop in Dakar, Sénégal, die University of Cape Town, Südafrika und die Makerere University in Kampala, Uganda. Möglich ist auch noch die Einbeziehung einer weiteren europäischen Universität (Frankreich, GB oder Norwegen) und/oder eine Partnerschaft mit einer amerikanischen Universität (State University of New York oder San Francisco State University). 2.1.6

Vernetzung mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren

Oft wird darauf hingewiesen, dass „(…) development research in Africa has failed to make substantial improvements in the quality of life for the majority (…)“59. Das mag vielerlei Gründe haben. Ein Grund ist zweifelsohne die fehlende Verbindung zwischen universitären Einrichtungen und Forschungsinstituten auf der einen Seite und den umsetzenden politischen und gesellschaftlichen Institutionen60 auf der anderen. Die Hauptaufgabe der Forschung ist es jedoch, so Kitula King’ei, „(...) to provide fundamental and long-term solutions to social problems. (...) However, research becomes a complete waste of resources if the findings do not reflect the true feelings of the target population.“61 Nur die Vernetzung von Universitäten untereinander (siehe Kap. 2.1.5), aber auch mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und nicht zuletzt mit Ministerien und Regierungsstellen, kann zu den erwünschten Ergebnissen führen. Nur 59

King’ei, Kitula, Language in Development Research in 21st Century Africa. In: African Studies Quarterly, Vol. 3, Issue 3, 2000, S. 1. http://web.africa.ufl.edu/asq/v3/v3i3a3.htm 60 Nicht zu vergessen auch die Bevölkerung, die angesichts der hochtrabenden Diskurse in dazu noch fremden Sprachen und fehlender Kommunikationsmöglichkeiten de facto kein Zugang zu den Ergebnissen der Forschung hat. 61 King’ei (2000), S. 1.

durch die Bündelung all dieser genannten Kräfte, kann die Wissenschaft ihren wichtigen Teil zur Transformation der afrikanischen Gesellschaften beitragen. Das Programm ist auf die genannten Partnerschaften aufgebaut, ja sogar angewiesen. In Deutschland soll die Trägeruniversität wie schon erwähnt die FU Berlin sein. Auch hier sind schon Partnerschaften angedacht, sowohl in Deutschland als auch auf dem afrikanischen Kontinent: In Deutschland sind es neben AfricAvenir das Unesco Institute of Pedagogy in Hamburg, die Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, die Akademie Loccum, entwicklungspolitische Einrichtungen wie die Gemeinschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ). In Südafrika sind es das African Renaissance Institute (ARI), das African Development Institute, das Institute for Global Dialogue, das African Centre for Constructive Resolution of Dispute (ACCORD), das South African Institute for International Affairs (SAIIA), das Institute for Security Studies, das Centre for Conflict Resolution (CCR), BushRadio und der Ubuntu Education Fund. In Benin ist es vornehmlich Africa Obota, im Senegal CODESRIA und das Forum du Tiers Monde, in Uganda die African Peace Research and Education Association und in Kamerun vornehmlich AfricAvenir. In den afrikanischen

Ländern sollen jedoch auch Organisationen der

Entwicklungszusammenarbeit mit einbezogen werden, wie das Goethe Institut, die GTZ und ähnliche. Aufgrund der noch fehlenden Grundfinanzierung sind die Partnerschaften noch nicht vollständig ausgereift. Zum Teil bestehen bereits Verträge mit Partnern, andere haben ihr Interesse bekundet. 2.2 Formeller Rahmen Das Programm „African Renaissance, International Cooperation, Conflict Prevention and Conflict Resolution“ sieht eine ca. zweijährige Ausbildung vor, die mit der Verleihung des Mastertitels abschließt. Das Programm ist unterteilt in eine theoretische Ausbildung an den Universitäten und eine praktische Ausbildung bei den Partnerorganisationen. Die theoretische Ausbildung umfasst drei Module à vier Monate: 1. „African Renaissance: the challenge for Africa’s future“ 2. „Development / Development Efficiency of Development Policy / Development Efficiency of International Cooperation“ 3. „Conflict Prevention, Conflict Resolution in African Societies in past, present and in international programs“,

die jeweils mit dem Verfassen einer auf das Thema bezogenen Hausarbeit abgeschlossen werden. Da das Programm auf einen Austausch zwischen Afrika und Europa basiert, sollte mindestens eins der drei Module an einer der Partneruniversitäten in Afrika verbracht werden. Kann der Teilnehmer die drei theoretischen Module durch entsprechende Scheine nachweisen, so ist er für das vierte Modul, das Verfassen der Abschlussarbeit und die mündlichen Prüfungen, zugelassen. Besteht er alle schriftlichen und mündlichen Prüfungen erfolgreich, wird ihm der Mastertitel verliehen. Es ist nicht vorgeschrieben, alle drei theoretischen Module direkt hintereinander zu absolvieren. So können Interessierte an dem ersten Modul teilnehmen, in den Beruf zurückkehren und zu einem späteren Zeitpunkt am nächsten Modul teilnehmen. Darüber hinaus sollte die Universität den Studenten, die Scheine im Rahmen des Programms gemacht haben, die aber keine Pflichtveranstaltungen sind, diese Scheine auch für den „normalen“ Diplomstudiengang anerkennen. Es ist vorgesehen, dass an den afrikanischen und anderen Partneruniversitäten zeitgleich die gleichen Module wie am Otto-Suhr-Institut in Berlin angeboten werden, mit dem gleichen theoretischen Inhalt. Darüber hinaus sollte es auch möglich sein, die Abschlussarbeit (Master-Thesis) oder die Doktorarbeit im Rahmen des Programms an einer der Partneruniversitäten zu verfassen. Nur so ist ein wahlweiser Wechsel und Austausch zwischen den Universitäten realisierbar. 3. Studentische Erfahrungen bei dem Versuch der Wiedererrichtung eines AfrikaSchwerpunktes am Otto-Suhr-Institut (OSI) für Politikwissenschaft der FU Berlin Im Folgenden werden die Erfahrungen beschrieben, die wir als Studenten der Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin in den letzten zwei Jahren gemacht haben. Auch wenn die folgenden Ausführungen stellvertretend für viele (ca. 600) Afrika-interessierte Studenten allein am Otto-Suhr-Institut sein mögen, geben sie nur die Ansichten der beiden Autoren dieser Arbeit wider. Im Rahmen dieser Arbeit wurden keine Interviews geführt. Basis für die nachstehenden Darstellungen und Überlegungen sind zwei von mehr als 600 Studenten und einigen Professoren unterschriebene Anträge an den Institutsrat des OSI, ein Antrag an den Petitionssausschuss des Abgeordnetenhauses Berlin, eine ebenfalls von ca. 600 Studenten unterstütze Petition an FU-, Fachbereichs- und Institutsleitung, Dutzende Unterstützungsbriefe von Studenten und Akademikern und zahllose persönliche Gespräche unter Studenten und mit Entscheidungsträgern. Die von uns gemachten Erfahrungen beim Versuch, den von Prof. Kum’ a Ndumbe III. vorgelegten und von allen Seiten als „sehr gut“ und „unbedingt unterstützenswert“ eingestuften postgraduierten

Studiengangs „African Renaissance, International Cooperation and Conflict Prevention and Resolution“ am OSI durchzusetzen reichten von persönlichen Demütigungen (hauptsächlich gegenüber Prof. Kum’ a Ndumbe III.), über bürokratische Schikanen bis hin zu strukturellen Hindernissen. 3.1 Persönliche Demütigungen Zeitgleich mit dem Entschluss des DAAD, die Gastprofessur zu beenden, wurde das Haus in der Rüdesheimerstraße, in dem sich der Büroraum von Prof. Kum’ a Ndumbe III. befand aufgrund von Restrukturierungsmaßnahmen von der FU aufgegeben. Als sich dieser nach einem neuen Raum erkundigte, wurde ihm von der Verwaltung mitgeteilt, dass Gastprofessoren und Privatdozenten keinen Anspruch auf einen Raum hätten. Auch auf die Bitte wenigstens solange einen Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt zu bekommen, wie der Vertrag laufe, reagierte die FU nicht. Auf Fürsprache von Professor Ulrich Albrecht hin stellte der emeritierte Professor Ashkenasi sein Zimmer für Prof. Kum’ a Ndumbe III. zur Verfügung, die Verwaltung legte ihm aber unmittelbar nahe, dieses doch bitte nur zwei Stunden die Woche für die Sprechstunden zu gebrauchen. Es stellt sich die Frage wie ein Professor vier Veranstaltungen für insgesamt 300 Studenten von zu Hause aus organisieren soll. Mit der Hoffnung darauf, dass dieses Büro nur eine Zwischenlösung darstelle, organisierten wir Studenten den Umzug und ließen viele der Ordner und Bücher in den Kartons, was die Verwaltung zur Verzweiflung brachte. Sie machten Prof. Kum’ a Ndumbe III. den Vorwurf, sich nicht an Vorschriften zu halten und die FU vor vollendete Tatsachen zu stellen. „Ich werde Ihre Sachen auf die Straße setzen! Das schrie die Dame von der Verwaltung in den Hörer hinein vor einer Woche. Sie sagte mir, ich solle dankbar sein, dass eine Umzugsfirma bezahlt wird, um meine Sachen aus dem Büro zu räumen und bis Ende September in einen Fahrradkeller zu bringen. Ich war gerade dabei, die vielen Klausurarbeiten zu korrigieren. – das war mir zuviel. Ich legte den Hörer auf (...).“ 62 Demütigungen wie diese kamen nicht nur aus den Reihen der Verwaltung – an den Toilettenwänden des OSI fanden wir beispielsweise Sprüche, die zum Ausdruck brachten, „der Bananenprofessor“ solle „mit seinen Studenten in den Urwald zurückkehren“. Die Bibliothek des OSI stellte ihr Bibliotheksmagazin für die zeitweilige Lagerung der Bücherkisten zur Verfügung, jedoch erhielt Prof. Kum’ a Ndumbe III. auch für diesen Raum nur für einen Tag einen Schlüssel, da sich die Verwaltung, entsetzt von der Tatsache, dass die Bibliothek Prof. Kum’ a Ndumbe III. einen Schlüssel für das Bibliotheksmagazin gegeben hatte, weigerte, dieser einen weiteren Schlüssel auszuhändigen. 62

Prof. Kum’ a Ndumbe III., Brief an Studenten und Professoren, 2001.

Nachdem die Klausuren, Haus- und Diplomarbeiten von ca. einhundert Studenten eine Weile im Keller standen und deshalb nicht bearbeitet werden konnten, ließ sich die Verwaltung dazu herab, Prof. Kum’ a Ndumbe III. (offiziell für die Sprechstunden) einen Raum mit einem italienischen Gastprofessor teilen zu lassen, in dem ihm mittlerweile sogar wieder eine Telefonleitung und eine Internetverbindung zur Verfügung stehen. Viel schlimmer als die Demütigungen aus den Reihen der Verwaltung waren jedoch beispielsweise die Worte eines Professors der Internationalen Beziehungen mit bedeutender leitender Funktion. Er erklärte uns Studenten, dass die „Unterstützung“ für Prof. Kum’ a Ndumbe III. in den letzten Jahren lediglich eine persönliche gewesen sei. Bei der Entscheidung ihn ans OSI zu holen hätte es sich nicht um die inhaltliche Relevanz der Politikanalyse Afrikas gehandelt – schließlich sei ja Afrika nicht Teil des Strukturplans –, sondern um Unterstützung für einen afrikanischen Professor, der in Deutschland lehren und leben wolle. Eine Art humanitäre- oder auch Entwicklungshilfe. 3.2 Das institutionelle Abblocken durch das Otto-Suhr-Institut Bei all unseren Vorstößen, Gesprächen und Telefonaten bekamen wir immer zuerst folgendes zu hören: Der bis 1995 am OSI bestehende Lehrstuhl „Politik Afrikas“ wurde aufgrund einer „Absprache bezüglich der Schwerpunktsetzung und Profilbildung“63 zwischen FU und HU gestrichen. Dieser Absprache zufolge habe sich die HU verpflichtet die „Afrika-Analyse“ alleine abzudecken. Obwohl eine solche interuniversitäre Vereinbarung unseres Wissens nach nicht in schriftlicher Form vorliegt und verantwortliche Stellen der HU sogar bestreiten, dass es solche informellen Absprachen in Bezug auf die Politik Afrikas je gegeben hat, ist dies die gängige Meinung innerhalb der FU, sowie allem Anschein nach auch der Berliner Senatsverwaltung64. Diese angebliche Vereinbarung, so zweifelhaft sie auch sein mag, bleibt jedenfalls das Hauptargument gegen die Wiedereinrichtung eines Afrika-Schwerpunktes in der Berliner Politologie. Zu diesem Argument sei hier nur kurz folgendes angemerkt: Das Studium „Afrikawissenschaften“ an der HU ist ein Regionalstudium (Area Studies), das sich aus drei Schwerpunkten zusammensetzt – Afrikanische Sprachen, Literatur und Geschichte – also eine kultur-historische, im Gegensatz zu einer politologischen Herangehensweise an den afrikanischen Kontinent. Ohnehin ist das Studium „Afrikawissenschaften“ an der HU kein rein sozialwissenschaftliches, sondern eine Mischung aus geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern. Das Studium kann daher auch nicht als „Ersatz“ für eine politologische Analyse gesehen werden, sondern vielmehr als Ergänzung. 63 64

Antwortbrief des Petitionsausschusses des Abgeordnetenhauses Berlin, 22. Februar 2002. Antwortbrief der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, 27. August 2001.

Das zweite, uns gegenüber vorgebrachte Argument ist der in den letzten Jahren zunehmende allgemeine Sparzwang an deutschen Universitäten, worunter auch das OSI zu leiden habe. Tatsächlich sollen in absehbarer Zeit die ehemals 48 Professuren am OSI auf siebzehn (13+4) reduziert werden, was ohne Zweifel einen schweren finanziellen und damit automatisch auch inhaltlichen Einschnitt für das Institut bedeutet. Die Wiedereingliederung Afrikas in den Strukturplan des OSI wird ohne Zweifel durch die finanzielle Situation des Landes und des Fachbereichs erschwert, doch finanzielle Grenzen gibt es immer und überall. Was an einem Institut oder an einem Fachbereich angeboten wird und was nicht, ist eine Entscheidung, die im Rahmen einer fachsystematischen und inhaltlichen Debatte getroffen wird. Afrika ist unserer Meinung nach rausgefallen weil es als nicht wichtig betrachtet wird. Gegen das seitens des Fachbereichs vorgebrachte Argument des Sparzwangs sprechen noch weitere Punkte: Obwohl wir immer betonten, dass es uns nicht um eine Professur am OSI ging (was natürlich Verteilungskämpfe hervorgerufen hätte65), sondern um ein hauptsächlich extern finanziertes Graduiertenkolleg, welches das bestehende Lehrangebot des OSI lediglich ergänzen und bereichern würde, wurde uns keinerlei Unterstützung zuteil. Zum einen kamen keine eigenen Initiativen von Institut, Fachbereich oder Universitätsleitung, um dieses nach ihren eigenen Aussagen so positive Programm zu unterstützen. Alle Anträge und Briefe mussten von Prof. Kum’ a Ndumbe III. selbst neben seiner Lehrtätigkeit von vier Seminaren pro Semester und ohne Sekretärin verfasst werden. Mit Ausnahme des Institutsdirektors Prof. Dr. Funke war auch kein Verantwortlicher bereit, sich für das Programm öffentlich stark zu machen, z.B. als „offizielle Begleitperson“ bei Gesprächen, Sitzungen und Verhandlungen mit Geldgebern zu fungieren, Presseerklärungen abzugeben oder öffentlich zur Unterstützung des Programms aufzurufen. So war es uns auch nicht möglich eine „konzertierte“, von Instituts- und Universitätsleitung getragene öffentliche Initiative zugunsten des Programms einzuleiten, was die Chancen des Programms wesentlich erhöht hätte. Ein von mehreren Professoren verfasster und von der Universitätsleitung (Präsidialamt/Außenamt) eingereichter Antrag hat sicherlich eine ungleich größere Wirkung als die Initiative von Studenten und eines einzelnen, noch dazu eines afrikanischen Professors. So beschränkte sich die Unterstützung auf wohlwollendes Schulterklopfen und gut gemeinte aber folgenlose Ratschläge. Von allen anderen Seiten wurden uns vielmehr immer wieder Hindernisse in den Weg gelegt, was beispielweise dazu führte, dass wir über bestimmte Entwicklungen von einigen Verantwortlichen 65

Andererseits ist 1995 Afrika aus dem selben Grund – Verteilungskämpfe – aus dem Strukturplan gestrichen worden!

nicht informiert wurden oder dass Anträge und Briefe wochenlang nicht rausgeschickt oder an uns weitergegeben wurden. 3.3 Die anderen Institutionen – Wohlwollende Zustimmung ohne Folgen Gleichzeitig wurden selbstverständlich auch andere Institutionen des Landes und des Bundes angeschrieben. Dabei ging es, da das Programm auf externe Finanzierung ausgerichtet ist, zum einen um Finanzierungsanträge aber zum Teil auch um politische und moralische Unterstützung. Angeschrieben wurden folgende Personen und Institutionen: das Bundeskanzleramt, der Bundespräsident, das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG), die Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Bildung, der Petitionsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses und diverse politischen und privatwirtschaftliche Stiftungen. Die parlamentarische Staatssekretärin im BMZ und Afrikabeauftragte des Bundeskanzlers (im Rahmen der G8) lobte unser Engagement und versicherte uns der Unterstützung des BMZ und der Bundesregierung: „Von Studenten der Freien Universität Berlin wurde ich auf die Notwendigkeit zur Förderung eines Projektvorschlages „African Renaissance, Development Cooperation, Conflict Prevention and Conflict Resolution“ unter der Leitung von Prof. Kum’ a Ndumbe III. aufmerksam gemacht (...) Wir unterstützen in hohem Maße dieses Anliegen. Es entspricht unserer gegenwärtigen Politik zur Unterstützung der „New African Initiative“ der afrikanischen Staaten und wir haben ein großes Interesse daran, dass diese Initiative wie das Wissen über Afrika und afrikanische Politik in der Wissenschaft wie in unsere Gesellschaft insgesamt auf eine breitere Basis gestellt wird.“66 Auch alle anderen Institutionen zeigten Verständnis für unser Anliegen, wiesen uns jedoch entweder auf die Aufteilung der Kompetenzen zwischen Bund und Ländern im föderalen System oder auf die Planungskompetenz der Universität bzw. des Fachbereichs hin. Auch der angerufene Petitionsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, der die Angelegenheit nach eigenen Angaben prüfte, wies uns mit dem Hinweis auf die angebliche interuniversitäre Absprache bezüglich der Schwerpunktsetzung und Profilbildung zwischen HU und FU zurück und betonte, dass in Berlin leider auf sozial-ökonomische Lehre und Forschung zu Afrika verzichtet werde. Gründe gab der Petitionsausschuss aber nicht an. Diese sicherlich etwas naiven Initiativen haben zwar keine unmittelbaren materiellen Folgen in Form einer Finanzierung des Programms gehabt, aber zumindest eine Debatte losgetreten, die auch 66

Brief von Uschi Eid an den Dekan des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaften, Eberhardt Sandschneider, 10. September 2001.

bis zu einem gewissen Grad das OSI unter Druck gesetzt hat. Auch ging der Fall in dieser Zeit immer wieder durch die Presse. Dieser Druck führte immerhin zu dem schon zitierten Institutsratsbeschluss vom 12. Dezember 200167, indem sich das Institut verpflichtet, das Programm zu unterstützen und im Falle einer hauptsächlich externen Finanzierung mitzutragen. Jedoch führte auch dieser Etappensieg am Institut nicht zu mehr Engagement seitens des OSI. Und auch die „aufgeschlossenen“ und verständnisvollen Antworten der angeschriebenen Institutionen führten bisher nicht zu dem erwünschten Ergebnis. Sie waren nicht viel mehr als wohlwollende Zustimmung ohne Folgen. 4. Fazit 4.1 Stand der Dinge Trotz der massiven studentischen Mobilisierung für den Erhalt und Ausbau der Afrika-Analyse am OSI, trotz Informationsmappen, Briefen von wichtigen politischen Persönlichkeiten und diversen Presseartikeln hat das Otto-Suhr-Institut die Entscheidung getroffen, Afrika auch in seinem neuen Strukturplan nicht zu berücksichtigen. Zwar hat die Mobilisierung der Studenten und nicht zuletzt der Presse, die Angelegenheit in die Öffentlichkeit getragen und eine Debatte über die künftige wissenschaftliche Behandlung Afrikas losgetreten, die bis in einige Ministerien vordrang. Doch nicht einmal die in Kap. 3.3 zitierte Entscheidung des Institutsrats, das Programm im Falle einer Drittmittelfinanzierung mitzutragen, wird – so wie es heute (Mai 2002) aussieht – konkrete Folgen haben. Dafür gibt es mehrere Hinweise: Erstens ist Prof. Kum’ a Ndumbe III., nachdem er ein ganzes Semester ohne Bezahlung gelehrt hat, mittlerweile nicht mehr konstant in Deutschland. Es wurde weder vom Institut, noch vom Fachbereich oder von der Universitätsleitung ein ernsthafter Versuch unternommen, Prof. Kum’ a Ndumbe III. an der FU zu halten. In Abwesenheit von Prof. Kum’ a Ndumbe III. – das wissen auch die Entscheidungsträger in den verschiedenen Gremien – wird die Durchsetzung des Programms am OSI unwahrscheinlich. Das gleiche gilt für die Wiedererrichtung eines Afrika-Schwerpunktes. Inzwischen ist Prof. Dr. Funke – wie schon erwähnt, einer der wichtigsten Befürworter des Programms und der Wiedereingliederung Afrikas am OSI – als Institutsdirektor zurückgetreten. Damit haben wir strategisch eine wichtige Stütze eingebüsst. Durch die Semesterferien und sicherlich auch durch die aktuelle Abwesenheit von Prof. Kum’ a Ndumbe III. scheint die Mobilisierung der Studenten nachgelassen zu haben.

67

Vgl. „Afrika ans OSI“

Das Institut hat in gewisser Weise auf die Mobilisierung der letzten Semester reagiert: in den ebenfalls am Fachbereich angesiedelten Fächern Soziologie und Ethnologie werden Kurse zu Afrika angeboten, die auch Politikwissenschaftler besuchen können. Auch wurden Lehraufträge für Afrika am OSI selbst vergeben. Erstsemestlern wird erst nach und nach aufgehen, dass die angebotenen Kurse weder systematisch, noch politikwissenschaftlich von großer Relevanz sind, jedenfalls kein Ersatz oder Vergleich zum Angebot der letzten beiden Jahre darstellen. Im Folgenden wollen wir versuchen, ein Fazit aus dem Erlebten und Beschriebenen zu ziehen. Dies tun wir, um dem Leser aber auch uns selbst zu ermöglichen, das Geschehene zu verstehen. Die Fragen, die wir uns hierbei gestellt haben sind die gleichen, die uns letztendlich auch dazu bewogen haben, diese Streitschrift zu verfassen: Wie kann es sein, dass das größte politikwissenschaftliche Institut Deutschlands und eines der größten in Europa, das nach eigenen Aussagen sein „nationales und internationales Profil [stärken] und

seine

Rolle

innerhalb

der

FU,

aber

auch

im

Gefüge

hauptstädtischer

Wissenschaftsorganisationen [festigen]“ möchte und „den Studierenden am Institut ein ebenso gut fundiertes wie breites Studienangebot mit optimalen individuellen Wahlmöglichkeiten zu bieten“68 gedenkt, einen gesamten Kontinent – und noch dazu denjenigen, der am stärksten von den für die politologische Analyse höchst relevanten „vielfältigen wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Entgrenzungsprozessen“ und den „politischen und sozio-kulturellen Desintegrationsund ethno-politischen Fragmentierungsprozessen“69 betroffen ist – aus seinem Strukturplan ausklammert? Wie kann es sein, dass dieses Phänomen auf alle politikwissenschaftlichen Institute Deutschlands zutrifft? Wie sind unsere Erfahrungen zu bewerten und zu benennen? Handelt es sich bei den beschriebenen Missständen um strukturelle Schwächen des deutschen Bildungssystems oder um strukturelle Gewalt in der Bildungspolitik? 4.2 Strukturelle Gewalt und institutioneller Rassismus Bei der Beantwortung dieser letzten Frage muss differenziert werden: Dass es sich bei den telefonischen Beleidigungen einzelner Personen und den Sprüchen über den ‚Bananenprofessor’ an den Toilettenwänden um direkten, persönlichen Rassismus handelt, muss wohl an dieser Stelle nicht mehr weiter ausgeführt werden. Vieles von dem, was wir in dieser Arbeit beschrieben haben lässt sich jedoch nicht so einfach deuten und benennen. Dazu benötigen wir Hilfsmittel, die es uns erlauben eine indirektere Form der herablassenden Behandlung zu erfassen: Von ‚Institutionellem Rassismus’ beispielsweise ist dann zu sprechen, wenn „Menschen „anderer“ Herkunft negativ eingestuft und mit institutionellen 68 69

Vgl. „Das Neue OSI“, S. 1. Risse, Thomas (2001), S. 4 ff.

Machtmitteln sanktioniert werden (...). Er setzt das Signal: ‚Ausländer sind hier unerwünscht!‘ (...). Dieser institutionelle Rassismus trägt dazu bei, in Deutschland ein rassistisches Klima zu schaffen bzw. zu reproduzieren, was dann zu dem Widerspruch führt, dass ausländische Experten, die dringend benötigt werden, in Deutschland nicht in Sicherheit leben können, da auch sie von Rassismus betroffen sind.“70 Zwar war die Sicherheit von Prof. Kum‘ a Ndumbe III. bislang nicht gefährdet aber die gesetzten Signale und gemachten Aussagen – dass für Gastdozenten beispielsweise keine Büroräume zur Verfügung stehen, dass Dienstreisen von Gastdozenten nicht gezahlt werden können und dass er nicht wegen seiner Qualifikation, sondern ausschließlich aus persönlichen und humanitären Gründen an die FU geholt wurde71 - sind herablassende Gesten und Aussagen, die auf rassistische oder zumindest überhebliche Einstellungen schließen lassen. Es sollte an dieser Stelle jedoch auch angemerkt werden, dass wir durchaus positive Erfahrungen gemacht haben mit Professoren wie Hajo Funke, Peter Grottian, Friedemann Büttner oder Ulrich Albrecht u.a., welche die Problematik verstanden zu haben scheinen und den Mut und das Engagement aufbrachten, sich „für die Sache“ einzusetzen. Führt man sich jedoch die Situation an deutschen Universitäten ein wenig genauer vor Augen, so fällt auf, dass kaum afrikanische Professoren mit vollen Professuren zu finden sind. Hier und da werden

afrikanische

Intellektuelle

als

Gastprofessoren

eingeladen,

die

systematische

Wissensvermittlung wird jedoch fast ausschließlich von deutschen Professoren durchgeführt, sogar wenn es um ein uns deutschen so fremdes Wissensgebiet geht wie Afrika und die Politik Afrikas. Der institutionelle Rassismus – das Phänomen ist leider nicht anders zu bezeichnen – hier als Beschäftigungspolitik getarnt, macht die deutsche Afrika-Analyse wenn nicht irrelevant so doch unglaubwürdiger, unzeitgemäßer und untauglicher als sie sein könnte. Auch kann man sich in diesem Zusammenhang durchaus die Frage stellen, wie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft bekämpft werden sollen, wenn sogar an der Universität – ein Ort, der per Definition offen, tolerant und multikulturell sein sollte – stereotype Vorurteile und rassische oder kulturelle Überlegenheitsgefühle als Grundlage bei der Besetzung von Lehrstühlen dienen? Ein anderes Phänomen, mit dem wir leider konfrontiert wurden, ist die sog. strukturelle (indirekte) Gewalt. Gewalt kann dann als strukturell angesehen werden, „when force is not exerted wilfully by

70

Jäger, Siegfried, Nur ein Sommerlochtraum, Die Kampagne gegen Rechts in Medien und Politik. In: DISSJOURNAL 7(2000). 71 Die Person meinte lachend, die FU betreibe hier Entwicklungspolitik!

a person but by a structure created and perpetuated by a custom or law.“72 Strukturelle Gewalt ist „vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse (...), die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist“.73 Anders ausgedrückt ist „structural violence (also called institutionalised) differentiated from personal violence (also called behavioural) and refers to preventable harm or damage to persons (and by extension to things) where there is no actor committing the violence or where it is not meaningful to search for the actor(s). Such violence emerges from the unequal distribution of power and resources or, in other words, is said to be built into the structure(s).”74 Das Problem ist, „dass strukturelle Gewalt schwierig zu erkennen ist. Viele Menschen verleugnen sie, in dem sie sagen, so sind die Dinge nun mal oder es gibt keine Alternativen“75. Eine Ohnmacht der Betroffenen oder der sich ausgeklammert fühlenden ist die Folge. In unserem Fall machen bürokratische Hindernisse, undurchschaubare Strukturen und ein generell verkrustetes System, das unflexibel für Veränderungen und für Umsetzungen innovativer Programme zu sein scheint ein Handeln hin zu einem Paradigmenwechsel fast unmöglich. 4.3 Machtpolitik bei der Strukturplanung Aus unserer Sicht hat das OSI mit dem Ausschluss Afrikas aus seinem Strukturplan eine durch und durch politische Entscheidung getroffen. Das Argument des Sparzwangs mag, vor allem auf den ersten Blick, berechtigt sein. Auch mag der Sparzwang eine sog. Katalysatorfunktion bei der Entscheidung, Afrika zu streichen, gehabt haben. Logischerweise, denn gäbe es unerschöpfliche Mittel hätte man erst gar nicht vor einer solchen Entscheidung gestanden! Dennoch war die 1995 getroffene Entscheidung, den Lehrstuhl „Politik Afrikas“ ersatzlos zu streichen keine Sparmaßnahme, sondern zum einen eine strategische und zum anderen eine institutsinterne, rein machtpolitische Entscheidung. Zumal das von Prof. Kum’ a Ndumbe III. vorgeschlagene Programm schon in der Konzeption und Ausrichtung die allgemein bekannte schwierige finanzielle Situation der Universität und des Instituts berücksichtigt und im Wesentlichen auf eine externe (außer-universitäre) Finanzierung aufbaut. Der Beitrag des Instituts (bzw. der Universität) beschränkt sich demnach auf ein Minimum an Kosten (Räume, Material, evtl. Lehre) und der Unterstützung bei der Umsetzung (beim Finden externer Geldgeber, Unterschreiben und Verschicken von Anträgen, etc.). 72

Odora-Hoppers, Catherine A., Structural Violence as a Constraint to African Policy Formation in the 1990s, Repositioning Education in International Relations, Institute of International Education, Stockholm University, 1998, S. 43. 73 J. Galtung (1971) Gewalt, Frieden und Friedensforschung, in : D. Senghaas (Hg.) Kritische Friedensforschung 74 Maas Weigert, Kathleen, in Encyclopaedia of Violence, Peace and Conflict, Vol. 3, Lester A. Kurtz, Editor-in-Chief (San Diego, CA: Academic Press, 1999), pp. 431-440. 75 Sulak Sivaraksa, Rede auf der Peace Brigades International Konferenz zum 20-jährigen Jubiläum, 26./27. Okt. 2001.

Die Tatsache aber, dass es bis dahin einen Afrikalehrstuhl am OSI gegeben hat, der 1992 (endgültig dann 1995), kurz nach dem Ende des Kalten Krieges gestrichen wurde legt die Vermutung nahe, dass Afrika in der politikwissenschaftlichen Analyse nur solange wichtig, wie es strategisch interessant war. Anfang der 90er Jahre war die Zeit der ‚Conférences Nationales’, der Demokratisierungsprozesse, der sog. ‚Zweiten Unabhängigkeit’ in Afrika. Gerade aus politikwissenschaftlicher Perspektive hätte Afrika in dieser Zeit interessanter werden und an Bedeutung gewinnen müssen. Der ‚Wind of Change’, der zum Fall der Mauer geführt hatte, brachte jedoch auch eine entgrenzte und globalisierte Welt hervor. Geostrategisch verlor Afrika dadurch an Relevanz und die europäischen Staaten, insbesondere Deutschland, wandten sich gen Osten. In einer Zeit also, in der Afrikas politische Systeme sich dem Demokratisierungsdruck von der Strasse öffneten, wandte sich auch das OSI von Afrika ab und konzentrierte sich auf die europäische Integration, die Transformationsprozesse im ehemaligen Ostblock und die Osterweiterung der EU. Diese Vermutung wird zusätzlich durch die Tatsache gestützt, dass die ebenfalls vom Ausschluss bedrohte Arbeitsstelle „Politik des Vorderen Orients“ durch die Geschehnisse des 11. September an Bedeutung gewonnen hat und entgegen der bisherigen Pläne, den Sparmaßnahmen nun doch nicht anheim fallen wird. Die zweite wichtige Komponente bei der Entscheidung ist von der ersten Komponente kaum zu trennen. Die institutsinternen interessen- und machtpolitischen Kämpfe und der daraus resultierende Ausschluss Afrikas liefen vor dem Hintergrund der beschriebenen globalen Transformationsprozesse und der notwendig gewordenen Neuorientierung und Neudefinition eines so bedeutenden Instituts wie des OSI ab. Angesichts der damals bevorstehenden Emeritierung von Prof. Dr. Ansprenger war die Gelegenheit, Afrika durch andere, strategisch „wichtigere“ Analysefelder zu ersetzen, günstig. Auch die aktuelle Entscheidung, die politologische Afrika-Analyse in den neuen Strukturplan des OSI nicht wiedereinzugliedern, ist in erster Linie eine machtpolitische Entscheidung. Bei näherem Hinsehen geht es bei vielen Professoren um die Sicherung der eigenen Stelle (Professur) bzw. des eigenen Einflussbereichs. Und, wie uns von mehreren Seiten immer wieder bestätigt wurde, steckt noch eine andere Motivation hinter dem scheinbaren Desinteresse des Instituts gegenüber der Lehrtätigkeit von Prof. Kum’ a Ndumbe III.: die Angst davor, dass dieser nach einer mehrjährigen befristeten Stelle eine Dauerstelle einklagen könnte, was jedoch von der Art des Vertrages und der Anstellung abhängt, im Vorfeld also bereits anders geregelt werden könnte. Bleibt die einfache Tatsache, dass wenn die Universität, der Fachbereich und das Institut geschlossen für eine politikwissenschaftliche Afrika-Analyse eingetreten wären, also eine solche wirklich gewollt hätten, Mittel und Wege hätten gefunden werden können.

Bei all diesen strategischen und machtpolitischen Kalkülen der Universitäten und Institute auf der einen Seite und persönlichen Macht- und Einflussbereichssicherungen von Professoren auf der anderen, stellt sich für uns die Frage ob eine sinnvolle und transparente Strukturplanung – im Sinne von inhaltlich und fachsystematisch begründet und sozial und moralisch vertretbar – unter diesen Umständen überhaupt realisierbar ist? Zwar sieht sich beispielsweise das OSI selbst als „Ausbildungsstätte, die für die Aufgaben von morgen problemorientiert, breit und wissenschaftlich qualifiziert (Ausbildungsleistung), (...) als Forschungsstätte, die in internationaler und interdisziplinärer Kooperation auf aktuelle politische Fragen Antworten sucht (Forschungsleistung) und als eine Institution, die, im Rahmen der Hauptstadtfunktion, Berlins Politik und Öffentlichkeit wissenschaftlich berät (Beratungs- und Dienstleistung).“76 Die Realität jedoch sieht, wie der hier geschilderte Fall deutlich vor Augen hält, anders aus. Die nach dem 11. September kurzerhand getroffene Entscheidung, die ‚Arbeitsstelle Vorderer Orient’ doch nicht wie von langer Hand geplant zu streichen, spricht nicht für die Voraussicht und die Problemorientiertheit des Instituts. Hier scheint es bei der Strukturplanung vielmehr danach zu gehen, welche Politikfelder strategisch, politisch oder wirtschaftlich interessant sind, bzw. für welche Forschungsgebiete staatliche oder auch private Finanzierung zu erwarten sind (was oft dasselbe ist). Der Ausschluss eines gesamten Kontinents aus dem Strukturplan eines so wichtigen Instituts lässt sich heutzutage jedenfalls weder inhaltlich und fachsystematisch begründen noch sozial und moralisch vertreten. Die Entscheidung ist vielmehr aufgrund von machtpolitischen und egoistischen Erwägungen getroffen worden und wird aus denselben Gründen auch nicht rückgängig gemacht. 4.4 Der fehlende Diskurs Wäre der Ausschluss Afrikas aus dem Strukturplan des OSI ein Einzelfall, so könnte man interessierte Studenten ein anderes Institut empfehlen, wo eine systematische politikwissenschaftliche Beschäftigung mit Afrika möglich ist. Fakt ist jedoch, dass der afrikanische Kontinent von der gesamten deutschen Politikwissenschaft ausgeschlossen ist (siehe Kap. 1.2). Wie konnte es so weit kommen? Bei all unseren ‚Bildungspolitischen’ Vorstößen – Anfragen bei Ministerien etc. – wurde unser ‚Problem’ nicht nur verstanden, meist gaben uns die Minister bzw. ihre persönlichen Referenten vollkommen Recht, verwiesen uns jedoch auf die Tatsache, dass Bildungspolitik in Deutschland über die Länder und nicht über den Bund geregelt wird und dass die Universitäten sich und ihre Lehr- und Strukturpläne selbst definieren. Offensichtlich gibt es aber im deutschen Bildungssystem 76

Das Neue OSI, S. 1.

nicht ausreichend Kontrollmechanismen, die der Ausklammerung bestimmter Wissenschaftsbereiche entgegenwirken und die Studiengänge auf ihre Aktualität hin überprüfen. Darauf zu vertrauen, dass Institute und Fachbereiche ihre Fachsystematik von alleine, ohne wenigstens die Möglichkeit einer periodischen Kontrolle, „so offen definieren, dass sie die Grundlagen und Kernbereiche stets aufs Neue mit Fragen verbinden [können], die auf die ständigen Veränderungen ihres Gegenstandes reagieren“77 ist angesichts der verstrickten Interessenlage an Universitäten vielleicht ein wenig naiv und führt zu den geschilderten Verwerfungen. Im Gegensatz zur Situation in den USA beispielsweise, wo die African Studies Association (ASA) schon früh immer wieder Debatten bezüglich der wissenschaftlichen Behandlung Afrikas, über „who determines the African Studies canon, and how Africans are represented in that literature, but also about their continued blocked access to opportunities within the field“78 losgetreten hat, hat in Deutschland die ‚Vereinigung von Afrikanisten in Deutschland e.V.’ (VAD) diesbezüglich wenig erreicht bzw. überhaupt unternommen, was sich vielleicht schon aus der Zusammensetzung des Vorstands dieser Vereinigung79 erklärt. Ein Diskurs über die adäquate wissenschaftliche Umgangsweise mit Afrika existiert in Deutschland unseres Wissens nach jedenfalls nicht, ebenso wenig eine kontinuierliche Evaluierung der Lehrinhalte und Lehrmethoden oder eine kritische Infragestellung der Zusammensetzung des Lehrpersonals und damit der Lehrperspektive. Diese Debatten sind jedoch notwendig, um auch in Deutschland zu einer Dekolonisierung der Sozialwissenschaften zu gelangen. „Social Science has been Eurocentric throughout its institutional history (...). This is not in the least surprising. Social science is a product of the modern worldsystem, and Eurocentrism is constitutive of the geoculture of the modern world. (...) Social science emerged in response to European problems, at a point in history when Europe dominated the whole world-system. It was virtually inevitable that its choice of subject matter, its theorising, its methodology, and its epistemology all reflected the constraints of the crucible within which it was born.“80 Wo sind in Deutschland Institute wie das ‚Centre d’Études d’Afrique noire’ (CEAN, Bordeaux), das ‚Centre d’Études des Relations Internationales’ (CERI, Paris) oder das ‚Center for International Development’ (CID, Harvard University)? Wo bleiben in Deutschland die Mamadou Dioufs und Achille Mbembes, die Molefi Kete Asantes, Théophile Obengas und Valentin Mudimbes (um nur einige zu nennen), allesamt afrikanische Wissenschaftler, die nicht nur volle 77

Ebenda, S. 2. Keller (1998), S. 9. 79 Vorstand der wissenschaftlichen Vereinigung: Prof. Dr. Cord Jakobeit, Dr. Andreas Mehler, Prof. Dr. Rainer Tetzlaff, PD Dr. Ulf Engel, Dr. Gabriele Zdunnek. 80 Wallerstein, Immanuel, Eurocentrism and its Avatars: The Dilemmas of Social Science, Key Note Address at ISA East Asian Regional Colloquium, "The Future of Sociology in East Asia," Nov. 22-23, 1996, Seoul, Korea, cosponsored by Korean Sociological Association and International Sociological Association. 78

Professuren an Universitäten in Frankreich bzw. in den USA innehaben, sondern zum Teil ganze Institute und Fachbereiche leiten. Man sucht sie in Deutschland vergebens. Von Zeit zu Zeit „dürfen“ Afrikaner als Gastdozenten an Afrikanistik-Instituten lehren – das scheint das höchste der Gefühle zu sein. In Deutschland scheint man sich auch die Frage nach der Lehrperspektive nicht ernsthaft zu stellen und sich der Tatsache nicht bewusst zu sein, dass die Herangehensweise deutscher Afrikanisten “only constitute one possible approach and illuminate only one side of the problem, and that it is absolutely necessary to consider the indigenous African perspective as the basic one (...)”81. Durch ihre eurozentrische Herangehensweise ignorieren viele Wissenschaftler “an important interpretative key to the African experience”82. “If social science is to make any progress in the twenty-first century, it must overcome the Eurocentric heritage which has distorted its analyses and its capacity to deal with the problems of the contemporary world”, dass heißt “its historiography, the parochiality of its universalism, its asssumptions about (Western) civilization, its Orientalism and its attempts to impose the theory of progress.”83 Würde ein Diskurs über die eben kurz angerissenen Fragen stattfinden, würde auch das ohne Zweifel berechtigte Fortbestehen von „Regionalstudien“ wie Afrikanistik und Afrikawissenschaften die Integration Afrikas in andere Studiengänge nicht verhindern. Denn auch „an vielen afrikanischen Universitäten gibt es „Area Studies“ wie „German Studies / Etudes Germaniques“ an denen die deutsche Sprache und Linguistik, deutsche Literatur, deutsche Geschichte, Politik und Wirtschaft behandelt werden. Dies hindert afrikanische Politologen jedoch nicht daran, sich mit europäischen, amerikanischen, asiatischen und australischen Staaten in ihrer Ausbildung intensiv zu beschäftigen.“84 „Grundsätzliche, fachbezogene, politologische Fragen zu Afrika müssen eine Antwort in Lehre und Forschung finden, um mit dem neuen Afrika umgehen zu können. Dies schmälert die Arbeit der deutschen Afrikanisten oder spezialisierter Institutionen der Politikberatung in keiner Weise, ergänzt sie jedoch substantiell.“85 Ohne einen solchen offenen und kontinuierlichen Diskurs aber gleicht die deutsche ‚AfrikaAnalyse’86 einem archaischen und unstrukturierten Forschungsfeld. Zwar glänzen hier und da einzelne Professoren wie beispielsweise die Afrikanisten Prof. Wirz (HU) oder Ekkehardt Wolff (Leipzig). Die notwendige Systematik fehlt jedoch und innovative Initiativen sind wie man sieht auf den guten Willen von Universitäten bzw. von ihren Fachbereichen angewiesen, die sich bei Bedarf 81

Prof. Kum’ a Ndumbe III, Global Approach, S. 1. Seepe (1998), S. 65. 83 Wallerstein (1996), S. 1. 84 Prof. Kum’ a Ndumbe III., Brief an Studenten und Professoren, 2001. 85 Ebenda. 86 Hier verstanden als interdisziplinäres Forschungsfeld. 87 Außer man bewertet Aussagen wie „Afrika ist nun mal nicht Teil des Strukturplans“ oder „Wenn Afrika wieder reingenommen wird muss eine andere Professur über die Klinge springen“ als inhaltliche und fachsystematische Beiträge zur Debatte. 82

aber jeglicher inhaltlichen und fachsystematischen Debatte entziehen können87. Eine solch inkonsistente, eurozentrische und eindimensionale Ausbildung an deutschen Universitäten – das sollte man sich immer wieder klar machen – trägt erheblich zur Aufrechterhaltung der „neokolonialen“ Herrschafts-, Dominanz- und Ausbeutungsstrukturen in der Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika bei. 4.5 Ein gleichberechtigter Dialog? Immer wieder fordern Politiker und Wissenschaftler in Reden, Ansprachen und Briefen, auf Tagungen und Konferenzen, sowie in immer neueren Programmen ein Umdenken im Umgang mit Afrika oder gar eine neue Afrikapolitik, ein neues Millenniumprogramm oder eine neue Partnerschaft für eine nachhaltigere Entwicklung des afrikanischen Kontinents. Kürzlich konnte man Bundesaußenminister Joschka Fischer folgendes sagen hören: "Die Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa, zwischen Afrika und Deutschland braucht eine neue Partnerschaft mit der richtigen Balance von Solidarität und Selbstverantwortung. Diese stärkere Betonung afrikanischer Selbstverantwortung habe ich nie verstanden als eine Flucht Europas vor seiner Verantwortung, sei es für die Kolonisierung und ihre bis heute spürbaren Folgen, sei es Verantwortung für die Zukunft unseres Nachbarkontinents. Selbstverantwortung heißt für uns Europäer auch Abschied nehmen von jenem Paternalismus, der einen Gutteil vergangener Entwicklungspolitik prägte."88 Auch das ‚New Partnership for Africa’s Development’ (NEPAD) wurde von deutscher Seite fast mit Begeisterung aufgenommen. Uns stellt sich jedoch nach zwei Jahren harten Kämpfen die Frage, ob diese schönen Worte ernstgemeint waren und sind? Denn NEPAD läuft wie jede zukunftsgerichtete Initiative Gefahr, nachdem sie schwarz auf weiß zu Papier gebracht wurde in den Schubläden zu verschwinden und als Vorwand zu dienen, nichts zu tun. Bei der Umsetzung des NEPAD sollte es nicht in erster Linie darum gehen, eine oder auch zehn Ministerkonferenzen mehr zu organisieren. Gerade von der Auswahl und Anzahl, aber auch von der Effizienz kleinerer Projekte und Programme wird die Umsetzung des NEPAD abhängen. Ein Ausbildungsprogramm, wie es Prof. Kum’ a Ndumbe III. vorgeschlagen hat, ist nicht nur innovativ und zukunftsweisend. Es erreicht die richtigen Menschen: die Multiplikatoren, die Führungskräfte von morgen. Es ist im Wissenschaftsbereich angesiedelt, in dem Bereich, der nicht nur zentral für die Umsetzung des NEPAD sein wird (Humankapital, Fachkräfte, etc.), sondern auch der Bereich, indem die rassistischen Mythen, Stereotype und

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Joschka Fischer (2001), http://www.uschi-eid.de/docs/010404fischer.htm

Vorurteile geboren sind, welche die Beziehungen zwischen Afrika und Europa bis heute vergiften. Hier, an diesem Ort, muss auch der Anfang ihrer Dekonstruktion liegen. Dieses Ausbildungsprogramm ist, kurz gesagt, eine Chance, das NEPAD und die großen Worte, mit relativ geringen finanziellen Mitteln in die Realität umzusetzen.

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